Archiv der Kategorie: T

Tierliebe

Illustration: Guntram Erbe, Hilpoltstein

Illustration: Guntram Erbe, Hilpoltstein

Auf ihre T. sind viele Leute besonders stolz. Manche verraten damit ungewollt, dass sie mit ihrem natürlichen Liebesverlangen bei den Mitmenschen nicht gut angekommen sind. Bei Tieren ist das Ankommen einfacher. So unkritisch auf Herrchen oder Frauchen fixiert, wie sie sind. Tiere lieben uns nicht, weil es sie begeistert, wie wir uns für sie begeistern, sondern weil wir ihnen zu fressen und zu saufen geben und ein warmes Nest. Das heißt, dass T. immer einseitig ist. Für das Tier ist, was Liebe zu sein scheint, nur ein Bratkartoffelverhältnis (vgl. Hund, Katze, Liebe, Tierlieb).

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Tinnitus

Lärm ist bekanntlich die Umweltverschmutzung Nummer Eins. Unser Hörsystem wehrt sich dagegen, indem es ihn mit einem permanenten Gegenlärm überlagert. Mediziner nennen das zirpende Dauergeräusch im Ohr T. oder auch “Weißes Rauschen”. Millionen Menschen hören es. Die daran leiden – oder zu leiden glauben, weil sie es sich als ein Leiden haben einreden lassen -, gehen auf Anraten der T.-Fachleute mit einem Gegenlärm dagegen vor (sog. Verdeckungstherapie). Sie stülpen sich stundenweise eine von einem Tongenerator erzeugte Maske von Dauergeräusch (sog. T-Masker) über, wodurch das T.-Zirpen unhörbar wird. So schaut man der Natur ihre Tricks ab, wenn man ganz besonders schlau zu sein meint. Ob dadurch die Fehlschaltung im Gehirn, die für das Dauergeräusch ursächlich ist, behoben wird, ist ja noch die Frage (vgl. Arzt, Genialität, Kommerz, Tinnef, Umweltverschmutzung).

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Tod

Auch der T. ist längst nicht mehr, was er einmal war. Denn der T. wird allmählich alt. Das zeigt sich daran, dass er immer zögerlicher, immer langsamer auswählt und zupackt. Dadurch können wir alt werden, viel älter als unsere Altvorderen. Und wenn wir nur fest daran glauben, dass die Entwicklung so weiter geht, dürfen wir hoffen, dass der T. vor uns stirbt (vgl. Alter, Hoffnung, Relativität, Unsterblichkeit).

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Todesgewissheit

Der T. ist das Größte am Leben. Von seiner Unvermeidlichkeit zu wissen ist das Vorrecht des Menschen und der stärkste Antrieb zum Lebensgenuss. Doch nicht zu wissen, wann der T. einen wegrafft, ist das Allerbeste an ihm (vgl. Furcht, Genuss, Hoffnung, Horoskop, Tod, Todesverachtung).

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Todesstrafe

Dass die T. keine Abschreckungswirkung hat, ist längst nachgewiesen. Deshalb ist sie von der Mehrheit der Länder weltweit abgeschafft worden. Wo sie noch gilt, entspringt sie einer besonders problematischen geistigen Verfassung der betreffenden Gesellschaft. Dahinter stecken Ideologien. Mehr als 80 % aller Hinrichtungen veranstalten bezeichnenderweise nur vier Staaten, nämlich China, Iran, Saudi-Arabien und USA. Und die Zahl der Exekutionen steigt. Fast immer sind es kleine Leute, bei denen sich die Staaten das Recht anmaßen, ihnen das Leben zu nehmen, das sie ihnen nicht gegeben haben. Dass es andere gibt, Politiker, Militärs, Wirtschaftler, Wissenschaftler, also sogen. Weiße-Kragen-Täter, deren Fehlverhalten unverhältnismäßig mehr Unheil anrichtet, ist bekannt. Aber weil die T. erwiesenermaßen keine Abschreckungswirkung hat, verzichtet man darauf, diese Groß-Täter zu verurteilen und hinzurichten (vgl. Erhängen, Ideologie, Gerechtigkeit, Lebensfeindlich, Regierungskriminalität).

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Todesverachtung

Nicht ganz richtiger Begriff für die Haltung der islamischen Intifadakämpfer in Palästina, der Selbstmordattentäter im Irak und anderer, die sich selbst in die Luft sprengen, um ihre Gegner mit in den Tod zu reißen. Denn dabei geht es nicht um Verachtung, sondern um den Wunsch, als Märtyrer direkt ins Paradies zu kommen. Wer darüber stöhnt, dass es gegen solche Wahntäter keinen Schutz gibt, sollte sich an die christlichen Kreuzritter erinnern, die – durch Papst Urban II. und Bernhard von Clairvaux aufgehetzt – schon vor 900 Jahren mit derselben T. und Paradiesgier in Palästina gegen die islamischen Einwohner gewütet haben, weshalb sie als unbesiegbare Himmelhunde gefürchtet waren. Dass dieses Do-it-yourself-Märtyrertum weder in der Bibel noch im Koran seine Berechtigung findet, hat nie gestört (vgl. Frieden, Fundamentalismus, Kamikaze, Menschenverachtung, Religiosität, Selbstmord).

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Toleranz

T. ist die generelle Duldung des Denkens und Handelns und Aussehens von Mitmenschen, obwohl es nicht mit dem eigenen übereinstimmt. Dies aus der nicht angezweifelten Gewissheit heraus, dass letztlich doch alle Menschen gleich sind. Sie ist eine der Grundvoraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben. Unfrieden kommt jedoch regelmäßig dadurch auf, dass niemand weiß, wo die Grenze zwischen T. und Selbstaufgabe oder Wurschtigkeit liegt (vgl. Ethnie, Existenzberechtigung, Ich-Instinkt, Lust, Meinungsäußerung, Rasse, Seiltanz, Unnatürlich).

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Toleranzmeister

Neben Fußball und Tennis ist Toleranz die dritte Sportart, in der wir Deutschen uns nicht gern übertreffen lassen. Wir tolerieren deshalb alles, und das bis zur Selbstaufgabe. Beispielsweise tolerieren wir, dass wir die Alleinschuld tragen am Ausbruch von zwei Weltkriegen. Dass wir die Kolonien verloren haben, weil wir nicht so mit den Einheimischen umgegangen sind wie unsere europäischen Nachbarn. Dass wir die Deutsche Mark abschaffen mussten, damit die Mauer fällt. Dass unsere Ersparnisse zugunsten der großzügigen Bankenrettung weggeschmolzen sind. Dass uns jetzt auch noch der Euro als Bargeld aus der Hand genommen wird. Dass wir uns daheim und auf der Straße nicht mehr sicher fühlen können. Dass unsere Sprache von den europäischen Institutionen, die wir finanzieren, als drittrangig abgetan wird. Dass ausländische Künstler generell besser sind als deutsche. Dass wir Ausländer, Zigeuner, Neger und zig andere Wörter nicht mehr in den Mund nehmen dürfen. Und dass uns nach zweihundert Jahre langem Ringen um Gedankenfreiheit eine neue Religion aus dem Orient aufs Auge gedrückt wird (vgl. Deutscher, Dummheit).

 

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Tourismus

Illustration: Anja Buchheister, Mannheim

Illustration: Anja Buchheister, Mannheim

Man kann über den T. sagen, was man will, es stimmt fast immer. So viele Gesichter hat er. Doch in erster Linie ist T. das Fressen des großen Hundes aus dem Napf der kleinen Katze und das Schlafen in ihrem Lieblingssessel, im besten Falle auch noch das Schnüffeln an dem komischen Wesen (sogen. Kultur-T.), dessen sonderbare Reaktionen er nicht verstehen kann. Der Hund bleibt Hund, wird allenfalls, wenn er es übertreibt, ein armer Hund, die Katze aber, so sehr sie sich über das Interesse des Hundes freut, kommt auf den Hund, unweigerlich (vgl. Depravation, Entwicklungshilfe, Feedback, Prolet, Tourist).

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Tourist

Der T. ist das Brikett der weltweit größten Industrie, nämlich der Reiseindustrie. Von einheitlichem Format und deshalb gut stapelbar. Zwar macht man sich nur ungern die Finger daran schmutzig, braucht aber nur wenig Feuer zum Anzünden, und schon hat man einen ergiebigen Energiespender, denn als T. gibt der Mensch großzügiger Geld aus als daheim (vgl. Persönlichkeit, Tourismus).

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