Archiv der Kategorie: Essays

Hommage à Hemingway

(Erstveröffentlichung  im Juni 1984 in der Kulturzeitschrift TransAtlantik)

Die Haare auf dem Kopf sollen am 21. Juli 1899 schon dagewesen sein. Die waren für mich also nie eine Überraschung. Genausowenig wie die Wimpern und die Brauen: selbstverständliche Grundausstattung. Anders die Haare am Sack und um den Bolzen, die im Spalt und unter den Armen. Auch die auf der Brust. Aber sie überraschten mich erst, nachdem sie längst da waren: Man hat zuviel Unwichtiges im Kopf, wenn man jung ist.

Erst recht überraschend waren die Haare um Mund und Kinn und weit den Hals hinunter. Und die an Armen und Beinen, auf dem Bauch wie auf dem Rücken. Auch die Haare auf Händen und Füßen. Und die auf den Fingern und Zehen. Das waren immer wieder neue Überraschungen, erfreuliche: In unserer Zeit ausgespuckt.

Genauso erfreulich die Haare in den Nasenlöchern: Die Sturmfluten des Frühlings und Fiesta gefeiert. Nicht erfreulich war die Überraschung, dass sich auf dem Kopf graue Haare eingeschlichen haben: Männer und In einem anderen Land rausgeboxt.

Auch nicht erfreulich und dazu störend war die Feststellung, dass an den Unterschenkeln stellenweise die Haare weg waren: Den Tod am Nachmittag und Das Ende hingerotzt. Weder erfreulich noch störend war dagegen, dass auf den Ohrläppchen und an den Ohrknorpeln Haare gewachsen sind: Haben und Nichthaben und 49 Stories durchgestanden.

Keine Überraschung, aber sehr unerfreulich war, dass sich auf dem Kopf kahle Stellen zeigten: Wem die Stunde schlägt mir abgejagt. Überraschend dagegen, unerfreulich, lästig und auch störend waren die einzelnen überlangen Haare, die plötzlich aus den Augenbrauen sprossen: Schnee am Kilimandscharo ist da.

Ärgerliche Überraschung und sonst nichts waren dann die grauen Haare im Brustpelz. Und am Sack: Über den Fluss und in die Wälder sowie Der alte Mann und das Meer hingelegt. Bis 2. Juli 1961 auf weitere Überraschungen gefasst. Doch es gibt wohl keine mehr. Also denn: Bums.

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Shanty

Foto: Heidtmann, Niederelbe-Zeitung

Foto: Heidtmann, Niederelbe-Zeitung

(Festrede, gehalten in Otterndorf an der Elbmündung am 2. April 2006 als Ehrenmitglied des Otterndorfer Shantychors anläßlich des 175. Geburtstags der Otterndorfer Liedertafel von 1831, heute Otterndorfer Shantychor)
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Kommt bald das erste Fernsehspiel?

Eine Pro-Vokation

Geben wir es doch zu: Unser Gerede vom Original-Fernsehspiel gleicht immer noch der Bewunderung für des Kaisers neue Kleider. Genau besehen ist da nichts. Das sogenannte Fernsehspiel ist entweder ein Spielfilm oder ein Theaterstück, egal ob gefilmt oder aufgezeichnet. Und selbst drei hintereinander an einem Abend, ohne Pausen aneinandergereiht, machen noch lange kein Fernsehspiel, sondern nur die Zuschauer meschugge. Ein Fernsehspiel als eigene Kunstform des Fernsehens, das gibt es auch gut sechzig Jahre nach der TV-Geburt noch nicht. An dem Geständnis führt kein Weg vorbei. Das Fernsehen ist nackt.

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