Die Liebesfälscher

(Copie conforme, Certified Copy; Frankreich, Italien, Iran/ 2010; 106 Minuten; Drehbuch und Regie: Abbas Kiarostami)

Wenn auch jeder Zeitungsschreiber, der sich als Filmfachmann gibt, voller Begeisterung meint, Juliette Binoche sei die Offenbarung dieses Films, muss ich widersprechen. Ja, die Schauspielerin hat überzeugend gespielt, was der Drehbuchautor und Regisseur ihr vorgeschrieben hat. Aber dass eine gelernte Schauspielerin die ihr aufgetragene Rolle gut darstellen kann, ist doch eine Selbstverständlichkeit. Andernfalls sollte sie umsatteln. Sogar ihr Partner William Shimell, der kein Schauspieler ist, sondern ein Sänger, spielt seine Rolle gut. Das in Wahrheit Erstaunliche an diesem Kinofilm aber ist, dass er vollkommen aus der Rolle fällt. Und dafür muss man dem Drehbuchautor und Regisseur gratulieren. Er ist der Star. Er verdient unsere Bewunderung.

Denn er bietet uns nicht die üblichen O-Beine einer Liebesstory, bei der man schon weiß, wer mit wem zusammenkommt, ehe sie sich erst einmal trennen, er serviert uns nicht die übliche Geschwätzigkeit, mit der die Nähe zur Realität suggeriert werden soll, und auch nicht die übliche Hektik mit schnellster Schnittfolge und mit viel Lärm, um Modernität zu signalisieren. Keine Auto-Verfolgungsjagden, keine Nackedeis und keine Brutalitäten. Alles nicht nötig. Der Film mit dem unsinnigen deutschen Titel „Die Liebesfälscher“ kommt statt dessen als ein Vexierfilm daher, der einen vom Anfang bis zum Ende rätseln lässt, in welchem Verhältnis die beiden Hauptfiguren zueinander stehen.

Und damit sind sie richtig wiedergegeben. Weil sie für die beherrschende Thematik des Films stehen, die heißt: Original und Kopie. Ein Thema, das erweitert wird bis hin zur Fälschung und zur zeitbedingten Veränderung und verblassten Erinnerung. Bei dieser umfassenden Abhandlung des Themas Original und Kopie kann sogar das Original seinen Spitzenplatz verlieren. Was wir von René Magritte her kennen: Das Bild einer Pfeife ist keine Pfeife, sondern bloß eine Kopie. Der Film problematisiert es an der Gioconda, die als Frau das Original war, als das Originalgemälde Mona Lisa von Leonardo da Vinci uns aber schon als eine Kopie erfreut, so sicher wir sind, im Museum vor dem Originalgemälde zu stehen.

Sehr geschickt und erstaunlich einfach, wie dieses philosophische Thema in den Film eingeführt wird: Ein Mann aus England stellt in einer Stadt Italiens in einem kleinen Saal sein Buch über das Thema Original und Kopie vor. Eine Zuhörerin, Kunstexpertin, die in der ersten Reihe sitzt, auf einem reservierten Platz, kann den zurückhaltend wirkenden Mann dazu bringen, mit ihr in ihrem Wagen einen Ausflug über Land zu machen. Dabei erzählt sie von ihrer Schwester und dem komischen Schwager, und er signiert wunschgemäß seine Bücher, die sie mitgebracht hat. Sie kommen zu einem Ausflugsort, in dessen Kirche ein berühmtes Gnadenbild hängt, vor dem sich zu jeder Zeit junge Paare trauen lassen. Das Gnadenbild ist erst vor kurzem als Kopie eines berühmten Gemäldes identifiziert worden und bleibt doch für die Menschen in dieser Gegend ein Original. Eine ältere Café-Besitzerin genau wie ein älterer Passant auf der Straße sehen die beiden Fremden ganz selbstverständlich als Ehepaar. Inzwischen sieht das auch der Betrachter des Films so. Die Statue von einem Mann und einer sich zärtlich anschmiegenden Frau lässt die beiden über Original und Kopie diskutieren. In einem Restaurant ärgert er sich über den schlechten Wein, eine Nörgelei, die ihr nicht unbekannt zu sein scheint. Schließlich aber bringt die Frau ihren Begleiter zu dem Hotel und in das Zimmer, in dem sie mit ihm vor fünfzehn Jahren die Hochzeitsnacht verbracht haben will. Sie macht ihm zum Vorwurf, dass er das vergessen hat, genau wie den gestrigen Hochzeitstag. Sie legt sich in der verführerischen Haltung auf das Bett, in der sie das vor fünfzehn Jahren getan hatte.

Der Mann aber bleibt unentschlossen. Ob er sich nicht an die Hochzeitsnacht mit ihr erinnern kann oder doch, ob er nicht auf die fremde Verführerin reinfallen will oder doch, das lässt der Film offen. Dass ihm aber durch dieses Erlebnis sein Thema Original und Kopie bis ins Ungeheuerliche ausgeweitet wurde, bis hin zu der irritierenden Möglichkeit, eine Kopie der Hochzeitsnacht mit seiner Frau oder aber eine gemeinsame Nacht mit einer fremden Frau als ein Original-Ereignis zu erleben, ist ihm anzusehen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Dieser Beitrag wurde unter Filmbesprechungen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.