Casablanca

(Casablanca, USA 1942, 102 Minuten, Regie: Michael Curtiz, Drehbuch: Julius J. Epstein und andere nach dem Bühnenstück „Everybody Comes to Rick’s“ von Murray Burnett und Joan Alison)

Es gibt Filme nach berühmteren literarischen Vorlagen, von denen weniger Sprachliches im Gedächtnis bleibt als von dem Film „Casablanca“. Sind doch vier Sätze aus diesem Kinovergnügen zu unsterblicher Literatur geworden, nämlich: „Spiel es noch einmal, Sam“ und „Schau mir in die Augen, Kleines“ und „Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen“ und „Ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft“. Sätze, die irgendwo und irgendwann gebraucht, immer als Zitate aus „Casablanca“ erkannt werden. Nicht zufällig. Sind das doch Formulierungen von einer solchen Präzision, auch in der deutschen Übersetzung, daß sie die gelungene Quadratur des Spielfilms als Bild des Lebens darstellen. Der erste Satz artikuliert die allgemein-menschliche Gier nach Dauer oder Wiederkehr des angenehmen Gefühls. Der zweite Satz steht für den Wunsch der Liebenden nach Überbrückung der letzten natürlichen Distanz zwischen dem Du und dem Ich. Der dritte Satz umfaßt die ganze Hilflosigkeit und Verlogenheit des staatlichen Gewaltmonopols. Und der vierte Satz setzt dagegen die Überlegenheit der Ganovenehre.

Eigentlich geht es doch nur um das altbekannte Dilemma: Eine Frau, die zwei Männer liebt und von beiden geliebt wird. Laszlo, der Ehemann der schönen Ilsa, ist als einer der führenden tschechischen Widerstandskämpfer gegen die Naziherrschaft entdeckt und ins Konzentrationslager gebracht worden. Seine Frau erhält die Nachricht, daß er im KZ zu Tode gekommen sei. Im noch freien Paris lernt sie den US-Amerikaner Rick kennen und wird seine Geliebte. Unmittelbar vor dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht erfährt sie, daß ihr Mann noch lebt und aus dem KZ entkommen ist. Deshalb trennt sie sich sofort und ohne Angabe eines Grundes von Rick.

Jahre später trifft sie mit ihrem Mann in Casablanca ein. Emigranten auf der Flucht vor dem langen Arm der Nazis. Der Zufall will es, daß sie Rick wiedersieht, der inzwischen als recht zwielichtiger Cafébesitzer eine der beherrschenden Figuren dieser von Ausländern überlaufenen Stadt ist, in der es nur immer um eines geht, um ein Visum für die Ausreise. Denn das marokkanische Casablanca untersteht der Kolonialherrschaft des nicht besetzten Restfrankreich unter der Vichy-Regierung, die von den Nazis toleriert wird und mit ihnen zusammenarbeitet, hat aber eine gewisse Selbständigkeit. Man weiß nur nicht, wie lange noch. Louis, der französische Präfekt von Casablanca, betreibt ein korruptes Zusammenspiel mit Rick und mit den im Hintergrund stehenden wahren Herren in deutscher Uniform. Als gerüchtweise bekannt wird, daß Rick zwei Ausreisevisa in die Hände gefallen sind, bedrängt die schöne Ilsa ihn bei einem heimlichen mitternächtlichen Besuch, ihr und ihrem Mann die Ausreise zu ermöglichen. Sie beschwört ihre alte Liebe zu Rick und zeigt sich zu allem bereit. Die verschiedenen möglichen Kombinationen von zwei Geretteten aus der Dreierkonstellation werden durchgespielt und bleiben offen. Rick hat alle Trümpfe und die Fäden der Handlung in der Hand, bleibt jedoch bis zum allerletzten Augenblick auf dem Flugfeld das Pokerface. Er schiebt dann überraschend Laszlo mit seiner Frau Ilsa in den startbereiten kleinen Flieger, erschießt den das noch zu verhindern suchenden deutschen SS-Major und geht im Gleichschritt mit dem französischen Präfekten einer ungewissen Zukunft entgegen.

Das Drehbuch selbst bietet für das erstaunlich selbstlose Verhalten Ricks zwei verschiedene Erklärungen an. Laszlo begrüßt Rick als den endlich auf der richtigen Seite, nämlich im Widerstand gegen die Nazis, tätigen Kampfgefährten, der französische Präfekt bezeichnet Rick mit verständnisvollem Connaisseurlächeln als sentimental und als romantischen Liebhaber. Beide Deutungen, so edel sie erscheinen mögen, werden mit dem Schluß dieses Films beiseite gewischt, – und damit auch alles Edle. Die Beziehungsprobleme dreier Menschen werden als völlig unwichtig bezeichnet. In den Wirren des Lebens gibt es keine höheren Werte, macht Rick deutlich, es geht nur darum zu überleben, egal wie, und dazu braucht man einen Freund, der das Leben ebenso illusionslos sieht.

Der Film über Emigrantenschicksale, mitten im Zweiten Weltkrieg in Hollywood entstanden, wurde in den USA ein großer Erfolg. In Deutschland kam er 1951 in die Kinos, und das stark gekürzt und in seinem Inhalt total verändert. Der tschechische Widerstandskämpfer war auf einmal ein norwegischer Atomphysiker, der geheimnisvolle Strahlen erfunden hatte. Weil man das deutsche Kinopublikum dafür nicht reif fand, hatte man alle Hinweise auf den Nationalsozialismus, auf Konzentrationslager und die mit den Nazis kollaborierende französische Vichy-Regierung getilgt. Erst 1975 brachte das Fernsehen eine authentische deutsche Filmfassung von „Casablanca“, die schnell den Status eines Kultfilms zuerkannt bekam. Dazu verhalfen dem Film neben den beliebten Hauptdarstellern Humphrey Bogart und Ingrid Bergmann die in Bildern des Orients schwelgende Regie, die wundervoll einfühlsame Kameraführung, der musikalische Ohrwurm „As time goes by“ und nicht zuletzt die erfrischend frech getexteten Dialoge, wohl auch die sarkastische Quintessenz des Ganzen: Die Gauner sind die Überlegenen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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