Der alte Heide in der Heide (2013)

Das Erste, das mir auffiel, als der Zug mit dem schönen Namen Heidesprinter mich von Hannover in die Heide brachte, waren Windräder. Darunter Maisfelder, Maisfelder, Maisfelder, die sich abwechselten mit Kiefernwäldern, Kiefernwäldern, Kiefernwäldern. Wenig Wind, aber viel Grün rechts und links von mir. Erfreulich. Wahllos hinein gesprenkelt diese braven Einfamilienhäuser, gebrannter Klinker im Fassonschnitt. Stumpfer Spitzgiebel und rotbraune Dachpfannen. Dann auf einmal dunkelbraun zotteliges Vieh in stoischer Haltung. Wie eine Büffelherde, solange keine jagdlüsternen Indianer in der Nähe sind. Die rötlichen Kiefernstämme aber reißen mich in eine andere Richtung, hin zu der preußischen Streusandbüchse, geradewegs nach Berlin und zu Leistikow, der sie so nackt und verschämt errötet gemalt hat.

Ich will aber nach Soltau. Halte mich deshalb lieber an den putzigen Häuschen fest, alle Jacke wie Hose, als ob die Leute, die nicht zu sehen sind, genauso alle gleich wären und nicht nur ihre Fernsehvergnügungen. Mache ich mir nur was vor oder stimmt das? Jetzt scheint mir, dass das Rotbraun der Dächer abwechslungsreicher wird, manchmal schon zum Braunrot hin. Ein schüchternes Farbenspiel. Tatsächlich sind die nächsten Kühe, die sich mir präsentieren, weiß, als wäre ich in Frankreich, in der Vendée. In Wahrheit bin ich in der Ortschaft Dorfmark, wo mein Zug eine Pause macht. Der Dieselmotor wird ausgeschaltet. Die Raucher bekommen Gelegenheit, auf den Bahnsteig hinauszutreten und sich dort schnelle und tiefe Nikotinzüge zu genehmigen, ehe der Zug wieder anfährt. Immer noch sehe ich kein Heidekraut. Dafür aber ein riesiges Spargelfeld. Und jetzt gibt es Getreide rechts und Getreide links und immer noch mehr Windräder, die stolze Konkurrenz zu den Biogasanlagen auf den Bauernhöfen, weiß ich. Aber das ist Wirtschaftspolitik und interessiert mich jetzt nicht. Ich will nur möglichst rasch in die Künstlerwohnung der Stadt Soltau einziehen, in der ich den ganzen Monat August als Gast der Stadt wohnen und schreiben darf.

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Schlemmen, shoppen, schlafen, so der Werbespruch der Soltau-Touristik. So schön das durch die Alliteration klingt, es ist doch stark untertrieben. Denn Soltau bietet viel mehr. Schon das Straßenverzeichnis zeigt Soltau als eine Stadt der Literatur. Nicht nur weil es die Goethestraße und die Schillerstraße gibt, die Herder-, Lessing- und Kleiststraße. Das sind ja schon Selbstverständlichkeiten, einfach unvermeidbar. Genau wie hier im Norden der Lönsweg und die Fritz-Reuter-Straße. Aber in Soltau gibt es auch die Heinrich-Heine-Straße und die Heinrich-Mann-Straße, die Wilhelm-Rabe-Straße und die Wilhelm-Busch-Straße. Und kein Mensch verwechselt die Heinis und Willis. Diese Dichterstraßen – und viele mehr – machen entsprechend Stimmung. Deshalb leistet sich Soltau die Künstlerwohnung, wo vor allem Literaten aus dem In- und Ausland einen Monat als Gast verbringen, sinnvoller Weise über der Stadtbibliothek.

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Im Böhmepark steht wie eine übergroße Landknechtstrommel das rot-weiße Zelt des Puppentheaters Heinz Lauenburger. Ja, Puppenspieler hätte ich werden sollen. Was für ein Job: Einmal am Tag eine Vorstellung von einer Dreiviertelstunde und dann wieder Freizeit, Freizeit, Freizeit. Der Kasper und der Räuber Nassnase, der Meister Ede und der Tunichtgut Pumuckel. Was sie sagen, kann man doch längst auswendig. Und dass man für die verschiedenen Stimmen die Familie mal sinnvoll einsetzen kann, das ist auch sehr gut. Die Hälfte der Zuschauer sind Erwachsene, die amüsiert dreinschauen. Vor allem finden sie die Reaktionen der anderen Hälfte, der Kinder, amüsant. Die Kleinen, vielleicht so bis an die zehn Jahre, lassen sich mitreißen, die über zehn langweilen sich, schauen kaum mal zur Bühne, halten aber Ruhe. Die Kleinen antworten den Puppen, rufen ihnen Warnungen zu und widersprechen lebhaft, weil sie doch besser wissen, wohin Kasper gegangen ist. Da zeigt sich der Sonntag-Nachmittag dem Sonntag-Vormittag überlegen; denn dem Pfarrer hatten die Kinder bei seiner Predigt nur stumm zuhören dürfen. Und selbst das Fernsehen fällt gegen dieses unmittelbare Erleben und Mitmachen ab.

Hier heißt alles, was man braucht, Böhme. Dabei hatte ich den Namen nie zuvor gehört. Ich war halt zu weit weg. Nun aber spaziere ich durch den Böhme-Park, wo die Böhme-Sonne unbarmherzig nach meinem Kopf greift. Ich flüchte mich auf eine Böhme-Bank, die im Böhme-Schatten steht, und lese die zuvor gekaufte Böhme-Zeitung. In der Nacht lasse ich mich in der Böhme-Pardon-Wald-Mühle vom Böhme-Wehr in den Schlaf rauschen und träume davon, dass ich mit dem geliehenen Böhme-Rad in den Böhme-Wald fahre, um Böhme-Eckern zu sammeln, wie wir das früher als Kinder tun mussten.

Die Stadt Soltau ist voller Fahrräder, zum Glück auch voller Radwege. Auffallend nur, dass die Fahrradvermieter auf die Rücktrittnabe schwören. Kaum mal ein Rad mit der 27-Gang-Schaltung und diesem Behelf der Handbremsen für vorn und hinten. Damit verraten die Räder, welches Publikum hier seinen Urlaub verbringt. Die wohlsituierte Generation 50 plus ruht sich hier aus und radelt hier herum. Lauter Leute, die noch auf Rädern ohne Schaltung das Radfahren gelernt haben. Jetzt haben sie immerhin eine Fünfgangschaltung am Lenker, aber auf die Rücktrittbremse verzichten müssen sie dafür nicht. Das gibt Sicherheit und Selbstvertrauen auf dem fremden Vehikel.

Wenn ich im Café sehe, wie die Kuchengabeln mit Effet in die erst im letzten Moment aufgeklappten Münder fahren, packt mich der Schreck: Wenn sie sich nur nicht verletzen mit diesem mal vierfach, mal dreifach gezinkten Eisen. Dieses martialische Gerät für den weichen Sahnekuchen und dann in den weichen Mund getrieben. Was für ein übertrieben gefährliches Gerät. Auf einmal verstehe ich, warum unsere Vorfahren Jahrhunderte lang keine Gabeln benutzten, sie überhaupt nicht kannten. Die gängige Erklärung dafür, die Gabel sei verpönt gewesen als das Werkzeug und Symbol des Satans, überzeugt mich nicht mehr, seit ich die bedrohlichen Gabeln vor den schönen Gesichtern meiner wehrlosen Nachbarinnen im Café gesehen habe.

Und ewig rauscht unter meinem Fenster die Böhme übers Wehr. Der permanente Geräuschpegel. Als wäre eine Autobahn in der Nähe. Ideal für Leute mit Tinnitus und für alle, denen ihre Selbstgespräche allmählich lästig werden. Doch für mich als Autor in Schreibklausur sperrt der Lärm der Böhme zuverlässig die Welt aus, wofür ich dem Flüsschen dankbar bin. Es lässt die Gedanken fließen, sich in Worte verwandeln, zu Sätzen sich zusammentun. Hektoliterweise schüttet die Böhme sich neben der Bibliothek aus, um Literatur zu werden, im Wettbewerb mit dem ewigen Raunen des Präteritums, das aus den Büchern quillt. Und ich helfe der Böhme dabei. Oder hilft sie mir?

Wollte endlich die Heide bewundern, die auf  der Straßenkarte so verlockend nah an die Gemeinde Dorfmark heranreicht. Also nur elf Bahnminuten von Soltau entfernt. Doch war es dafür zu früh, in doppeltem Sinne. Erstens blüht die Heide immer noch nicht. Sie zeigt sich beleidigt, weil man ihr bis in den Juni hinein mit scheußlicher Kälte und Nässe das falsche Wetter geboten hatte. Zweitens verschwinden die britischen Soldaten erst im Jahre 2015. Somit bleibt die Heide von Dorfmark und Bad Fallingbostel und und und noch eine Weile der größte Truppenübungsplatz Europas, wie mir ein Dorfmarker versicherte, mit unüberhörbarem Stolz. Dabei wird es nach Abzug des Militärs düster aussehen für die betroffenen Gemeinden und ihre Geschäftsleute. Zum Ausgleich dafür haben sie dann aber wieder die Möglichkeit, sich auf das Blühen der Heide zu freuen.

Soltau hat die ideale Lage, etwa gleich weit entfernt von Bremen, Hamburg und Hannover. Oder gleich nah zu diesen Großstädten? Das ist Geschmackssache. „Innerhalb einer Stunde kann eine Million Menschen nach Soltau kommen“, sagte mir der Soltauer Bürgermeister. „Aber besser nicht alle auf einmal.“ Ja, das gäbe für die 22.000 Einwohner erhebliche Schwierigkeiten. Ohne diese Million ist Soltau ein putziges Städtchen. Die Häuser so ordentlich, die Straßen und Bürgersteige so sauber, die Wege für die vielen Radler genauso, sogar mit andersfarbigen Steinen gepflastert und deutlich als Radwege markiert. Dazu viel Grün und romantische Gewässer in der Innenstadt, sowie eine gemütliche Fußgängerzone. Alles sehr ansprechend. Nur schade, dass es neben den Erholung suchenden Familien gerade der Schwerlastverkehr ist, der sich für Soltau begeistert. Die Fünfachser und die Tieflader mit Containern wie auch die dicksten Traktoren, sie kommen aus allen Himmelsrichtungen, um der Stadt einen Besuch abzustatten. Eine kurze, eilige und geräuschvolle Stippvisite. Um das Städtchen dann auf den sternförmig auch wieder hinausführenden Hauptstraßen schnell zu verlassen. Zum Glück.

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Eine Stadtführung der anderen Art erlebt. Für Gäste mit Humor und mit Interesse für das Hintergründige, das es in jeder Stadt gibt, das man aber als Tourist nicht mitkriegt. Zwei Frauen aus dem Spielmuseum Soltau, verkleidet als die Kreiselfrau Frauke und die Fee Violetta, tänzeln und bummeln mit ihren Zuhörern anderthalb Stunden lang durch Soltau-City. Nie hätte ich gedacht, dass ich so lange in den paar Straßen und Gassen unterwegs sein könnte. Aber wenn man am Haus eines späten Nachfahren von Till Eulenspiegel steht und die fliegenden Schuhe bestaunt, wenn man den Reißverschluss sieht, der die Fußgängerzone teilt, und sich vorstellt, auf wieviel tausend Eichenpfählen die großen Häuser linkerhand im Böhmematsch stehen, wenn man sich durch die innerstädtische Flüsteranlage was Nettes sagt. Und und und. Dann auch noch zu erleben, wie am ehemaligen Haus eines angesehenen jüdischen Geschäftsmannes und Wohltäters die Reichskristallnacht und das KZ in neuen Begriffen gebracht werden, damit die zuhörenden Kinder verstehen, was damals passiert ist. Das war gekonnt. Hinterher war ich in einer anderen Stadt Soltau.

Immer noch auf der Suche nach der Heide habe ich mich in Soltau in den Zug gesetzt und bin nach Lüneburg gefahren. Immerhin ist die Stadt doch die Namensgeberin der Heide. Aber ich habe auf der ganzen Fahrt kein Fetzchen Heide gesehen. Ich glaube, in absehbarer Zeit wird man alle Landkarten neu drucken müssen. Denn die ehemalige Lüneburger Heide erscheint mir wechselgenderisch. Sie wird männlich und heißt demnächst: Der Lüneburger Maiswald. Sehe ich doch fast nur Wald, mit großen Lichtungen voller Mais.

Im Bahnhof Uelzen war ich plötzlich im Grottenreich der Schlümpfe angekommen. Auf der Suche nach dem Bahnsteig 103 kam mir der lange, unterirdisch sich dahin windende Schlauch, durch den ich eilte, schon kurz vor. Müsste ja wohl noch zwei bis drei Kilometer laufen, bis ich hundert Bahnsteige hinter mir gelassen habe. Und kam dann doch schneller als erwartet wieder ans Tageslicht und staunte über die Buntheit und die voluminösen Säulen des Bahnhofsgebäudes. Alles so, als wäre es selbstverständlich, den obligatorisch akkuraten Klinkerbau mit Farben und wilden Formen aufjuchzen zu lassen. Wo bin ich nur hingeraten? Das Rätsel löste sich dann aber hochkulturell auf, als ich las, wie der Bahnhofsvorplatz heißt: Friedensreich-Hundertwasser-Platz. Oho, in Uelzen hat man Mut gehabt.

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Lüneburg nennt sich Salzstadt. Dabei ist die Salzerei längst vorbei. So lukrativ die Sache war, nach rund eintausend Jahren Salzgewinnung ist der Betrieb gegen Ende des vergangenen Jahrhunderts eingestellt worden. Es war halt billiger, das Salz bei Aldi zu kaufen. Heute ist Lüneburg eine Freiluft-Giebel-Ausstellung. Wie hoch in früheren Jahren die stinkreichen Salzherren von Lüneburg die Nasen trugen, zeigten sie an den Giebeln ihrer prächtigen Häuser. So hoch wie nur möglich, mal spitz, mal rund, mal treppig. Und dann möglichst noch eine Metallplastik obendrauf. Jeder wollte der Größte sein. Fast möchte ich sagen: Lüneburg ist eine Stadt für Hans-Guck-in-die-Luft. Nur dastehen, die Hand über den Augen, und schauen, schauen, schauen. Wenn da nicht die Gefahr wäre, von einem der vielen Stadtbusse überrollt zu werden oder ein Fahrrad in die Kniekehlen zu kriegen.

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Heureka! Ich habe sie gefunden, die vielbesungene Heide, die ich nun doch endlich sehen musste. Und ich wollte sie fußläufig haben. Also eine Viertelstunde Zugfahrt nach Schneverdingen und dann eine gute halbe Stunde zu Fuß nach Osten. Unter Eichen, Kiefern und Birken flott ausschreitend auf dem schmalen Pfad neben der Autostraße, der allen Radfahrern und dem einen Fußgänger gehörte. Erst bot sich mir ein Büroraum zur Miete an, dann wollte eine Schneiderei mir eine neue Mütze verpassen, und am schließlich erreichten Ende des Ortes wollte man mir ein Baugrundstück verkaufen. Alles uninteressant. Und auf der anderen Straßenseite die imposante hölzerne Eine-Welt-Kirche, war wohlverschlossen. Doch immer noch keine Heide. Aber dann. Linker Hand, hinter einem großen Parkplatz mit Campingwagen sah ich es lila schimmern. Da lag sie auf einmal breit hingestreckt vor mir, die Heide. Und ich war so begeistert, dass ich mich – nein, nicht hingekniet, aber doch hingehockt habe. Und ich habe die noch so junge, kaum erblühte Erika gestreichelt. Beidhändig. Hat ja niemand sehen können. Im nächsten Moment schien es mir, als ob diese zwei liebkosten Büschel plötzlich ihre Blüten weit öffneten, und ich bin erschrocken aufgesprungen und weggelaufen. Nur nicht gleich zu intim werden mit Erika. Auf meinem weiteren Weg durch die Heide, in dem hellgrauen Sand, wurde ich dann wieder einer von vielen, die gleich mir der Heide die Abdrücke ihrer Profilsohlen aufgedrückt hatten. Ja, Profil zeigen, das können wir.

Am Georges-Lemoine-Platz in Soltau steht in einem schattig-grünen Eckchen ein großer Stein mit der groß eingemeißelten Frage: Wann? Erst auf den zweiten Blick entdecke ich den daneben im Gras liegenden kleineren Stein mit dem Spruch: Deutsche Kriegsgefangene rufen das Gewissen der Welt. Da stelle ich überrascht fest: Sogar ein Mahnmal kann sich überlebt haben. Und verstehe plötzlich den Unterschied von Mahnmal zu Denkmal. Eine Mahnung kann sich erledigt haben, ein Gedenken aber ist etwas zeitlos Sinnvolles. Prompt kommt mir der Gedanke, wie aus diesem erledigten Mahnmal ein schönes und immer aktuelles Denkmal gegen den Krieg werden könnte. Man müsste nur einen dritten Stein dazu setzen, der die Inschrift trüge. Immer daran denken: Erst zehn Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs kamen die letzten deutschen Kriegsgefangenen frei.

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Jetzt habe ich gewagt, was man einfach nicht auslassen darf, wenn man in der Heide ist. Ich habe die Bergbesteigung hinter mich gebracht. Ohne Seil und Eispickel und auch ohne Bergführer hinauf auf den Wilseder Berg. Die absolut höchste Erhebung mitten im Naturschutzpark Lüneburger Heide. Stolze 169 Meter hoch ist hier die Endmoräne nach der letzten Eiszeit liegen geblieben. Jetzt ganz bedeckt mit Heidekraut, das freundlicherweise gerade schön lila blüht, mit meist einzeln herumstehenden Bäumen und Büschen und mit noch viel vereinzelter anzutreffenden Häusern und keiner einzigen Heidschnucke. Von dem Touristenort Undeloh aus war es mit der Pferdekutsche in langsamem Trott bis zu einem Sattelplatz noch unterhalb des Berggipfels gegangen. Und von dort zu Fuß anderthalb Kilometer weiter auf die Bergspitze, die in Wahrheit eine sonnenverwöhnte Bergstumpfe ist, aber einen schönen Rundblick über ferne Wälder und Heideflächen freigibt. Mangels eines Gipfelkreuzes hat dort oben beinahe jeder jeden geknipst, ehe man sich an den Abstieg machte.

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Die vielgerühmte Lüneburger Heide, eigentlich ist sie ein von Menschenhand herbeigeführtes Desaster. Das Ergebnis von Umweltzerstörung aus Ignoranz. Schon vor Beginn unserer Zeitrechnung sind die Menschen in dieser Gegend energisch gegen die alles bedeckenden Wälder vorgegangen. Mit Brandrodung haben sie Platz geschaffen für Ackerbau und Viehzucht. Der Ackerbau entzog den freien Böden Nährstoffe, so dass sie nach wenigen Jahren der Nutzung brachliegen mussten, und die zur Mast in die Wälder getriebenen Haustiere fraßen die Früchte des Waldes und die jungen Pflänzchen, so dass kein Wald mehr nachwachsen konnte. So breitete sich der Nichtsnutz aus, den wir heute als Heidekraut bejubeln. Und es entstand eine Art Steppenlandschaft, zu fast nichts zu gebrauchen, außer für Gefangenenlager, Konzentrationslager und Truppenübungsplätze.

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Ich bitte um Pardon für diesen unvermeidlichen Kommentar zum Thema Umweltschutz. Jetzt ist die Heide ein Juwel, das der Verein Naturschutzpark mit viel Mühe erhält. Wenn man die Heide nicht jedes Jahr entkusseln würde, also zu große Bäume absägen und Äste sowie junge Bäumchen wegschneiden, wäre die Heide ruck-zuck wieder unter nachwachsendem Wald verschwunden. Der Verein verteidigt also einen Umweltschaden, und das gegen massiven Widerstand, da manche Bauern am liebsten jedes Stückchen Sandboden zum Maisfeld machen würden, weil das mit den subventionierten Biogasanlagen den schnellen Euro bringt. Noch schneller als der Tourismus.

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In einem weit abseits gelegenen Stück Heide, in Frielingen bei Soltau, wo es weder Kutschfahrten noch Campingplätze noch Heidschnucken gibt, nicht einmal einen Parkplatz für anfahrende Wanderer, überhaupt keine Menschen, da entdeckte ich ein Schild, das mitten im blühenden Heidekraut stand, tief angebracht und halbverdeckt. Also stapfte ich hinein in die Heide, mich bei jedem Tritt auf Erika entschuldigend, wollte ich doch unbedingt lesen, was das Schild mir zu sagen hatte. Es warnte vor Schlangen und befahl: „Auf dem Weg bleiben!“ Da bin ich die fünfzig Meter brav wieder zum Weg zurück gestapft.

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Keine Frage, Celle ist eine wunderschöne Stadt. All die hübschen alten Fachwerkhäuser, 450 sollen es sein. Und allesamt stehen sie unter Denkmalschutz. Aber das schützt sie leider nicht davor, in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu kommen. Da und dort stehen sie zum Verkauf, und viel zu oft sehe ich Läden, die leer sind. Dabei gibt es hier 72.000 Einwohner, so erfahre ich. Die bringen doch Umsätze. Aber der größte Arbeitgeber der Stadt ist das Krankenhaus, höre ich. Das empfinde ich als einen Tiefschlag. Offensichtlich bin ich zu spät nach Celle gekommen. Die Stadt hat heute nicht ihre beste Zeit. Viel besser muss es ihr in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ergangen sein. Ja, zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, als überall in deutschen Landen Not und Tod herrschten, konnten die Celler sich wunderschöne Häuser bauen, wie mir die Beschriftungen an den schmucken Fassaden verraten. Wieso das? Weil alle Kriege uns verschont haben, sagen die Celler voller Stolz. Ja, dass die Heere im Dreißigjährigen Krieg nicht nach Celle kamen, kann ich verstehen. Sie hätten wochenlange Märsche durch ödes Gelände voller Sand machen müssen, ohne die Möglichkeit, sich selbst zu verpflegen, weil kaum mal ein kleines Bauerngehöft zu finden war, das man ausrauben konnte. War die Heidelandschaft doch noch zwei Jahrhunderte später – heute kaum vorstellbar – der Schrecken aller Reisenden.

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Von Heinrich Heine, immer mal wieder zu längeren Aufenthalten bei seinen in Lüneburg lebenden Eltern zu Besuch, finde ich in einem Brief aus Göttingen an seine besonders vertraute Schwester Charlotte die Bemerkung: „Die Lüneburger Heide ist 1/3 von der Ewigkeit und hat mich hinlänglich gelangweilt.“ Das war im Jahre 1824 kein ungewöhnliches Urteil. Zu der Zeit war die Lüneburger Heide noch schreckliches Ödland. Wer sie nicht meiden konnte, den erwarteten endlose Fahrten mit der Postkutsche durch sandige Gegenden ohne Schatten oder auf gefährlichen Wegen durch Moore. Und nur selten ein Dorf zu erreichen, wo es dann weder was Ordentliches zu essen gab noch eine akzeptable Unterkunft. Ein Arme-Leute-Land, das kaum Landwirtschaft erlaubte. Die Böden so karg wie das Futter für Mensch und Vieh. Damals war die einzige Entschuldigung dafür, dass man dort lebte, man sei halt dort auf die Welt gekommen. Doch von seinen Eltern konnte man nicht erwarten, dass sie sich dafür entschuldigten, einen in dieser Gegend gezeugt und geboren zu haben. Die hatten ja sonst nichts an Abwechslung. Gerade dass sie stolz darauf sein konnten, eine besondere Rasse von Schafen zu haben, die Heidschnucken, die noch anspruchsloser waren als sie selbst, dafür ihnen aber alles lieferten, was sie brauchten: Milch und Fleisch und Wolle und Felle und Horn und Dung. Es sollte noch etwa hundert Jahre dauern, bis die Menschen in der Heide von der romantischen Verklärung des Heidekrauts und vom Tourismus leben konnten. Und das verdankten sie einem anderen Dichter: Hermann Löns.

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