Ein Lächeln in Thailand (2012)

So sehr man sich nach einem mehr als zwölf Stunden langen Flug freut, endlich am Ziel angekommen zu sein, der Flughafen Bangkok erregt Mitleid. So seltsam wehrlos wirkt der Stolz des Landes, wie er in den langen Tentakeln eines mindestens zwanzigarmigen Kraken eingeschnürt ist. Gefangen in der Umarmung eines graues Riesentiers mit auf unzähligen Stelzen sich dahin windenden Straßenbändern, die übereinander und durcheinander ins Endlose zu führen scheinen.  

Das weitere Umland der thailändischen Hauptstadt ist und bleibt Bauernland.

Da kann es sich noch so bemüht mit Begrüßungsworten auf smarten Triumphbögen schmücken, die aus Holzschnitzereien mit viel grellem Farbauftrag bestehen. Was ist das schon, wenn man darunter durchrauscht, mit dem schreckstarren Blick auf den Verkehr. Und auch die Maialtärchen da und dort neben der Straße, immer mit dem Bild des Königs oder sogar des Königspaars und viel Blumenschmuck und goldenen Bändern, sie sind längst nicht so imponierend wie die gigantischen Gerüstbauten, die überall in der Landschaft herumstehen und die Sonne zu verdecken suchen. Filigrane Stahlkolosse, durch die der Wind fährt. Sie tragen die haushohen Werbebilder der Firmen, die hier längst die Macht ergriffen haben. Big Business grüßt mit seinen bekannten Namen und zeigt unmissverständlich, wo es lang geht: Geradewegs in den Konsumrausch!

Bei den allgegenwärtigen Bildnissen des Königs Bhumibol, der gerade seinen 85. Geburtstag feiert, bevorzugen seine Untertanen eindeutig Fotos des etwas skeptisch und mit Intellektuellenbrille dreinschauenden jungen Studenten in der Schweiz. Auf anderen Bildern erinnert mich der König in der Pracht seiner Herrscherkleidung an den Papst, auf wieder anderen in der ihn umgebenden feierlichen Aura an den Dalai Lama. Wie auch immer, in der Konkurrenz mit den Autos, Küchen, Getränken, Häusern und dergleichen, die als Riesen-Blow-Ups von den gigantischen Gerüstinstallationen herab grüßen, fällt der vom Volk verehrte König immer mehr zurück. Und er kann sich nicht damit trösten, dass mancher Werbeträger neuerdings ohne bezahlte Werbung bleibt.

Der 1950 gekrönte König Bhumibol der Große, wie ihn sein Volk nennt, hat mit seiner Familie nicht weniger Sorgen und Ärger als die britische Queen. Im Vordergrund steht neben dem schlechten Gesundheitszustand der schönen Sirikit, seiner inzwischen auch schon achtzigjährigen Frau, die drängende Frage, wer ihm auf dem Thron folgen wird. Darauf gibt es noch keine Antwort. Eine Tochter ist in Ungnade gefallen, weil sie in den USA einen Amerikaner geheiratet hat. Inzwischen ist sie zwar zurückgekommen, wird aber nur noch unter ferner liefen gehandelt. Eine andere Tochter ist liebevoll bemüht um ihren alten Vater und beim Volk sehr beliebt, aber ob das ihr weiterhilft, ist fraglich. Der 1952 geborene Kronprinz ist weit weniger beliebt, gilt jedoch als oberster Militär. Das heißt, er hat im Falle eines Falles alle Macht in seinen Händen. Doch offiziell entscheidet über die Nachfolge das Parlament. Und die Parlamentarier entscheiden – ebenso offiziell – nach dem Willen des Volkes. Also kann ja nichts schiefgehen.

Was nördlich von Bangkok liegt, ist Wasserland, ist Reisland, ist Flachland, dem mit aufgeworfener Erde mühsam kleine Flächen abgetrotzt werden. Immer neben der Straße einen knappen Meter hoch aufschütten und das neu gewonnene Land säuberlich planieren, und schon ist Platz geschaffen für eine Tankstelle, für Werkstätten oder für den kühnen Ansatz einer kleinen Siedlung. Wie Hundezungen hängen die Ergebnisse der Landnahme der Überlandstraße aus dem Maul. Viele Zungen, erquickende Zungen, weil sie einiges an Grün hochwuchern lassen. Auf einmal sogar ein Park voller Blüten, Bäume, Büsche und Bäche.   Wo Schlinggewächse dich begleiten, wie du dir einen Weg über ausgelegte Steinplatten suchst. Den Weg zum Restaurant im Garten Eden.

Für Thailand-Touristen ist die Richtung klar: Es geht nach Norden, zur zweitgrößten Stadt des Landes: Chiang Mai. Die Straße, meist schnurgerade angelegt, sieht aus, als hätte Napoleon sie gebaut, zeigt jedoch jeweils am Anfang und Ende der Geraden statt des Kirchturms ein Riesengerüst, das ein gigantisches Werbebild trägt. Dieser Ersatz könnte durchaus noch napoleonisch sein, aber dass auf der Straße Linksverkehr herrscht, wie in England, das hätte Napoleon ganz sicher nicht zugelassen.

Für den, der von Bangkok in Richtung Norden fährt, bietet sich nicht viel Abwechslung. Dabei führt diese Straße nach China. Und je näher man der Grenzregion kommt, umso deutlicher wird: Der große Nachbar strahlt nach Süden aus. Die Häuser neben der Straße tragen immer öfter Parabolantennen. Kassiber in Schüsselgestalt. Und die Straße ahnt noch nicht, dass sie allmählich durch diese Schüsseln und das Internet auf noch höherer Ebene für Vieles  überflüssig gemacht wird.

Einmal ganz hinauf und wieder hinunter gefahren, weiß man: Thailand ist das ideale Land für Pflanzen und Tiere, Götter und Geister aller Art. Und mitten dazwischen leben auch Menschen.

Diese Sonne! Dabei ist jetzt hier in Thailand Winter. Am frühen Morgen habe ich sie noch freudig begrüßt. Am Mittag aber wollte ich schon nichts mehr mit ihr zu tun haben und hielt mich versteckt: Bin nicht da. Am Abend habe ich sie inständig gebeten: Nun geh doch endlich, und nimm alles mit, was zu dir gehört, vor allem diese mörderische Hitze!

Thailand ist ein wunderbar grünes Land. Schade, dass ich nur wenige Bäume und Sträucher mit ihren Namen kenne. Obwohl mehr Namenskenntnis auch nichts änderte, sie weder schöner noch hässlicher machen würde. Ich erkenne Teakholzbäume, dazwischen Palmen, Bananenbäume, Bambus und Eukalyptus, aber keinerlei Nadelgehölz. Dafür immer wieder diese weiten, nassen Reislandstriche, manchmal mit ein oder zwei einsamen Menschen darin, die ihre Reiskulturen pflegen, in einem sonderbar misslichen Größenverhältnis zu ihrer Aufgabe.

Einmal auf dem Rücken eines Elefanten durch Fluss und Matsch und Wald geritten,   habe ich eine neue Einstellung zur Wahrhaftigkeit von Volksweisheiten bekommen. Dieses Tier, nur weil es so voluminös ist und so gewaltig dicke Füße hat, als gefährlichen Tölpel hinzustellen und vom Elefanten im Porzellanladen zu sprechen, wenn jemand ungeschickt ist, das ist ein großer Irrtum. Wie behutsam der Elefant jeden Fuß setzt und auf was für schmalen und steilen und glitschigen Pfaden er sich bewegen kann, da möchte ich glatt die Empfehlung geben: Mach einen Elefanten zum Aufseher in deinem Porzellanladen, dann geht nichts mehr zu Bruch.

Die Gesellschaft Thailands driftet nur in ihrem äußeren Erscheinungsbild deutlich auseinander: Die ältere Generation, meist schrecklich verarbeitet aussehend, hat von zweihundertfünfzig Jahren Aufklärung im fernen Europa nichts mitbekommen und lebt deshalb immer noch mit den Königsbildern und den Geisterhäuschen und den Tempeln, Tempeln, Tempeln. Die junge Generation tut es ihr brav nach, ist dabei aber schick aufgemacht, hat nicht nur Jeans und Coca-Cola, sondern auch Strähnchenfrisuren und iPad oder Tablet und fährt auf dem Moped an den zweihundertfünfzig Jahren Aufklärung vorbei in ein amerikanisches Morgen hinein, den Kopf gut geschützt in einem Integralhelm.

Die Mönchseleven, die einst zum Bild des Alltags gehörten, werden immer weniger. Thailands Buddhismus zeigt anders als die anderen großen Weltreligionen keine Radikalisierungstendenzen. Das würde auch nicht dem Wesen dieser Religion entsprechen.

Nicht leicht zu durchschauen, was sich hinter der Devise verbirgt: Schuhe aus!  Bei jedem der ungeheuer vielen buddhistischen Tempel habe ich dem Befehl brav Folge geleistet, egal ob für einen sitzenden oder liegenden Buddha, weil ich darin eine selbstverständliche Geste der Ehrfurcht sah. Oder sogar eine Demutshaltung.   Doch dann sah ich diese ultimative Aufforderung auch am Eingang von Restaurants. Was ich mir nur so erklären konnte, dass man den Straßenschmutz draußen lassen sollte. Akzeptiert. Aber dann die versammelten Latschen vor dem Eingang einer öffentlichen Toilette. Da habe ich nicht mehr mitgemacht, sondern meine MBT-Sandalen mit den extradicken Sohlen anbehalten. Was auch richtig war, ich hätte sonst nasse Füße und Wer-Weiß-Was bekommen.

Thailand ist stolz darauf, anders als seine Nachbarn niemals Kolonie eines beherrschenden Staates gewesen zu sein. Da kann man natürlich gratulieren. Obwohl man sich heimlich sagt, dass die Zeit unter fremder Herrschaft auch Vorteile gebracht hätte. Haben doch etliche Länder auf diese Weise das Englische als einheitliche Landessprache bekommen und so das Problem mit den vielen Regionalsprachen überwunden. Zudem – das mit einem feinen Lächeln gesagt – kann auch weniger Wichtiges positiv gesehen werden. Beispielsweise hätten die Franzosen als Kolonialherren den Thais ein Sortiment wohlschmeckender Käse eingebracht. Und die Deutschen hätten ihnen zumindest beigebracht, Brot zu backen.

In manchen großen Hotels des Landes, in denen es nur so wuselt von internationalem Publikum, wundert man sich, wenn man an der Rezeption keinen Menschen findet, der wenigstens ein bisschen Englisch versteht. Ist das doch die internationale Lakaiensprache. Und hat König Bhumibol nicht schon vor Jahren seine Bürger aufgefordert, sie sollten lernen, lernen, lernen? Er hat sogar ein Auslandsstudium ausdrücklich gut geheißen, hat sich aber auch dafür eingesetzt, dass die im Ausland examinierten Thais dann in ihre Heimat zurückkommen und hier Arbeit und Wohnung finden.

Ganz klar: Thailand ist was für Ästheten. Wobei junge Ästheten sich für den Anblick der jungen Thailänderinnen begeistern,   ältere auch für den besonderen Reiz der Thai-Schrift. So oder so erliegt man hier der Faszination des Grazilen. Doch schaut man irritiert drein, wenn man dem Grazilen auch bei den jungen Männern in Uniform begegnet. Mit klotzigem Revolver und kleinen Handschellen am Gürtel. Gerade noch der spärliche Ansatz eines Schnäuzers zum Imponieren. Aber sie haben ja alle ihre zwei Räder unter sich, die jungen Männer wie die jungen Frauen. Und wie souverän sie sich mit dem Moped oder Roller im dichtesten Verkehrsgewühl behaupten, das ist überzeugend.

Sowas von sauber sind die Überlandstraßen. Fast unglaublich. Kein einziger Papierschnipsel, keinerlei Plastikabfälle. Darin sind die Thais uns so klar überlegen wie im kräftig gewürzten Kochen. Da fragt man sich: Erklärt sich die Sauberkeit der Landstraßen vielleicht damit, dass alle Autos, die großen wie die kleinen und die Busse, die Fenster fest geschlossen haben? Wegen der Klimatisierung. Also gar keine Möglichkeit der Umweltverschmutzung? Am Reinlichkeitsbedürfnis der Menschen kann es jedenfalls nicht liegen. Denn wo die Thais eng aufeinander hocken, ist der Unrat doch als pittoreske Garnierung zu bewundern. 

Selbstverständlich führt unsere Rundfahrt auch in einen Edelsteinladen. Richtiger: In einen weitläufigen Palast mit ein paar Arbeitern, die stumm und ohne einen Blick zu den Besuchern hin an winzigen Schmuckstücken werkeln. Anschließend in der großen Halle rund fünfzig hübsche junge Frauen mit einem Dutzend schwarz gekleideter Aufseher hinter sich, so stehen sie bei ihren Vitrinen voller Glitzerkram, mit einladendem Lächeln total beratungsbereit. Die weltweit immer gleiche Ausstellung für Touristen zur Bedarfsweckung für das Überflüssige, sei das nun Schmuck oder Keramik, Papierschirm, Glaskunst, Schnitzerei oder Seide oder was auch immer.

Im alten Königspalast zu Bangkok sind leere Thronhallen und alte Waffen zu bewundern und abenteuerlich aufgemachte Touristen aus aller Welt. Und sogar die Wachablösung ist zu sehen und zu knipsen.  Der König aber nicht. Der hat sich längst in den neuen Königspalast zurückgezogen, der in einem grünen und ruhigeren Stadtteil erbaut wurde.

Weihnachten tragen die buddhistischen Schulkinder ebenso selbstverständlich die Zipfelmütze des Weihnachtsmanns,  wie bei uns christlich erzogene Kinder beim Halloween mit Kürbisköpfen herumlaufen. Wenn auch das eine wie das andere ihnen nichts sagt, Kindsköpfe passen in alle Verpackungen.

Der Fluss Menam, der sich durch die Sieben-Millionen-Stadt Bangkok windet, gibt der Stadt Weite und Stimmung und eine gewisse Romantik.  Auch Lebhaftigkeit bietet er ihr mit den schnellen Motorbooten und den Hotelzubringern, den schwer beladenen Frachtkähnen und den schwimmenden Straßenbahnen. Dabei sehe ich das alles falsch herum, weil kein Fluss sich durch eine Großstadt schlängelt wie eine Riesenkobra, vielmehr sich an dem Fluss, der zuerst da war und sich in der weiten Ebene räkelte, Hütten und Häuser und schließlich Wolkenkratzer in phantastischen Formen festgesetzt haben wie Muscheln und Tang am Bootsboden. Und der alles beherrschende Fluss Menam, er räkelt sich weiterhin in seinem breiten Bett, unbekümmert fließt er mal soherum und mal andersherum, je nach der Tide im nahen Golf von Thailand.  Doch zeigt er sich neuerdings etwas altersmüde und fließt immer langsamer, als ob er nicht mehr wüsste: Wozu eigentlich?

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