Archiv der Kategorie: T

Todesgewissheit

Der T. ist das Größte am Leben. Von seiner Unvermeidlichkeit zu wissen ist das Vorrecht des Menschen und der stärkste Antrieb zum Lebensgenuss. Doch nicht zu wissen, wann der T. einen wegrafft, ist das Allerbeste an ihm (vgl. Furcht, Genuss, Hoffnung, Horoskop, Tod, Todesverachtung).

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Todesstrafe

Dass die T. keine Abschreckungswirkung hat, ist längst nachgewiesen. Deshalb ist sie von der Mehrheit der Länder weltweit abgeschafft worden. Wo sie noch gilt, entspringt sie einer besonders problematischen geistigen Verfassung der betreffenden Gesellschaft. Dahinter stecken Ideologien. Mehr als 80 % aller Hinrichtungen veranstalten bezeichnenderweise nur vier Staaten, nämlich China, Iran, Saudi-Arabien und USA. Und die Zahl der Exekutionen steigt. Fast immer sind es kleine Leute, bei denen sich die Staaten das Recht anmaßen, ihnen das Leben zu nehmen, das sie ihnen nicht gegeben haben. Dass es andere gibt, Politiker, Militärs, Wirtschaftler, Wissenschaftler, also sogen. Weiße-Kragen-Täter, deren Fehlverhalten unverhältnismäßig mehr Unheil anrichtet, ist bekannt. Aber weil die T. erwiesenermaßen keine Abschreckungswirkung hat, verzichtet man darauf, diese Groß-Täter zu verurteilen und hinzurichten (vgl. Ideologie, Gerechtigkeit, Lebensfeindlich, Regierungskriminalität).

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Todesverachtung

Nicht ganz richtiger Begriff für die Haltung der islamischen Intifadakämpfer in Palästina, der Selbstmordattentäter im Irak und anderer, die sich selbst in die Luft sprengen, um ihre Gegner mit in den Tod zu reißen. Denn dabei geht es nicht um Verachtung, sondern um den Wunsch, als Märtyrer direkt ins Paradies zu kommen. Wer darüber stöhnt, dass es gegen solche Wahntäter keinen Schutz gibt, sollte sich an die christlichen Kreuzritter erinnern, die – durch Papst Urban II. und Bernhard von Clairvaux aufgehetzt – schon vor 900 Jahren mit derselben T. und Paradiesgier in Palästina gegen die islamischen Einwohner gewütet haben, weshalb sie als unbesiegbare Himmelhunde gefürchtet waren. Dass dieses Do-it-yourself-Märtyrertum weder in der Bibel noch im Koran seine Berechtigung findet, hat nie gestört (vgl. Frieden, Fundamentalismus, Kamikaze, Menschenverachtung, Religiosität, Selbstmord).

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Toleranz

T. ist die generelle Duldung des Denkens und Handelns und Aussehens von Mitmenschen, obwohl es nicht mit dem eigenen übereinstimmt. Dies aus der nicht angezweifelten Gewissheit heraus, dass letztlich doch alle Menschen gleich sind. Sie ist eine der Grundvoraussetzungen für ein friedliches Zusammenleben. Unfrieden kommt jedoch regelmäßig dadurch auf, dass niemand weiß, wo die Grenze zwischen T. und Selbstaufgabe oder Wurschtigkeit liegt (vgl. Ethnie, Existenzberechtigung, Ich-Instinkt, Lust, Meinungsäußerung, Rasse, Seiltanz, Unnatürlich).

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Toleranzmeister

Neben Fußball und Tennis ist Toleranz die dritte Sportart, in der wir Deutschen uns nicht gern übertreffen lassen. Wir tolerieren deshalb alles, und das bis zur Selbstaufgabe. Beispielsweise tolerieren wir, dass wir die Alleinschuld tragen am Ausbruch von zwei Weltkriegen. Dass wir die Kolonien verloren haben, weil wir nicht so mit den Einheimischen umgegangen sind wie unsere europäischen Nachbarn. Dass wir die Deutsche Mark abschaffen mussten, damit die Mauer fällt. Dass unsere Ersparnisse zugunsten der großzügigen Bankenrettung weggeschmolzen sind. Dass uns jetzt auch noch der Euro als Bargeld aus der Hand genommen wird. Dass wir uns daheim und auf der Straße nicht mehr sicher fühlen können. Dass unsere Sprache von den europäischen Institutionen, die wir finanzieren, als drittrangig abgetan wird. Dass ausländische Künstler generell besser sind als deutsche. Dass wir Ausländer, Zigeuner, Neger und zig andere Wörter nicht mehr in den Mund nehmen dürfen. Und dass uns nach zweihundert Jahre langem Ringen um Gedankenfreiheit eine neue Religion aus dem Orient aufs Auge gedrückt wird (vgl. Deutscher, Dummheit).

 

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Tourismus

Illustration: Anja Buchheister, Mannheim

Illustration: Anja Buchheister, Mannheim

Man kann über den T. sagen, was man will, es stimmt fast immer. So viele Gesichter hat er. Doch in erster Linie ist T. das Fressen des großen Hundes aus dem Napf der kleinen Katze und das Schlafen in ihrem Lieblingssessel, im besten Falle auch noch das Schnüffeln an dem komischen Wesen (sogen. Kultur-T.), dessen sonderbare Reaktionen er nicht verstehen kann. Der Hund bleibt Hund, wird allenfalls, wenn er es übertreibt, ein armer Hund, die Katze aber, so sehr sie sich über das Interesse des Hundes freut, kommt auf den Hund, unweigerlich (vgl. Depravation, Entwicklungshilfe, Feedback, Prolet, Tourist).

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Tourist

Der T. ist das Brikett der weltweit größten Industrie, nämlich der Reiseindustrie. Von einheitlichem Format und deshalb gut stapelbar. Zwar macht man sich nur ungern die Finger daran schmutzig, braucht aber nur wenig Feuer zum Anzünden, und schon hat man einen ergiebigen Energiespender, denn als T. gibt der Mensch großzügiger Geld aus als daheim (vgl. Persönlichkeit, Tourismus).

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Tradition

Oft gedankenlos als Wert an sich gesehen, hat die T. bei genauerer Betrachtung auch ihre Schattenseiten. Das beste Beispiel ist das seit hundert oder mehr Jahren gleichgebliebene Hotelgeschirr. Wer jemals mit so einem schweren, silbrig glänzenden Kaffeekännchen hantiert hat, weiß Bescheid: Fehlkonstruktion. An dem höllisch-heißen Henkel verbrennt man sich die Finger, und der tropfende Ausguss versaut einem den himmlischsten Frühstückstisch. Deshalb stellt sich, wo immer einem der hehre Begriff Tradition begegnet, automatisch der Gedanke an das Hotelkaffeekännchen ein – und man lässt die Finger davon. Es sei denn, man ist selbst genauso eine Fehlkonstruktion (vgl. Dummheit, Maske, Moderne , Table d’hȏte).

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Trauer

Der tiefste Grund tiefer T. ist: Je näher der gestorbene Mensch einem gestanden hat, um so mehr wusste er von den guten Seiten, die man ja schließlich auch hat, aber leider nur allzu selten zu zeigen Gelegenheit fand. Dieses Wissen hat er nun mit ins Grab genommen. Das positive Bild von sich, das man in ihm aufgebaut hatte, in langer, oft lebenslanger Bemühung, es ist einfach ausgewischt. Wenn das kein Grund zur T. ist, kein triftiger Grund zum Beweinen. Den Verstorbenen? – Nein, sich (vgl. Eigenliebe, Heuchelei, Nächster).

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Treue

Nein, die T. ist kein leerer Wahn. Sie ist eher der krasse Wahn. Der Extremfall, die eheliche T., ist ein positives Vorurteil, weswegen man sich heute zu ihr bekennen muss, selbst wenn man der Meinung ist, dass mehr Negatives an ihr sei als Positives. Denn dieses Vorurteil verfälscht etwas sehr Schönes, nämlich die Untreue, zu einer Missetat, denaturiert also das, was die wohlmeinende Natur in uns angelegt hat, damit wir uns niemals langweilen. Können wir doch keine Zustände empfinden, sondern nur immer Veränderungen. Wenn sich aber in einer Partnerschaft der eine oder der andere Teil nicht ändert, bekommt der andere oder der eine Teil irgendwann Zustände und sucht konsequenterweise außerhalb dieser Partnerschaft nach Veränderung. In der Regel ist das der Moment, da dem anderen Teil klar wird, wie sehr er es geliebt hat, von dem einen Teil geliebt zu werden ( vgl. Betrug, Liebe, Eifersucht, Gossen, Intelligenz, Untreue).

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