Der X-Ray-Stil in der Literatur

Am 8. November 1895 entdeckte der aus dem Bergischen Land stammende Physiker Wilhelm Conrad Röntgen eine neue Art von Strahlen, die er X-Strahlen nannte. Es sind das die heute nach ihm benannten Röntgenstrahlen, international unter der Bezeichnung X-Ray bekannt. In der Physik wie in der Medizin lernte man ihre aufregende Besonderheit schätzen, nämlich die „Durchdringungsfähigkeit“. Die Röntgenuntersuchung , das sogenannte „bildgebende“ Verfahren, wurde schnell Standard.

Was hat das nun mit Literatur zu tun? Scheinbar nichts. Denn der Röntgenstil, auch X-Ray-Stil genannt, ist bisher ausschließlich für die Malerei ein Begriff. Dort bezeichnet er die simultane Darstellung von Äußerem und Innerem, nämlich der Umrißform eines Körpers und seiner Wirbelsäule sowie wichtiger innerer Organe. Dabei geht es um Tierbilder und um Menschendarstellungen. Dieser doppeldarstellende X-Ray-Stil tritt vor allem in Rindenbildern und in den nordaustralischen Felsbildern der Aborigenes auf.

Es ist an der Zeit, den Begriff X-Ray-Stil auch auf literarische Werke anzuwenden, nämlich auf den Roman. Ist dessen Kennzeichen doch die Simultaneität der Darstellung von äußeren Umrißformen einer Gesellschaft oder einer Epoche mit der Darstellung von einzelnen Menschen in ihrer Auseinandersetzung mit dieser Gesellschaft oder Epoche. Also Aufblick und Durchblick in einem: Der Roman durchleuchtet unsere Gesellschaft beziehungsweise unsere Zeit und unser Leben in ihr. Um in der Röntgensprache zu bleiben: Die „Durchdringungsfähigkeit“ des Romans macht seine Bedeutung als „bildgebendes“ literarisches Untersuchungsverfahren aus.

Nun ist es wahrhaftig nichts Neues, eher schon Common sense, daß jede Gesellschaft, jede Zeit darauf angewiesen ist, eine Literatur zu entwickeln, die sie kritisch durchleuchtet, weil alles Herumdoktern an den gesellschaftlichen Verhältnissen ohne vorhergehende sichere Diagnose Pfuscherei ist. Bei der Betrachtung der deutschsprachigen Literatur der letzten fünfzig Jahre können wir beruhigt feststellen, daß die österreichische Gesellschaft eine vielfältige Röntgen-Literatur hat, ebenfalls die schweizer Gesellschaft. Und erst recht gilt das für die Gesellschaft der ehemaligen DDR. Weniger zufrieden kann man dagegen mit der literarischen Röntgenuntersuchung der bundesdeutschen Gesellschaft sein. Das fing zwar gut an mit Wolfgang Koeppens „Tauben im Gras“ und „Das Treibhaus“, doch nachher ließ man kaum noch Gesellschaftsdurchleuchtendes kommen außer einem Siegfried Lenz nach dem anderen Siegfried Lenz, einem Günter Grass nach dem anderen Günter Grass. Den erstgenannten Autor hat man schnell vergessen, den zweiten schluckt man ohne Beschwerden, und dem dritten nimmt man es einfach krumm, daß er sich kritisch zur Zeit äußert.

Man muß leider feststellen: Die bei weitem größte der noch bis vor wenigen Jahren insgesamt vier existierenden deutschsprachigen Gesellschaften, nämlich die BRD-Gesellschaft, ist literarisch am wenigsten durchleuchtet worden. Oder richtiger gesagt: Die Versuche zu ihrer literarischen Durchleuchtung sind fast alle erfolglos geblieben. Das hat verschiedene Gründe. Dabei spielt eine Rolle, daß wir Deutschen schon immer eine besondere Affinität zu Ausländischem zeigen; darauf hat unser Kulturbetrieb sich eingestellt. Dabei spielt aber auch eine Rolle, daß die Schweizer und die Österreicher ihre gutausgebauten Literatur-Förderungs-Systeme im krassen Gegensatz zu bundesdeutschen Usancen so gut wie ausschließlich Autoren ihrer eigenen Nationalität zugutekommen lassen; so die überraschende Aussage der Statistiken. Dabei spielt ferner eine Rolle, daß die DDR-Autoren schon vor dem Fall der Mauer in der Bundesrepublik einen zweiten Markt hatten, während bundesrepublikanische Autoren nicht auf den DDR-Markt kamen. Und schließlich spielt die Hauptrolle, daß wir Bundesrepublikaner uns nur zu gern auf alle DDR-Literatur gestürzt haben, die mit ihren kleinen Dosen Marginalkritik an den dortigen Verhältnissen uns und eine überlegene Qualität unserer gesellschaftlichen Verhältnisse zu bestätigen schien.

Der letzte Satz müßte korrekterweise im Präsens gebracht werden. Denn auch mehr als 10 Jahre nach der Wiedervereinigung hat sich an der Vorherrschaft der DDR-Literatur bei uns nichts geändert. Die DDR-Autoren können weiterhin von der Schilderung der DDR-Verhältnisse, jetzt im Rückblick gebracht, zehren, weil der bundesdeutsche Kulturapparat sich an sie gewöhnt hat. Ihre Namen wie die der Schweizer und Österreicher sind unseren Kultur-Apparatschiks geläufig, sie fallen ihnen stets zuerst ein, all den bundesdeutschen Stipendiengebern, Preisverteilern, Redakteuren und Rezensenten, Veranstaltern von Lesungen, Buchhändlern, Buchhandelsvertretern, Lektoren und Verlegern. Sie haben sich daran gewöhnt und finden es so angenehm, daß die schweizer Autoren volltönend die Schweiz kritisieren, die österreichischen Autoren Österreich, die DDR-Autoren die ehemalige DDR – und kaum jemand an unseren eigenen Verhältnissen herummäkelt. Denn sie alle gehören ja zu den wichtigen Trägern dieser bundesdeutschen Gesellschaft, zu dem, was man vor einigen Jahrzehnten das Establishment nannte.

Zum Begriff des Establishments gehört nun aber, daß es nur an Selbsterhaltung interessiert ist, nicht jedoch an kritischer Durchleuchtung. Darüber kann auch der immer wieder theatralisch servierte Seufzer nicht hinwegtäuschen, man warte händeringend auf den großen deutschen Gegenwartsroman. Die danach schreien sind seine eigentlichen Verhinderer. Tatsache ist, daß bei den Menschen und Institutionen, die bei uns die Kulturszene steuern, nicht der Wunsch besteht, sich und die ganze bundesdeutsche Gesellschaft kritisch in Frage gestellt zu sehen. Es gibt einfach keinen Bedarf an Durchleuchtung, damit auch keine Chance für den bundesdeutschen X-Ray-Stil. Wozu denn auch? Es gibt ja genügend kritische Literatur zu anderen Gesellschaften, die man importieren, propagieren und preisen kann. So leben wir weiter in einem der erfolgreichsten modernen Staaten und leisten uns den geschmäcklerischen Luxus, mit Scheuklappen und Oropax herumzulaufen: Nur nicht daran rühren, daß auch unsere Gesellschaft voller Probleme steckt.

Dieser Beitrag wurde unter Essays veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.