Der Rhein bei Konstanz (1999)

Hier in Konstanz wird er erst, der deutsche Rhein. Hier unter der Fußgänger-Eisenbahn-Straßen-Radfahrer-Brücke wird er von der Spindel genommen, wird aus dem weiten Wassergewirbel des Bodensees der glatte, dünne Faden Rhein gezwirbelt. Lang und länger wird er, unaufhaltsam, ohne Ende: zuverlässig. So taugt er zur Verarbeitung. Zur Arbeit zunächst noch nicht, aber bald. Und schon wird er zu einem warmen Wams für die deutsche Seele.

Der Bodensee, am Rhein statuiert er ein Exempel: ich mache deutsch, was sich mir anvertraut, egal wo es herkommt. Dafür spricht schon meine typisch deutsche Tiefe. Schon gehört, daß sie noch imponierender ist als nur imponierend? Neueste Messungen haben ergeben, daß ich nicht nur 252 Meter tief bin, sondern sogar 254 Meter. Und daraus wird der deutsche Rhein.

Die Hafeneinfahrt von Konstanz ziert seit dem Frühjahr ’93 die Imperia, ein steinern Riesenweib, das auf seinen erhobenen Händen die weltliche und die geistliche Gewalt trägt: Kaiser und Papst. So prächtig das Weib, das sich unermüdlich dreht, um sich von allen Seiten anstaunen zu lassen, so mickrig die beiden Gewalten, so lustig das Arrangement. Der Bildhauer Peter Lenk hat der offiziellen Aufforderung „Denk mal!“ das Pathos ausgetrieben und das Mal-Denken zum unterhaltsamen Zeitvertreib gemacht.

Gehen wir dem Bildhauer naßforsch auf den Leim. Denken wir einmal! Das mit den zwei Gewalten war ja bekanntlich das ganze Mittelalter hindurch die bestimmende Alternative. Und wie alles Denken in Alternativen ein Denkfehler. Denn die vielen landesväterlichen Fürstbischöfe, genau wie die Päpste mit ihrem Kirchenstaat, sie waren weltliche und geistliche Macht in einer Person. Und sie hatten den bloß weltlichen Fürsten Entscheidendes voraus: Was der Kaiser ihnen an Macht und Besitz verlieh, das konnte nicht vererbt werden. Es fiel mit ihrem Ableben an den großzügigen Schenker zurück. Deshalb waren die geistlichen Fürsten den Kaisern viel lieber als die weltlichen. Und noch etwas stand für ihre Übermacht gegenüber den nur weltlichen Herren: sie herrschten auch über das Bewußtsein ihrer Untertanen.

Die weltliche Macht hat ihr Defizit an Internsteuerung erst recht spät erkannt und auszugleichen versucht. Das war dann die Keimzelle des Nationalismus. Mein Reich, mein Vaterland, meine Heimat. Das war was fürs Volk: der Staat bin ich, und das als Spruch für den kleinen Mann. Der Nationalismus kam so gut an, daß er schließlich sogar das ultramontane Abhängigsein der Frommen überwucherte. Auch den Verstand. Auch die guten Sitten. Und die Friedfertigkeit, den Nachbarschaftsgeist. Alles in allem ein Riesenschlamassel.

Heute alles nur noch altes Gestrüpp, die Zwei-Schwerter-Zeiten sind so definitiv vorbei wie die Nationalismus-Zeiten, wir haben es nur noch mit Restmolästen zu tun. Und Imperia, die klassische Edelverführerin, hebt mit herrscherlicher Geste die Alternative auf: die Hand und die Hand, die Brust und die Brust, der Schenkel und der Schenkel – die Wahrheit liegt immer dazwischen.
Imperia, Luxuskokotte des Konstanzer Konzils, du hast die Alternative aufgehoben, indem du sie alle auf die Knie gezwungen hast. Alle gleich nichtig vor deinem Pantöffelchen. Wie schon lange die weltlichen Herren so während des Konzils die Oberpfaffen. Sie haben ihre Gier und ihr Gold wie ihre Ablässe bei dir abgegeben. Die Konstanzer hatten recht, dir dafür ein Denkmal zu setzen. Herrscherin über die Seelen, den Segen und den See. Deine erhobenen Hände dirigieren.

Alte Ansicht des Konstanzer Hafens mit dem Konzilsgebäude auf der linken Seite

Alte Ansicht des Konstanzer Hafens mit dem Konzilsgebäude auf der linken Seite

Wenn der Sommer vorbei und der Frühherbst ausgeglüht ist, die Ernte eingefahren, dann kommt die eigentliche Zeit des Bodensees. Dann hebt er sich aus seinem Bett. Dann wächst er über sich selbst hinaus: Nebel, Nebel. Noch schwimmen einzelne Schiffe auf dem See, die paar unverzichtbaren Fähren und Fischerboote, die so tun als könnte man das alte Tonnagenverhältnis beibehalten: exakt soviel unter der Wasserlinie und soundsoviel über ihr. Dabei ist sie längst über die Positionslichter, die Flaggen und Wimpel, sogar über die Mastspitzen hinausgewachsen, die Wasserlinie: circa fünfzig Meter über Normal-Null nichts als Nässe.

Nebelhörner bohren sich durch das Überallweiß, mit ihrem gutturalen Ton so vertrauenerweckend. Doch die Scheinwerfer haben wässrige Augen und sehen nichts als Wasser. Deshalb nur noch halbe Kraft voraus. Alles ist Vorsicht, Umsicht, Rücksicht. Und unter der Brücke fließt es milchig ab. Der Nebelberg kalbt. Da macht er sich klammheimlich davon, der Rhein bei Konstanz.

Und weil die Menschen ihn plötzlich scheuen, das quirlige Geschlecht sich versteckt, macht der See sich auf, sie an Land zu suchen. Die mit dem wackeligen aufrechten Gang. Wabert genauso wackelig die Gassen hinauf, greift um die Straßenlaternen und nach den Lichtreklamen, setzt überall seinen Dimmer an, daß die Lichter ihn nicht stören, ihm nur noch einen stillen Glanz geben. Fremdartig funkelnde Schmuckstücke, so steckt er sich das Gelichter in den Pelz. Der große Verwandler.

Gestalten gehen durchs silbrige Grau, schattenlos wie in der Unterwelt. Schattenspieler oder ihre eigenen Schatten. Kommen als Silhouetten auf dich zu, als wandelnde Scherenschnitte, psaligraphisch feingliedrig, scheingliedrig. Und verschwinden auch so hinter dir, sind schnell nur noch ihre sonderbar gedämpften Stimmen und ihre Schritte, naßschlurfend oder vorsichtig stöckelnd.

Und du gehst so, wie die Schatten erscheinen und schwinden und wie der Nebel zieht, gehst und gehst und suchst vergebens über den Rand der Glocke hinauszusehen, die der See dir übergestülpt hat. Der Nahbereich, der immer mitläuft, immer etwas anders und doch gleich, die paar Armlängen, auf die deine Umwelt geschrumpft ist. Da packt es dich. Ein Sich-Verwundern erst und ein Amüsiert-Sein. Nur die Augen offenhalten, nicht in den Rhein hinein, nicht in den See tapsen. Dann aber wirst du unruhig, fühlst wie du feststeckst, so eilig du weitergehst. Und plötzlich verstehst du: ich bin eingesperrt.

Da wird dir die nächste Kneipentür, hastig aufgerissen, zum Eingang ins Paradies. Nebel auch hier. Bierdunst und Zigarettenrauch, fast undurchdringlich. Was für ein Qualm! Warum nur habt ihr den guten Hus verbrannt? Dröhnendes Lachen belohnt noch den ältesten Witz. Denn so verräuchert hier alles ist, so vertraut ist es. Die an der Theke kennst du alle. Sind die Touristen doch längst weg. Der da hat seinen Traktor heute noch nicht angeworfen. Und die dort nicht hinterm Buffet auf dem Ausflugsschiff gestanden. Da der Arbeitslose, dort der Frührentner.

Pause ist angesagt. Eine Landschaft hat ihre silbern schimmernden Lider geschlossen. Golden läuft das Bier in die Gläser. Und der Rhein schleicht sich davon, als wüßte er zuviel. Über alle und alles. – Ein Fluß läßt einen immer zurück.

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