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Buch

Hier stehen nur die letzten Buch-Rezensionen.
Wer eine der früheren Besprechungen haben möchte, kann mir eine E-mail schicken.



Cees Nooteboom: Rituale

Jaques Roubaud: Der verlorene letzte Ball

Herta Müller: Der Fuchs war damals schon der Jäger

Silvia Bovenschen: Wer_Weiß_Was

Hubert Bär: Der Heidelberger Campus-Mord

Eduard von Keyserling: Wellen

Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1954

Heinrich Steinfest: Mariaschwarz

Alan Bennett: Die souveräne Leserin

Andreas Izquierdo: König von Albanien

André Heller: Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks

Monika Maron: Ach Glück

Jenny Erpenbeck: Heimsuchung

Philippe Besson: Nachsaison

Frederik Berger: Canossa

John von Düffel: Hotel Angst

Julian Barnes: Der Zitronentisch

Dieter Kühn: Geheimagent Marlowe

Eric-Emmanuel Schmitt: Die Schule der Egoisten

Asta Scheib: Frau Prinz pfeift nicht mehr

Andrea Maria Schenkel: Tannöd

Markus Orths: Catalina

Philip Roth: Der menschliche Makel

Arnaldur Indridason Kältezone 

Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge

Tania Blixen: Babettes Fest

B. Traven: Das Totenschiff

Gabor Görgey: Sirene der Adria

Henning Mankell: Die rote Antilope

Ralf Rothmann: Milch und Kohle

Robert Harris: Pompeji

Dan Brown: Sakrileg

Umberto Eco: Baudolino


Rituale am Swimming-Pool

 

(Cees Nooteboom: Rituale, Roman, Suhrkamp-Verlag, Frankfurt a. M. 1993, 232 Seiten, ISBN 3-518-40522-5)

 

So ein Buch im Krabbelkasten einer Bouquinistin in Puerto de la Cruz auf Teneriffa zu finden, ist mehr als ein Glücksfall, ist eine Offenbarung. Grund genug, einmal nicht eine Neuerscheinung mit einer Rezension zu bedenken, sondern einen längst in die Literaturgeschichte aufgenommenen Roman. Wenn dieses Buch sich auch sonderbar ausnahm, am Pool zwischen Harry Potter und weiteren Ramschromanen, alle mit angelsächsischen Autorennamen auf den klatschbunten Umschlägen.

 

Bei dem Roman „Rituale“ handelt es sich um die Vorstellung eines jungen Mannes, der Inni Wintrop heißt, im ersten Satz des Buches Selbstmord begeht und im letzten Satz ratlos am Fenster steht. Die Selbsttötung hat ihren natürlich sehr plausiblen Grund in Innis sich selbst gestelltem Horoskop, und die Ratlosigkeit erklärt sich aus der Begegnung mit zwei Inni bis dahin unbekannten entfernten Verwandten, von denen der eine ein Anhänger von Sartres Existenzphilosophie ist, der andere ein Gläubiger des Zen-Buddhismus. Diese beiden als äußerst kurios geschilderten Figuren sind Vater Taads und Sohn Taads, die nichts voneinander wissen beziehungsweise wissen wollen, nur durch einen Zufall, der sich nicht die geringste Mühe macht, wahrscheinlich zu sein, hintereinander eine Intensivbekanntschaft des jungen Inni werden und dann gewollt sterben.

 

Das spielt sich für den ehemaligen Internatsschüler Inni Wintrop vor der geistigen Kulisse seines als überwunden geglaubten Katholizismus ab, im calvinistisch beherrschten Amsterdam der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts. Und es wird überstreuselt mit einigen Zufällen, die als Tauben immer mal wieder auftauchen, mit lasziven jungen Mädchen und mit alter japanischer Kunst.

 

Soviel zu der Handlung, die als Tannenbaum nackt und deplaziert in einer Zimmerecke zu stehen scheint. Unwichtig, bloßes Transportmittel. Aufregend dagegen, wie der Autor diesen Baum mit leichter Hand schmückt. Wie er ihn behängt mit Glitzerkugeln und Lametta und auch mit Kerzen bestückt, die er eine nach der anderen anzündet. Da steht man als Leser wie ein staunendes Kind vor dem Weihnachtsbaum und kann sich nicht sattsehen, nicht sattlesen an den apodiktischen Äußerungen eines Autors, der dem Nonsens des modernen Lebens die Stirn bietet. Ein Satz nach dem anderen, den man unterstreichen möchte, weil er wie in Marmor gemeißelt wirkt.

 

Aber Unterstreichungen zu machen in der Swimming-Pool-Lektüre, das geht denn doch zu weit. Lieber das Buch in die Tasche des Bademantels stecken, ein Ritual, das dem Autor gefallen würde, so erhaben wie es wirkt, jenseits aller Frömmigkeit, aller Philosophie-Gläubigkeit und aller scheinbaren Zen-Erklärungen des Lebens. Und darauf vertrauen, dass die körperliche Nähe, vergleichbar dem Lehrbuch unterm Kopfkissen, die gewünschte Wirkung zeigen wird. Wie anders soll man so ein kluges Buch inhalieren? – Vielleicht durch erneutes Lesen, wenn ich meinen guten Vorsatz hier als Empfehlung anbringen darf.

 

Übrigens ist der Roman „Rituale“ schon sechs Jahre vor Nootebooms Erfolgsbuch „Die folgende Geschichte“ auf Deutsch erschienen, also lange vor dem Durchbruch des niederländischen Autors zum Bestsellerautor. Und Cees Nooteboom selbst soll „Rituale“ als sein größtes Werk bezeichnet haben. Wie erfreulich dieser Hinweis, den das Buch uns als Draufgabe bietet: Das Berühmteste ist durchaus nicht immer das Beste.

 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 




Was heißt hier Freundschaft?

(Jacques Roubaud: Der verlorene letzte Ball. Erzählung, aus dem Französischen von Elisabeth Edl, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2009, 116 Seiten, Leineneinband, ISBN 978-3-8031-1264-4) 

Die merkwürdige Geschichte einer Freundschaft, die zwei Jungen in der französischen Provinz von 1933 bis 1996 verband. Laurent und NO, beide aus großbürgerlichen Verhältnissen stammend, galten ihren Angehörigen und Bekannten schon vor der Schulzeit als ein unzertrennliches Paar. In all ihren Spielen waren sie immer ernsthafte Wettbewerber, wobei Laurent der notarmäßig korrekte Buchführer war, während NO gerne schon einmal schummelte. Laurent als der bessere im Aufsatzschreiben, NO als der bessere im Rechnen, so schafften sie, sich wechselseitig unterstützend, die Anforderungen der Schule. 

Die Besetzung Frankreichs durch die Deutsche Wehrmacht brachte ihre Spiele durcheinander, obwohl beide Jungen auf dem Golfplatz der Stadt als Balljungen tätig wurden und darin wetteiferten, verlorene Golfbälle zu finden und daheim zu horten. Der dramatische Knackpunkt der Geschichte ist: Als Laurents Vater vor einem heimlichen  Résistance-Treffen, das bereits an die deutschen Besatzer verraten war, gewarnt werden musste, konnte Laurent das nicht selbst tun. Er erbat also diesen dringend nötigen Freundschaftsdienst von NO. Dafür präsentierte der ihm eine Gegenforderung, die scheinbar unerfüllbar war. 

Laurent aber ging in seiner ernsthaft korrekten Art auch diese Aufgabe an. Sie sollte sein gesamtes Leben umgestalten, ihm nicht erlauben, Karriere zu machen und ein bürgerliches Dasein zu führen, ja, ihn schließlich sogar als Verrückten abstempeln. Doch am Schluss kommt heraus, dass er von seinem ehemaligen Freund NO, der bedeutend, reich und glücklich wurde, auf grausame Weise hereingelegt worden war. 

Eine Erzählung, so empörend wie unglaubhaft. Deshalb nur als Parabel zu verstehen und zu akzeptieren. Dass dieses kleine Stück mehr nicht sein soll, macht der Autor mit dem besonderen Erzählduktus deutlich: Wie mit Kreide auf die Schultafel geschriebene, kalt servierte kurze Hauptsätze statt einer stimmungsvoll ausgeschmückten Schilderung. Der besondere Charakter eines solchen Lehrstücks lässt auch über die beiden groben Fehler hinwegsehen, die dem Büchlein anhaften. Zum einen ist der Titel der 1997 in Paris erschienenen Originalausgabe „La dernière balle perdue“ falsch übersetzt. Wer die Geschichte gelesen hat, weiß, dass sie heißen müsste: „Der letzte verlorene Ball“. Zum anderen ist dem Autor ein konstruktives Missgeschick unterlaufen, als er schrieb, dass Laurent seinen Freund NO eines Tages nicht mehr wissen ließ, wie viele verlorene Bälle er schon gesammelt hatte, weil er sich dazu ja nicht verpflichtet habe, dass am Schluss NO dennoch genau wusste, dass dem Freund die letzten beiden Bälle fehlten. 

Über diese beiden Fehler muss und kann man hinwegsehen, wenn man sich fragt, was die eigentliche Qualität dieser Geschichte ist. Da ist einmal die Erkenntnis unübersehbar, dass auch die Kindheit aus Konkurrenzverhältnissen besteht, mit all ihren Reizen und auch all ihren Härten. Was nur spielerischer Wettbewerb zu sein scheint, das ist auch immer das Sich-Behaupten-Müssen und das Übertrumpfen-Wollen. Damit wird der übliche Kommentar der Erwachsenen von wegen unzertrennliche Freunde als dummes Gerede weggewischt. Außerdem wird ein grundsätzlicher Zweifel an dem Euphemismus deutlich, den wir mit Sozialisation des Kindes umschreiben und gern als ein erforderliches Abschleifen unschöner Ecken und Kanten sehen möchten. 

Der Autor Jacques Roubaud, der Mitte sechzig war, als er diese Erzählung zur Veröffentlichung gab, wusste besser, was Menschsein und was Sozialisation bedeutet. Und es ist ihm auch hoch anzurechnen, dass er, um die Gemeinheit des Menschen zu zeigen, nicht einfach auf die Zeit, in der die Geschichte spielt, also auf die angebliche Erbfeindschaft von Franzosen und Deutschen, abgestellt hat, sondern in seiner Gesellschaft geblieben ist. Und das in einer politischen Situation, die nur mit den Ausdrücken brutaler Überfall und heldenhafter Widerstand gezeichnet wurde. Die Überlegenheit des Autors in Sachen Mensch macht diese kleine Erzählung zu einem Stück großer Literatur.

So die Bewertung, wenn man diese Geschichte als ernsthafte literarische Arbeit sieht. Ganz anders ist sie zu bewerten, wenn man berücksichtigt, das der Autor einer der maßgeblichen Köpfe der vor fünfzig Jahren in Frankreich gegründeten literarischen Gruppe Oulipo ist, die in Paris monatliche öffentliche Lesungen veranstaltet. Dieser verschworenen Clique von Autoren, die in der Nachfolge von Dada gewisse literarische Verschrobenheiten pflegen, geht es darum, mit der sprachlichen Form zu spielen, unterhaltsam und auch mit Ulk und Betrug, um dem Geist auf neue Weise das Gehen beizubringen. Dabei kann natürlich nicht mehr von Fehlern die Rede sein, sondern nur noch von Erfolg oder Misserfolg. Der Rezensent, der das schmale Buch zuklappt, sagt: Ein voller Erfolg.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



 

Nur eine Rochade?

 

(Herta Müller: Der Fuchs war damals schon der Jäger, Roman, Rowohlt-Taschenbuch Nr. 13503, Reinbek bei Hamburg 1994, 286 Seiten)

 

Aus aktuellem Anlass – gestern bekam Herta Müller den Literaturnobelpreis für das Jahr 2009 zugesprochen – noch einmal nach dem ersten Roman der Autorin gegriffen und bei der erneuten Lektüre die 1995 gemachten kritischen Anmerkungen überprüft. Der erste Roman als Gegenstand einer Wiederbegegnung, weil er erfahrungsgemäß meist der beste ist. Die weiteren Romane sind oft nur noch schale Aufgüsse, wenn nicht zu einer völlig anderen Thematik oder Zeit gewechselt wurde.

 

Doch ist gleich eine Einschränkung zu machen: Was hier als Roman auftritt, entstand als die Nachschrift zu dem Drehbuch des gleichnamigen Spielfilms, das Herta Müller und Harry Merkle geschrieben hatten. Und gleich noch eine Einschränkung: Der Roman besteht aus einer Sammlung von Kurzgeschichten, die offensichtlich durch das Bestücken mit denselben Personennamen in Romankapitel verwandelt wurden. Dabei wirken die an die Sprache der Bild-Zeitung erinnernden kurzen und simplen Sätze wie Regieanweisungen. Was zunächst steif klingt, dann allmählich aber reizvoll wird und einem zuletzt so selbstverständlich ist wie alle manierierte Einfachheit, etwa in der naiven Malerei.

 

Durch die Vermischung von Beobachtung und traumhafter Deutung kommen lyrische Sätze zustande, die manchmal erschrecken, manchmal erfreuen. Dazu nur ein paar Beispiele: „Im Gesicht des Kindes stand ein Alter, das die Kinderstimme nicht ertrug.“ „…Jahre, in denen man ein Kind ist und noch wächst und dennoch spürt, dass jeder Tag abends über eine Kante fällt.“ „…stand zwischen Kinn und den Augen die Müdigkeit der Fabrik.“ „Aus seinem Mundwinkel lief eine Falte, sie schnitt ihm in die Wange.“ „Der Staub ist jeden Morgen älter als der Tag.“ „Und dass in der Hellhörigkeit und in der Dumpfheit die Schritte des Tages durch die Zehen stoßen …“

 

Akzeptiert. Das gezielte Danebengreifen im Ausdruck ist längst klassische Methode der Poesie, um nicht zu sagen, ihre Masche. Doch verbietet sich dieses harte Urteil, weil schon Autoren wie Rilke daraus Meisterstücke geformt haben.  

 

„In der Stadt ist oft kein Strom, die Taschenlampen gehören wie Finger zu den Händen. Auf sackdunklen Straßen ist die Nacht aus einem Stück, und ein Gehender ist nur ein Geräusch unter einer beleuchteten Schuhspitze.“ „Morgens eilen sie aus dem Schlaf der Männer weg, tragen ein Bett voll Schlaf und ein Zimmer voll stickiger Luft im Gesicht zur Fabrik.“

Und die Erleichterung nach dem Aufstand, der die Mächtigen gegen die Ohnmächtigen ausgetauscht hat, ist in betont lapidaren Sätzen ausgedrückt, wie diesem: „Im Wartesaal sind keine Wandzeitungen, hinter dem Glas in den leeren Kästen liegt noch der Sommerstaub.“

 

Die 1953 in Rumänien geborene Autorin lebt seit 1987 in Deutschland. Ihre Beschreibung des Lebens unter kommunistischer Gewaltherrschaft, selbst  durchlitten,  ist bedrückend und von kafkaesker Intensität. Fast hat man ein schlechtes Gewissen, wenn man die schönen Formulierungen genießt, die doch nur dem Elend und der Rechtlosigkeit und der Angst der kleinen Leute entsprungen sind.

 

Das beinahe pointillistisch ausgemalte Alltagsbild aus dem Rumänien unter dem wahnwitzigen Diktator Ceauşescu und seiner allgegenwärtigen und allmächtigen Geheimpolizei Securitate lässt die Autorin gegen Ende des Buches in die Revolution einmünden. Sie schreibt: „Grigore ist Direktor, der Direktor ist Vorarbeiter, der Pförtner ist Lagerverwalter, der Vorarbeiter ist Pförtner.“

 

Ein Befreiungsschlag auch für den Leser. Wenn in dieser Rochade – wie auch schon im Titel des Buches – nicht angedeutet wäre: Für den Kleinen Mann ändert sich nicht viel.

 

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Wer hätte das gedacht

 
(Silvia Bovenschen: Wer Weiß Was – eine deutliche Mordgeschichte, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2009, 333 Seiten, 14.99 Euro)

 
Das eine jedenfalls wissen wir: Die Zeiten, da der Erfolg eines Buches von seinem Inhalt abhing, sind längst vorbei. Bucherfolge werden heute eiskalt von Marketingstrategen geplant, spezielle Pressekampagnen werden von langer Hand und mit raffiniertem Timing vorbereitet. Wie groß der so erreichte Erfolg eines Buches wird, hängt von der Größe des Etats ab, der den Öffentlichkeitsarbeitern für diesen Titel zur Verfügung gestellt wurde. Von daher ist klar, dass ein kleiner Verlag ohne große Gelder im Rücken keinen großen Bucherfolg erreichen kann. Mit zwei Ausnahmen: Entweder das Buch stammt aus bekannter Feder, gleich woher bekannt, oder es ist das die deutsche Übersetzung eines im Ausland besonders erfolgreichen Buches.

 
Von daher gesehen hat das neue Buch von Silvia Bovenschen das Zeug zu einem Erfolgsbuch. Denn einerseits steht hinter dem Verlag einer der potenten Medienkonzerne Deutschlands, andererseits ist die Autorin durch vorausgegangene Bücher und Literaturpreise eine bekannte Feder. Bleibt die Frage an das Buch: Wem gibt’s was?

 
Die ersten fünfzig Seiten, das sind bekanntlich die fürs Lektorat und für die Rezensenten geschriebenen, also wichtigsten Seiten eines Buches, bringen eine Erzähltechnik, die ungewöhnlich ist und der Leserschaft viel zumutet. Das Besondere an dieser Schreibweise ist, dass nahezu jeder Satz gleichzeitig kommentiert wird, entweder mit dem simplen Trick einer Bemerkung in Parenthese, oder mit dem nächsten Satz, der oft als Faust aufs Auge kommt.

 
Das ist ein bemühtes Anderssein, das manieriert wirkt, dadurch aber zumindest für Lektoren und Rezensenten auch literarisch. Wo der Alltag zugeschüttet ist von allzu viel allzu leicht Lesbarem, wirkt ein Stolperstellentext überlegen. Man muss aber hinnehmen, dass dieser Anfang für Ottilie und Otto Normalverbraucher eine Barriere ist, die verhindert, dass das Buch schon abgegriffen ist, wenn es in den Second Hand Shop gegeben wird. Immerhin entschuldigt die Autorin sich für die Manieriertheit, wo sie über das Schreiben schreibt und lapidar feststellt: „Es gibt in diesem Metier kein stilistisches Laster, das nicht auch zur Tugend werden könnte.“

 
Wer diese Barriere mit viel Hartnäckigkeit überwindet, findet die allmähliche Rückkehr zu einer beinahe üblichen Erzählweise angenehm. Man kann dann sogar Genuss daran finden, wieder einmal die alte Masche der Versammlung aller Betroffenen (Agatha Christie lässt grüßen) zu erleben. Bei Silvia Bovenschen muss das natürlich etwas ungewöhnlicher klingen:  „… sagte sie randständig in die Versammlung hinein. Zum Erstaunen aller Anwesenden ergriff der Bibliothekar Simon Menzel, der bis zu diesem Zeitpunkt mit steinernem Gesicht, scheinbar unbeteiligt neben Johanna Schwarzenbach gesessen hatte, plötzlich hochgradig erregt das Wort und gab es lange nicht wieder her: „Das war gestern nicht seine Liga. Die Zusammensetzung: zu heterogen. Zu viele verbal wehrhafte Leute …“

 
Ein weiteres Beispiel für die gestylte Ausdrucksweise der Autorin gefällig? Wo sie die in niederen Adel eingeheiratete Frau Irmgard schildert, heißt es: „Kaum war sie in die Familie derer von Seefeld eingerückt und hatte das >von< in ihrem Namen, mutierte sie zur Turbo-Adligen oder zu dem, was sie dafür hielt … Silberne Messerbänkchen waren das mindeste, was da sofort sein mußte. Und sie hat umgehend angefangen, an der Fassade ihrer Selbstveredelung zu bauen – man könnte aus anderer Perspektive auch sagen: ihre Käfigstäbe zu polieren –, hat gleich versucht, ihre neu erheiratete Nobilität tief in die Historie einzusenken, hat alten Schmuck gekauft und sich damit bekränzt, um den Eindruck einer großmächtigen und weit zurückreichenden Blaublutherkunft zu erzwingen.“

 
Erntedankfestwürdige Erträge bei der emsigen Bemühung, sich literarisch auszudrücken, kann man der Autorin also nicht absprechen. Oft erinnert ihre Suche nach überraschender Ausdrucksweise an Arno Schmidt. Als ob sie Zugriff auf dessen Zettelkastensammlung der sprachlichen Kuriositäten bekommen hätte. Daneben ist dieses Buch streckenweise ein Essay der Literaturwissenschaftlerin über das Schreiben. Als hätte sie es vor allem für Studenten oder Schreiberlinge geschrieben. Jeder Beruf prägt halt. Jedenfalls kann man ihr bei diesen Äußerungen nur zustimmen. Vor allem auch, wenn der alltägliche Krimi nicht gut wegkommt. Im Buch machen „diese lächerlichen Fernsehkrimis“ eine der Hauptpersonen, den Kriminalhauptkommissar Merker, fertig.

 
Die Autorin vermeidet die übliche Methode, den Ermittler mit irgendeiner belanglosen Kuriosität zu bekleiden. Er bleibt ein einfacher Mensch. Allerdings bleibt er auch ziemlich blass. Wie überhaupt die Männerfiguren dieses Buches nur blutleere Scherenschnitte sind, während die Frauen mit Herzblut gemalt sind.

 
Ein schöner Kunstgriff ist das hin und wieder eingeschobene Gespräch von Außerirdischen über das Gewusel auf der Erde. Die ewige Suche der Autoren nach einer zweiten Ebene, um ihre Erzählung selbst kommentieren zu können, hier ist sie erfolgreich. Im Überirdischen tauchen Begriffe auf, die es nicht gibt, auch Phantasie-Bezeichnungen für Handlungen, die uns Menschen nicht möglich sind. Auf diese Weise wird unsere Beschränktheit deutlich gemacht. Die Außerirdischen wundern sich beispielsweise darüber, dass bei den Menschen das Wort >verkopft< negativ aufgeladen ist, und dass die Menschen für das Wort Intuition nicht einmal ein Verb haben.

 
So schwer es manch einem fallen mag, sich durch dieses Buch zu wühlen, es ist das wie der Weg ins geistige Schlaraffenland, der einem abverlangt, sich durch einen Berg von Hirsebrei durchzufressen. Wer es schafft, bis zu den Seiten zu gelangen, auf denen die Autorin ihr Menschenbild beichtet, der wird glücklich, wenn er liest: Die Menschen „wissen, na ja, sie ahnen – das ist in ihrer Sprache schwer zu fassen – es ist ein unbestimmtes Wissen, eher so etwas wie eine Grundierung –, dass sie nicht viel Zeit haben, und wollen sich in der kurzen Zeit ausdehnen …“

 
Für die so schwierig zu benennende Grundmotivation alles menschlichen Handelns eine recht gute Definition. Die Autorin hat nicht nur Mut zu ungewöhnlicher Ausdrucksweise, sie hat auch was zu sagen. Doch leider ist sie sehr kurzatmig, als sie endlich wesentlich wird. Sie eilt, als ob es ihr peinlich wäre, kluge Bemerkungen gemacht zu haben, auch Abschweifungen zu aktueller Gesellschaftskritik, zurück zu ihrer Erzählung und zur Schilderung des Happy-Ends. Immerhin: Das Buch ist viel mehr als eine Mordgeschichte. Deshalb hat es verdient, ein Erfolgsbuch zu werden. Wer hätte das gedacht.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 

Mord mit Happy-End

(Hubert Bär: Der Heidelberger Campus-Mord, Kriminalroman, Wellhöfer-Verlag, Mannheim 2009, broschiert 164 Seiten,  9,80 €, ISBN 978-3-939540-30-4)

Schon die erste Seite, auf der das Aufwachen eines Menschen aus tiefer Bewusstlosigkeit geschildert wird, und das veristisch, also so quälend langsam, wie sich die Sinneseindrücke allmählich wieder einstellen und klären, schon diese erste Seite, bekanntlich immer die vorangetragene Standarte eines Buches, zeigt, was der Autor nicht bieten will: den üblichen Krimischinken.

Dabei ist er auf die sämtlichen schon Klischee gewordenen Forderungen des Marktes eingegangen: Es muss ein Krimi sein, und der muss in einer eng eingegrenzten Region Deutschlands spielen, möglichst noch in einem gehobenen Milieu wie dem Universitätsleben – Campusromane sind ja schon eine eigene Kategorie – , zudem muss es etwas sein, das man schon im Buchtitel als Mord bezeichnen kann. Und wenn der Zusammenhang mit einem aktuellen Ereignis oder Problem hergestellt werden kann, umso besser. Wenn das Buch dann auch noch mit einem Happy-End aufwarten kann, ist es Spitze.    

Hubert Bär arbeitet – zumindest scheinbar – nach dieser Rezeptur. Es geht um Querelen und Karrierehoffnungen innerhalb der Universität Heidelberg, dargestellt an den Schwierigkeiten des wissenschaftlichen Assistenten und Doktoranden Jochen Pfeifer. Hinter den persönlichen Problemen stehen die Enttäuschung der Uni, dass sie nicht den Elitestatus bekommen hat, und der Frust der Stadtväter, dass die Heidelberger Altstadt nicht zum Weltkulturerbe erklärt wurde.

Aber die Art, in der Bär die Anweisungen dieses Krimi-Rezepts abarbeitet, ist ungewöhnlich und nachdenkenswert. Hier schreibt einer, dem es nicht genügt, mit den Hunderten von Krimischreibern in unserem Land das große Klagelied zu singen, man werde von den Literaturkritikern und der Presse nicht so stark beachtet, wie man es verdient habe. Dabei biete man dem Publikum doch so viel an Vergnügen. Hier haben wir es mit einem Autor zu tun, der offensichtlich mehr bieten will als spannende Unterhaltung, indem er den Krimi als ein Stück Literatur präsentiert, also ganz anders. Dazu gehört auch, dass es im Hintergrund um eine literaturwissenschaftliche Theorie geht, nämlich um die mögliche Ermordung Schillers durch Goethe. Im Übrigen ist das ein informativer und mitfühlender Blick auf den Betrieb im literaturwissenschaftlichen Institut einer Universität mit den Existenznöten hochqualifizierter Menschen, die viel zu lange ohne feste Stelle von den Launen der Lehrstuhlinhaber und von Forschungsaufträgen abhängig sind.

Die Andersartigkeit dieses Krimis fängt schon damit an, dass er nicht mit einem Mord anfängt. Der Brückenkopf zu einem durchgehenden Spannungsbogen wird erst auf Seite 30 gesetzt. Und mit der ersten Schilderung eines Mordes nimmt der Autor seine Leser auf den Arm. Man findet auch nirgends die absichtsvoll burschikose Sprache der Krimiautoren. Der Sprachduktus ist anspruchsvoll, gelegentlich direkt dichterisch. Es geht auch nicht um die tollste neue Variante in der Ausführung eines Verbrechens, sondern um Altbekanntes.

Zudem wird die Tat, um die es zu gehen scheint, nicht direkt geschildert, sondern als Geständnis oder Phantasie oder Erinnerung oder Wunschdenken – was wirklich, bleibt offen – von der Hauptperson auf der Ledercouch seinem Psychotherapeuten erzählt. Sprachlich geschickt gemacht: Es bleibt alles im Bereich des Möglichen. Es steht auch kein komischer oder schrulliger Ermittler im Mittelpunkt, gerade dass einmal ein Kripobeamter bei dem Uni-Assistenten vorbeischaut und seinen Wagen mitnimmt. Das Ergebnis der Untersuchung des Wagens kommt irgendwann in einem Nebensatz. Schließlich bringt das Buch die Aufklärung des Falles nicht in dem üblichen Verhör, dem triumphalen Sieg des Guten über das Böse, des überlegenen Ermittlers über den nur vermeintlich so schlauen Täter, sondern bloß versehentlich, und zwar in einem wissenschaftlichen Gespräch mit der sich daran anschließenden Überlegung des Protagonisten, was ihm jetzt Schlimmes widerfahren werde. Zuletzt sei noch erwähnt, dass das Buch auch sein Happy-End hat, allerdings ein anderes als von den Hauptfiguren angestrebt. Insgesamt also ein wohltuend anderer Krimi, ein ernstzunehmender.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Von einem Blinden gemalt

(Eduard von Keyserling: Wellen, Roman, Aufbau Tb, 174 Seiten, Berlin 2005, Euro 7,50)

Vor ziemlich genau hundert Jahren geschrieben und doch so gültig und aktuell, als wäre er von heute. Ein kleiner erfreulich impressionistischer Roman voller Weitegefühl, Sehnsucht, Verliebtheit, Arroganz, Boshaftigkeit und Abenteuerlust. Das alles kann man gut nachfühlen. Ein Leben der Untätigkeit in salzhaltiger Luft und Meeresduft und mit dem Blick auf die ewig ruhelosen Wellen der Ostsee. Man liest es mit Begeisterung, auch wenn man sich klargemacht hat, dass dieser Roman in zwei wesentlichen Aspekten einer längst vergangenen Zeit angehört.

Der eine Retro-Aspekt ist das Personal. Eduard Graf von Keyserling (1855-1918) lässt in einem Fischernest auf der Kurischen Nehrung Adelsvolk mit Fischervolk zusammentreffen. Die Welt des versinkenden baltischen Adels war sein Leib- und Magenthema. Die einen sind die blasierten Sommergäste, die anderen ihre devot fürsorglichen Zimmervermieter und somit fast nur Staffage. Was noch dem traditionellen Bild des Zusammenlebens von Herrschenden und Dienenden entspricht und wegen der Schafsgeduld der kleinen Leute im allgemeinen problemlos ist. Hier allerdings nicht. Obwohl der Ausgangspunkt so vielversprechend ist: Die selbstbewusste und resolute Witwe eines adligen Generals versammelt ihre Familie in der Sommerfrische um sich, Kinder und Enkel samt Partnern.

In diesem Sommer wird die gutgemeinte Gemeinsamkeit zum Problemfall durch das Paar, das besonders gern und lange Arm in Arm am Strand entlang spaziert: Der junge Kunstmaler Hans Brill und die ungewöhnlich schöne Gräfin Doralice, die ihrem Mann davongelaufen ist. Zwei so unterschiedliche Menschen als Liebespaar vereint, diese Konstellation ist für die Feriengesellschaft zu ungewöhnlich und wird deshalb von den einen nur als degoutant angesehen, von den anderen als verachtenswert, von einigen aber auch als eine Herausforderung und von den jungen Mädchen als besonders reizvoll, auf- und anregend. In den unterschiedlichen Reaktionen zeigt sich die durchgehende Diagnose: Eine Melange von Lebensgier und Lebensunfähigkeit beherrscht die vornehmen Sommerfrischler.

Was war denn so Erstaunliches passiert? Ein alternder Graf und ehemaliger Gesandter von stocksteifer Parkettsicherheit hatte einen jungen Maler, kleiner Landleute Sohn, den er wegen seines offensichtlichen Talents förderte, auf sein Schloss eingeladen, damit er dort seine viel jüngere Frau male. Die langen Sitzungen in einem Eckzimmer des Schlosses ließen zwei Menschen, die verschiedenen Welten angehörten, sich näher kommen und sich so füreinander begeistern, dass die junge Gräfin ihrem alten Grafen schließlich in vollendeter Form erklärte, ihn verlassen zu wollen, und dass der alte Graf sie in ebenso vollendeter Form und ohne jede Überraschtheit ziehen ließ.

Die beiden Lager, die am Strand aufeinander prallen, die adlige und die kleinbürgerliche Gesellschaft, verbindet auf ihre Weise eine Außenseiterfigur. Das ist der verkrüppelte und pensionierte Geheimrat Knospelius, der seinen Lebensabend an der Küste verbringen will. Ein Sonderling mit analytischem Gespür und sarkastisch verständnisvoller Ausdrucksgabe, ganz offensichtlich das Alter Ego des Autors, der selbst aufgrund einer Syphilisinfektion seit seinem 45. Lebensjahr nur noch wie ein Krüppel wirkte und zudem seit 1908 völlig erblindet war.

Zugegeben, diese Standesgrenzen erschütternde kleine Familienkatastrophe auf der Kurischen Nehrung wäre heute nur noch für Heftchenliteratur brauchbar. Transformiert man aber die Vertreter des Geburtsadels in Vertreter des modernen Geldadels, ist diese Konstellation durchaus wieder glaubhaft und ansprechend. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf lässt sich der betagte Roman auch heute mit Genuss lesen.

Und das liegt vor allem an dem anderen Aspekt, der auf eine längst vergangene Zeit hinweist. Gemeint ist die Sprache dieses kleinen Romans. Nicht die moderne Geschwätzigkeit, diese so bemüht Seiten füllende Belanglosigkeit im Ausdruck, aber auch nicht die Anleihen, die heutzutage so gern beim Jargon und bei der Fäkaliensprache genommen werden. Das alles hatte Keyserling nicht nötig. Er präsentiert noch Einfälle, die überraschen, so wenn er mit zwei Sätzen das Meer schildert. „ … undeutlich von all dem unruhigen Glanze, der auf ihm schwamm, von den zwei regelmäßigen weißen Strichen der Brandungswellen umsäumt. Und ein Rauschen kam herüber, eintönig, wie von einem schläfrigen Taktstock geleitet.“ Derart schöne und ungewöhnliche Bilder bringt Keyserling auf jeder Seite.

Dass es in Keyserlings Erzählung heftig psychologisiert, das ist nicht die besondere Art dieses Autors, das ist der Zeitstil. Schon eher eigenartig ist, wie Keyserling auf die starr formalistische Scheidung nach den Blickwinkeln verzichtet, aus denen heraus etwas gesehen wird. Der Autor geht souverän als Allwissender über solche Arbeitsanweisungen hinweg und lässt in einem fröhlichen Spiel der Perspektiven jede Figur zu Wort kommen, wann ihr gerade danach ist, und fällt ihr ins Wort, wenn ihm danach ist. Dabei lässt er die Typen selbstverständlich auch durch ihre spezielle Wortwahl und Diktion deutlich werden. Keyserlings Ausdrucksweise ist so feinfühlig und farbig und plastisch, dass man versucht ist, jeden Satz zweimal zu lesen. So wird ein kleiner Roman zu einem großen Leseerlebnis.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Die Kladde der Probleme

(Alice Schmidt: Tagebuch aus dem Jahr 1954, Edition der Arno-Schmidt-Stiftung im Suhrkamp-Verlag, Bargfeld 2004, gebunden 334 Seiten, 38,- Euro)

In seinem ausführlichen Vorwort geht der Initiator der Stiftung, Jan Philipp Reemtsma, auf die Problematik der Publizierung des intimen Hintergrunds einer Person der Zeitgeschichte ein. Eine Problematik, die in diesem Falle noch verschärft wird durch den Umstand, dass nicht das Tagebuch eines Dichters veröffentlicht wird, sondern das seiner Ehefrau. Als Rechtfertigung dient Reemtsma der Hinweis, Alice Schmidt habe es sich zur Aufgabe gemacht, für den Dichter Arno Schmidt zu leben und zu arbeiten. Zudem erwähne sie immer mal wieder die Arbeit ihres Mannes an dem Roman „Das steinerne Herz“, und das neben diversen anderen literarischen Arbeiten, so dass sich ihr Tagebuch auch als Forschungsmaterial für Philologen eigne.

Doch es ist das nur das Problem Nr. 1, das einem aufstößt. Das Problem Nr. 2 springt einen an in dem Namen des Stifters Jan Philipp Reemtsma, untrennbar verbunden mit der Zigarettenmarke Reemtsma. Das heißt, es sind Drogengelder, die der Industriellenerbe für die Literatur einsetzt. Eine positiv zu beurteilende Form der Geldwäsche aus schlechtem Gewissen, vergleichbar der Wäsche der Dynamitgelder des Alfred Nobel durch die Nobelpreise. Und hat nicht auch Goethe fast sein halbes Leben lang von dem Geld gelebt, das sein Großvater mit dem Weinhandel verdient hatte? Also auch damals schon Drogengelder, die der Literatur gedient haben. Nehmen wir das also als gute Tat hin.

Das Problem Nr. 3 ist die Lesbarkeit. Die Autorin hat kein erzählendes Werk schaffen wollen, sondern einen mehrschichtigen täglichen Wetterbericht. Der besteht aus Kürzeln und Symbolen zum Wetter draußen, aus unzusammenhängenden Notizen zu ihrem Gemütszustand und dem ihres Mannes, also dem Ehewetter, sowie der Großwetterlage. Die zeigt sich in Anmerkungen zu den Reaktionen der Umwelt auf sie beide beziehungsweise beider Reaktionen auf Kontakte mit der Umwelt. Diese Umwelt besteht anfangs vor allem aus der Vermieterin und weiteren Nachbarn, im weiteren Verlauf treten immer mehr andere Autoren in den Vordergrund sowie Verlage. Der dreifache Wetterbericht ist überbröselt oder homogenisiert durch die nie endenden Erwähnungen von diversen Katzen, Katern und Kätzchen mit ihrem Getue, ihren Bedürfnissen und ihren Krankheiten.

Im übrigen ist der Band ergänzt durch etliche aus der Tageszeitung ausgeschnittene Wetterberichte und Fahrkarten sowie etliche von Arno und Alice gemachte Fotos. Doch auch diese Illustrierung macht die Lektüre nicht so einfach, dass auf die vielen Fußnoten verzichtet werden könnte. Dennoch ist dieses Tagebuch streckenweise eine sehr aufschlussreiche Lektüre, vor allem wo die permanent bedrängten finanziellen Verhältnisse der beiden offengelegt werden und das ebenso ewige Gerangel mit Verlegern und Herausgebern sowie die das kleinkarierte Leben im Abseits begleitenden politischen Ereignisse. Alles andere jedoch ist mehr oder weniger eine Zumutung, und man ist geneigt zu sagen: Weniger wäre mehr gewesen, das heißt, mit einer auszugsweisen Publizierung des Tagebuchs hätte man mehr Leser erreicht und ihnen auch mehr geboten.

Der interessierte Literaturfreund quält sich trotzdem durch den Band, schon um dem verehrten Schriftsteller Arno Schmidt (1914-1979) nachträglich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Denn der Mann, auf dessen pessimistische Grundhaltung immer wieder gern hingewiesen wird, hat schon früh seinen Vater verloren, hat beide Weltkriege erlebt, seine Soldatenzeit als Gezogener und seine Kriegsgefangenschaft durchlitten und überlebt und schließlich auch noch die Vertreibung aus dem Osten und berufliche Verlegenheitsarbeiten.

Man muss sich einmal klarmachen, mit welchem Mut der noch völlig unbekannte Arno Schmidt schon Ende 1946 beschloss, zukünftig als freier Schriftsteller zu leben. Die bewusste Entscheidung zu einer Existenz als Hungerleider, zu der er und die Frau, die er neun Jahr zuvor geheiratet hatte, sich durchgerungen hatten. Ein Leben aber auch der intensiven Zusammenarbeit. Arno hatte mit Alice kein Liebchen neben sich wie Heinrich Heines Mathilde oder Goethes Christiane, diese beiden Dichterfrauen, die bei aller Verehrung ihres Meisters kein einziges Buch von ihm gelesen haben. Alice, die ehemalige Sekretärin mit guten Fremdsprachenkenntnissen, zwei Jahre jünger als ihr Mann, war Arnos erste Leserin, richtiger gesagt: Zuhörerin. Denn er pflegte ihr seine Texte vorzulesen, während sie Strümpfe stopfte oder andere Handarbeiten machte. Sie war seine äußert vorsichtig agierende Kritikerin und auch Anregerin, seine Muntermacherin und Ablenkerin von Sorgen und Ärger.

Das ewige Problem des freien Schriftstellers, soll ich mich heute um die Vermarktung des Geschriebenen kümmern oder soll ich weiter schreiben, es regelte sich in der Notsituation der Schmidts ganz von selbst. Die Bemühungen um den Verkauf des Geschriebenen standen offensichtlich im Vordergrund. Ging es doch um das Haushaltsgeld und die Miete. Dieser Druck war sicherlich genauso ursächlich für die konzise Schreibweise Arnos Schmidts wie seine Manie der Begriffssammlung in Zettelkästen und seine Angst vor der Wiederholung schon anderswo benutzter Ausdrücke.

Erst als Arno Schmidt beinahe regelmäßig Einnahmen aus Arbeiten für den Südwestfunk und für Zeitschriften und verschiedene Buchverlage bezog, besserten sich die Verhältnisse. Das Jahr 1954 markiert mit der Arbeit an dem fertig werdenden historischen Roman „Das steinerne Herz“ die Wende zum Besseren im Leben der beiden Schmidts, was eine zusätzliche Rechtfertigung für die Herausgabe dieses Intimberichts gibt.

(Walter Laufenberg in: netzine.de)


 
Taschenspielergestus

 (Heinrich Steinfest: Mariaschwarz, Kriminalroman, Piper-Verlag, München 2008, 316 Seiten, gebunden € 16,90)

 In „Laufenbergs Läster-Lexikon“ habe ich zum Stichwort Krimi geschrieben: „Der K. ist der Rennwagen der Literatur, aufregend aufgemotzt, aber zu nichts nütze, von einem gefahren, der nichts anderes kann als fahren und nur darauf aus ist, an ein Ziel zu kommen, das kein Ziel ist.“

Ich habe mich trotzdem dazu verführen lassen, den Kriminalroman  „Mariaschwarz“ ganz zu lesen, weil mir gleich am Anfang die ungewöhnlich ausschweifende Art des Autors auffiel, Menschen und Dinge zu zeichnen. Wie mit mehreren Farbstiften gleichzeitig, an jedem Finger einen, die sich unterstrichen, konturierten, schattierten, negierten und zu einem Potpourri vereinigten, das in den Nebenraum gehörte. Dieser Satz ist nicht von Heinrich Steinfest, er ist über ihn. Eine seiner typischen Be-Schreibungen ist aber diese: „Überhaupt war dieser Mann schwer von Müdigkeit gezeichnet. Er wirkte im wahrsten Sinne geknickt, als hätte er einen Schlag in den Magen erhalten und sei nie wieder aus der vom Nabel aufwärts vorgebeugten Haltung herausgekommen. Darum auch schien er kleiner, als er war. Im Grunde sah er ja gut aus, männlich, ein geschnitzter, ein geschälter Typ, kantig, aber nicht grob, holzig, elegant holzig, oder, wenn man so will, kartoffelig, elegant kartoffelig, mit weißblondem Haar und Geheimratsecken, die immer ein wenig feucht glänzten, aber als einzige Stelle über etwas Farbe verfügten, leicht angebrannt, als habe soeben der Sommer begonnen. Olander erinnerte an den Maler Francis Picabia, allerdings in einer blassen Ausgabe. Picabia war es gewesen, der gesagt hatte, der Kopf sei rund, damit das Denken die Richtung wechseln könne. So gesehen war Olander nicht nur ein fahlhäutiger Picabia, sondern auch einer, der die Möglichkeiten eines runden Kopfes ignorierte. Sein Denken ging ganz offensichtlich in die immer gleiche zwanghafte Richtung.“

Immerhin, der umfangreiche Wortschatz ist für einen Krimiautor imponierend. Dass die Unterscheidung zwischen dasselbe und das gleiche im gesamten Buch nicht gelingt, ist nicht verwunderlich. Schon eher, dass auch im Lektorat diese Klippschulkenntnisse fehlen. Die eingestreuten Bildungstrümmer sind der Versuch, das Niveau zu heben, stehen allerdings in merkwürdigem Kontrast zu der gelegentlichen Jargon-Ausdrucksweise: „Olander saß auf einem Felsen und fror sich den Hintern ab.“ Doch überrascht der Autor gleich darauf mit schöner Ironie: „Am gegenüberliegenden Ufer erblickte er ein paar Leute mit paarigen Stöcken. Sie sahen aus wie Schifahrer ohne Schnee, also ein bißchen sinnlos.“ Immer wieder muss ein Satz unterstrichen werden. So wie dieser: „Er sprach in diesem leicht blubbernden Ton, wie Fische, die gerade reden lernen.“ Wenn auch sprachlich daneben, so doch sehr schön.

Auffällig und gelegentlich auch durchaus gefällig ist das Bemühen des Autors, seinem Buch einen philosophischen Anstrich zu geben: „Vor jedem Unglück steht natürlich ein Glück, sonst ergäbe sich in der Folge ja kein Unglück. Dauerndes Pech ist etwas anderes. Dauerndes Pech ist eine Laune der Natur, die ohne Hintergrund auskommt, ohne Zweck bleibt. Unglück aber, also der Antikörpers des Glücks, ist höchstwahrscheinlich eine übernatürliche Regung.“ Und so weiter. Anfangs kann man so was noch genießen. Auch wenn man liest: „Sie sprach weder laut noch leise, weder erregt noch betont gelassen. Sie sprach einen geraden Satz durch einen geraden Mund. Und das ist eine Seltenheit. Häufig ist der Satz schief, oder der Mund ist schief. Meistens beides. Hier aber war alles gerade, das ganze Gesicht, der ganze Körper, die Haltung, die Mimik, ohne dass aber der Eindruck einer trickreichen Modellierung entstand. Die Geradheit dieser jungen Frau kam nicht konstruiert daher, nicht wie aus dem Windkanal der Modejournale. Ihre Beine waren nicht länger als lang, ihre Figur nicht schlanker als schlank. Die Reinheit ihres Gesichtes schien frei von schwerwiegenden Manipulationen. Der Eindruck des Zierlichen frei von Drogen und Schwermut. Dem Engelsgleichen ihrer Erscheinung wiederum fehlte der Heiligenschein. Hier stand ein Mensch. Ein Mensch ohne Flügel. Zumindest konnte man die Flügel nicht sehen.“

So kann man auf leichte Weise gut dreihundert Buchseiten füllen. Der Leser wird in immer neue Verwirrung gestürzt, aber auch mit immer neuen schönen Formulierungen erfreut, beispielsweise wenn es über Wien heißt: „Kurz bevor Lukastik diese dotterartig in ihrem Klischee schwimmende Stadt erreichte, hielt er an einer Tankstelle.“

Es ist überflüssig, etwas über die Handlung dieses Romans zu sagen. Weil sie unerheblich bleibt, belanglos. Nach 316 Seiten Lektüre muss der Leser einsehen, dass er seine Zeit für nichts als Zeitvertreib geopfert hat. Denn das Buch, das er nun zuschlägt, hat ihn nicht klüger gemacht. Es ist sinnlos, aussagelos. Wenn man nicht die gelegentlich eingestreuten Hinweise auf Ludwig Wittgenstein, den angeblichen Lieblingsphilosophen des Kriminalinspektors, als Schlüssel zur Erkenntnis nehmen will. Ja, der Kubus über dem See Mariaschwarz ist dem Kubus vergleichbar, den Ludwig Wittgenstein (1889-1951) sich als Stadtpalais in Wien hatte bauen lassen. Und wenn man weiß, dass einer der Kernsätze der Wittgensteinschen Philosophie die Unsinnigkeit beschwört, kann man dem Autor Steinfest nur noch dazu gratulieren, wie er mit großartigem Taschenspielergestus seine Leser aufs Kreuz legt: „Meine Sätze“, schrieb Wittgenstein, „erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie – auf  ihnen – über sie hinausgestiegen ist.“ Nebbich.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Liebeserklärung an eine Königin                          

(Alan Bennett: Die souveräne Leserin, Erzählung, aus dem Englischen von Ingo Herzke, Wagenbach-Verlag. Berlin 2008, 116 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-8031-1254-5)

Ein Buch übers Lesen, das einem so wenig Lesearbeit zumutet, wie es einem viel Vergnügen bietet. Man möchte dem Autor gratulieren zu dieser amüsanten Erzählung, die gekonnt komprimiert daherkommt, ohne jede Redundanz herrlich ironisch und dabei erstaunlich wissend, und das nicht nur soweit es die Literatur Englands und Frankreichs angeht. Andere Literaturen fehlen allerdings fast ganz, die deutsche sogar vollständig, dafür sind Mozart und Beethoven als die deutschen Stimmen erwähnt. Der Engländer Alan Bennet hat ein englisches Buch geschrieben, dabei hat er es geschafft, seiner Königin eine Huldigung darzubieten, die beinahe schon eine Liebeserklärung ist, so tief steigt er in ihr Seelenleben ein.

Er stellt uns die britische Königin als eine Frau vor, die im hohen Alter zufällig zur Büchernärrin wird, was ihre Umgebung nervt. Dass sie dazu von einem Küchenjungen angeregt wurde, der im Handumdrehen ihr literarischer Mentor wird, ist wohl bewußt unrealistisch gehalten, um deutlich zu machen, hier handelt es sich nicht um Hofberichterstattung, sondern um ein Stück fiktionaler Literatur. Die Königin fühlt, wie sie sanft und weise wird, was sie der Literatur verdankt. Dass sie gleichzeitig immer weniger Wert auf die Formalitäten des königlichen Alltags legt, die bisher ihr Leben bestimmt haben, kann man ihr gut nachfühlen – und auch nachsehen. Die Popanze um die Königin herum, im königlichen Großhaushalt wie in der britischen Regierung, werden, weil literarisch unbeleckt, sämtlich zu lächerlichen Figuren. Das aber nicht durch drastische Entlarvung, sondern mit Hilfe des hintergründigen britischen Humors.

Das Ränkespiel wider die Lesemanie, in dessen Mittelpunkt die ahnungslose Königin steht, wird en passant entdeckt. Für den Leser, der damit Kenntnisse bekommt, die der Königin noch vorenthalten sind, ist das gleichzeitig der Beweis der Kernaussage des Buches, nämlich dass sich das Lesen lohnt. Die Königin kommt erst spät dahinter, wie sie gegängelt und betrogen wurde. Dann aber schlägt sie schonungslos zurück.

Als die Königin glaubt, es sei nur konsequent, übers Lesen hinauszusteigen und die Autoren kennenzulernen, und das in zwangloser Atmosphäre, erlebt sie eine herbe Enttäuschung. Bennett schreibt: „Schriftstellern, so war ihr bald klar, begegnete man am besten auf den Seiten ihrer Bücher, und sie waren ebenso sehr Phantasiefiguren ihrer Leser wie ihre Romanhelden. Und sie fanden anscheinend auch gar nicht, dass man ihnen mit dem Lesen ihrer Werke einen Gefallen getan hatte. Vielmehr hatten sie einem den Gefallen getan, sie zu schreiben.“

Als sich die Lesebegeisterung der Königin zu der sie quälenden Frage entwickelt, ob sie nicht selbst schreiben müsste, um ihre eigene Existenz zu rechtfertigen, bringt der Autor die nächste Drehung der Schraube, die auf unspektakuläre Weise eine permanente Spannung schafft. Und mit dem Knalleffekt im letzten Satz des schmalen Buches macht er die Erzählung schon fast zu einer etwas größeren Kurzgeschichte.

Resümee: Ein vom Verlag sehr edel aufgemachtes Buch, in dem jeder Satz ein Genuß ist. Und der deutsche Titel ist dem Originaltitel „The Uncommon Reader“ erfreulicherweise haushoch überlegen, weil er das doppelsinnige Wort souverän dem belanglosen Wort ungewöhnlich vorzieht.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

  

Rosenwasser und elf Jungfrauen

 (Andreas Izquierdo: König von Albanien, Roman, Rotbuch-Verlag, Berlin 2007, 398 Seiten, € 19.90)

Der Autorenkreis Historischer Roman, der unter dem programmatischen Namen Quo Vadis rund einhundert Schriftstellerinnen und Schriftsteller vereinigt, hat auf seinem Jahrestreffen in Speyer dem in Köln lebenden Autor Andreas Izquierdo den Sir-Walter-Scott-Preis 2008 für den besten historischen Roman verliehen. Die Quo-Vadis-Gruppe ist so großzügig, den Preisträger von einer unabhängigen Jury ausgucken zu lassen, und das nicht allein unter den Quo-Vadis-Mitgliedern. Klar, dass diese Generosität in den eigenen Reihen nicht nur Zustimmung findet. Aber man will keine Club-Exklusivität, und der Effekt ist ja auch überzeugend.

Schon der erstmals im Jahre 2006 vergebene Preis ging ebenfalls an ein Nicht-Mitglied von Quo Vadis, nämlich an Markus Orths für den wahrhaftig preiswürdigen Roman „Catalina“ (siehe die Besprechung in diesem Magazin). Mindestens ebenso preiswürdig ist der „König von Albanien“. Während die Verlage immer noch bemüht sind, den historischen Roman ins Mittelalter-Korsett einzuschnüren, hat Izquierdo sich an eine Geschichte gewagt, die unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs spielt.

Das Ergebnis ist ein Hochstapler-Roman, also ein so vergnüglicher Lesestoff wie „Die Geständnisse des Hochstaplers Felix Krull“ von Thomas Mann. Diesem aber insoweit überlegen, als er mit authentischer Hauptfigur antritt – es hat den Rumtreiber und Kurzzeit-König Otto Witte wirklich gegeben – und mit sehr informativen En-Passant-Einblicken in die Vielvölker-Problematik des Balkans und das politische Gerangel im Hintergrund, das zum Krieg führte. So kann ein Hochstapler-Roman sogar zum historischen Roman werden. Überlegen ist der „König von Albanien“ auch damit, dass der Autor, anders als Thomas Mann, seinen Protagonisten ernst nimmt. Das Buch ist nur teilweise nach dem bewährten Muster des pikarischen Romans gestrickt, in dem der Nicht-Held auf seinem wirren Lebensweg immer wieder in Fettnäpfchen tritt und in jede Grube fällt und so gesellschaftliche Übelstände entlarvt, dabei für die Leser aber zu einer komischen Figur wird. Mit der Folge, dass man bedauert, dem Schelm bei seinem mal listigen Betrügen, mal tölpelhaften Herumstolpern nicht helfen zu können, sich aber bemühen will, in ähnlichen Situationen selbst besser die Kurve zu kriegen. Desillusionierung und Lebenshilfe für die Leser. Das ist bei dem „König von Albanien“ anders. Dieser Roman ist auch nicht ein ausgesprochen lustiges Buch nach Art des „Don Quichotte“ von Cervantes oder wie „Der brave Soldat Schwejk“ von Hašek oder à la „Gil Blas“ von Lesage. Dieser Otto Witte ist von ganz anderem Format. Er ist keiner von den Nichthelden aus der Familie Hans-guck-in-die-Luft. Er ist ein Held, mit einer ungewöhnlichen Intelligenz und Schlagfertigkeit gesegnet, wodurch er stets der Herr der Situation bleibt. Und in die unangenehmsten Situationen gerät er nicht aus Versehen, sondern weil er eine ausgemachte Spielernatur ist.

Eine Charakterisierung des Protagonisten Otto und seines treuen Freundes Max bringt der Autor auf S. 66/67: „Otto wusste, dass Menschen selten das sehen, was sich tatsächlich vor ihren Augen abspielte, sondern meistens das, was sie sehen wollten. In dieser Lücke des Lebens bewegten sich Menschen wie Otto und Max, aus dieser Lücke heraus erschufen sie sich die Freiheit, durch alle Gesellschaftsformen zu geistern, ohne von deren Normen und Notwendigkeiten eingeschränkt zu sein … Teil einer glücklichen Konstellation, die gerade in Zeiten der Unruhe und des großen Durcheinanders denjenigen zu außergewöhnlichen Leistungen anspornte, dessen Wille und Mut größer war als der seiner Umgebung. Es war die Zeit der Hasardeure. Und Otto Witte war ihr vornehmster Vertreter.“

Andreas Izquierdo hat nicht mehr und nicht weniger geleistet als einem Hasardeur ein Denkmal zu setzen, indem er dessen dreistestes Bubenstück zu einem Stück anspruchsvoller Literatur werden ließ. Und das auf eine so spannende und amüsante Weise, dass es sich lohnt, einmal einen Blick auf die Machart dieses Romans zu werfen. Zunächst versetzt er seine Leser in eine Irrenanstalt in Salzburg. Damit entführt er jeden aus seiner gewohnten Umgebung. Diese Situation entpuppt sich als Rahmenhandlung, die zunächst nur dazu dient, den Protagonisten Otto Witte, der als der Unangepasste zwischen den Geistesgestörten lebt, zum Erzählen zu bringen. Dies jedoch nicht in der Ich-Form, wie im Schelmenroman meist üblich.

Überraschend wird die Anstalt später wieder aufgenommen und erzählerisch ausgebaut und so zur Gegenwelt aufgewertet. Mit einem eigenen Protagonisten, und das ist ein junger Assistenzarzt namens Schilchegger, der dabei ist, seine Doktorarbeit in Psychiatrie zu schreiben. Wie dieser junge Wissenschaftler allmählich und von Otto Witte beeinflusst zu dem über sich selbst hinauswachsenden und damit seine Karriere ruinierenden Helfer der ihm anvertrauten unglücklichen Menschen wird, das lässt einen Roman im Roman entstehen, und zwar einen durchaus überzeugenden Entwicklungsroman.

Izquierdo ist ein routinierter Autor von Kriminalromanen und arbeitet deshalb selbstverständlich auf Spannung hin. Er zeigt aber, dass sich nicht immer alles um einen Mord oder ein ähnliches Verbrechen drehen muss. Er liefert die unblutige Version des Aufklärungsbedürftigen, und das ohne einen Aufklärer. Die am Anfang nur nebenbei gebrachte und auf dem Buchumschlag wiedergegebene Bemerkung, der als verrückt in die Heilanstalt eingelieferte Otto Witte sei tatsächlich fünf Tag lang König von Albanien gewesen, setzt einen Spannungsbogen, der bis zur letzten Seite trägt, obwohl die Königs-Proklamation schon auf Seite 288 erfolgt. Man kann nicht anders als dieses Buch ganz lesen. Da wären die Cliff-Hanging-Effekte, die der Autor geschickt an fast jedes Kapitelende setzt, fast schon verzichtbar gewesen. 

Nicht zuletzt überzeugt die Sprache dieses Romans. Keine Larmoyanz, keine Redundanz, dafür aber feinfühlig angespitzte Dialoge. Wo Andreas Izquierdo es für angebracht hält, einmal Tageszeit und Wetter zu beschreiben, da tut er das kurz und treffsicher mit neuen und überraschend schlichten Ausdrücken. Überhaupt vermeidet er die gängigen Klischees. Er lässt einem mit seiner sublimen Ironie die Lektüre dieses Romans zu einem einzigen Vergnügen werden, so dass man schließlich bedauernd sagt: Wäre König Otto I. von Albanien doch länger auf seinem Thron geblieben, in seinem vergammelten und behelfsmäßig mit Rosenwasser ausgewaschenen Palast in Tirana mit dem schnell eingerichteten Harem, in dem die elf Jungfrauen auf ihn warteten – auf dass der Roman noch hundert Seiten weiterginge.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Gekonnt ausgefranst

(André Heller: Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein, Erzählung, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, gebunden 138 Seiten, € 16.90)

Ein schmales Buch mit einem langen Titel, der bei aller Krudität nicht die Unverhältnismäßigkeit überspielen kann. Spielen, das ist das Stichwort. Denn das ist die Spezialität dieses Autors, die er schon in Büchern wie „Die Ernte der Schlaflosigkeit in Wien“ oder „Auf und Davon“ oder dem Roman „Schattentaucher“ vorgeführt hat. Bei diesen Büchern habe ich genau wie bei der jetzt erschienenen Kindheitsgeschichte sehr viel mehr am Anfang zu unterstreichen gehabt als hinterher. Mit dieser Machart unterscheidet sich der Autor nicht von anderen seines Fachs, im Gegenteil, er zeigt damit, dass er ein Profischreiber ist, der weiß, worauf es ankommt.

Womit André Heller sich über die meisten anderen Profischreiber hinaushebt, das ist der Einfallsreichtum in der Formulierung. Dazu verhilft ihm seine ironisch distanzierte Weltsicht und das angeborene Talent zum Wiener Schmäh. Da werden die jüdischen Verwandten genauso wortstark karikiert wie die tumben Nachbarn und kleinen Politikenthusiasten, aber auch die Jesuiten, in deren Internat der Junge gelitten hat. Und erst recht wird sein Vater, der Familientyrann, zu einer Kuriosität. Erst als er plötzlich stirbt, lebt der Junge auf, genau wie seine Mutter. Dass der Junge allerdings ebenso wenig mit seiner neu gewonnenen Freiheit anzufangen weiß wie die plötzlich Witwe gewordene noch recht attraktive Frau, lässt das Buch trotz der sehr anschaulichen und packenden Schilderung der Zerstörung der Synagoge und der ersten Mini-Kostprobe einer Liebe ausgefranst wirken.
 
Damit das nicht als Unwerturteil über das Buch wirkt, muss man sich klarmachen: Hier geht es um die Schilderung einer Kindheit, also um die Darstellung dieses bloßen Entwurfs zu einem Menschen, wie es einer der zur Beerdigung angereisten Onkels, lauter komische Vögel, sagt. Die Bemühung, daraus einen wirklichen Menschen zu machen, gehörte nicht mehr in dieses Buch. Es erfreut mit ganz anderen Dingen, nämlich mit apodiktischen Formulierungen, die so altklug wie neckisch sind. Das hat der Autor mit dem Kunstgriff möglich gemacht, dass er in der Rückschau mal in der dritten Person Einzahl aus der Erwachsenensicht schildert, mal in der ersten Person das Kind denken und handeln und sprechen lässt. Eine geschickt aufgebaute Alternativwelt, die über die Banalität einer nur kindlichen Schau hinweghilft und ebenso über die ewige Besserwisserei des Erwachsenen. Wie diese beiden Sehweisen sich vermischen und ergänzen, das macht den besonderen Reiz dieses Buches aus.
 
Hierfür ein paar Beispiele: „Daß die Päpste nicht aus Fleisch, Knochen und Blut waren, sondern aus Stein, wusste ich, denn Jesus hatte seinen Stellvertreter mit den Worten ernannt: ‚Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.’“ Oder: „Offenbar gab es für jeden von uns einen heiligen Vater und einen unheiligen. Den unheiligen nannte man auch den leiblichen.“ Oder: „Es zählt zu den nachhaltigsten Traurigkeiten meiner Kindheit, dass Mutter mich nicht unbefleckt empfangen hat. Was besaß die Mutter Gottes, dachte ich damals, das meiner Mutter fehlte?“ Oder: „Onkel Monte erzählte vom Wesen des Tangos, und dass sich eine Uruguayerin von Welt niemals, wie es jetzt bei uns die Mode sei, die Achselhaare rasieren würde, denn im weiblichen Achselhaar seien jene Gerüche beheimatet, die am wirksamsten die Wollust befeuerten.“

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Die dreifache Maßlosigkeit

(Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt, Roman, Rowohlt Taschenbuch-Verlag, Reinbek 2008, 303 Seiten, 9.95 €)
 
Das Buch ist schon 2005 erschienen, also geht es nicht mehr darum, schnell eine möglichst großartig klingende Bemerkung abzusondern, um auf dem Buchumschlag als Kommentator mit einem Werbespruch zu erscheinen, wie das die großen Zeitungen machen, die Vorausexemplare bekommen. Jetzt kann der Rezensent ernsthaft an das Buch herangehen.
 
Ein romanhaftes Doppelporträt: Alexander von Humboldt (1769-1859) und Carl Friedrich Gauß (1777-1855). Da fragt man sich: Wie kommt ein Romancier auf diese Idee? Wenn ihn dieser umtriebige Alexander von Humboldt interessierte, der sich tausendmal in Lebensgefahr gebracht und doch ein Patriarchenalter erreicht hat, dann hätte es natürlich nahegelegen, ihn seinem etwa zwei Jahre älteren Bruder Wilhelm von Humboldt gegenüberzustellen. Aber das wäre ein neuer Aufguss des uralten Tees Naturwissenschaft contra Geisteswissenschaft geworden und des ebenso abgehandelten Themas der Geschwisterrivalität. Das hat Kehlmann vermieden. Dafür muss man ihm dankbar sein. Stattdessen zwei Naturwissenschaftler vorzustellen, passte auch viel besser in die Zeit der Erzählung, die im ersten Satz des Buches auf 1828 festgelegt wird. War das 19. Jahrhundert doch das Jahrhundert der Naturwissenschaften und der Technik.
 
Dass er dieses Buch über zwei Männer von so außergewöhnlichem Format überhaupt im Jahre 2005 veröffentlichen konnte, und das sogar mit durchschlagendem Erfolg, sagt etwas über unsere Gegenwart: Wir haben endlich die Gleichmacherei der Postkommunisten überwunden, unter deren Herrschaft in den Medien Begriffe wie Genie und Elite verboten waren. Kehlmann konfrontiert uns ungeniert mit Elite-Beispielen, wenn er Nebenfiguren wie Goethe und Lichtenberg und Forster und Kant und Wilhelm von Humboldt auftreten lässt. Und er scheut sich nicht, seine beiden Protagonisten Alexander von Humboldt und Carl Friedrich Gauß als Genies hinzustellen. Die Ungerechtigkeit von Mutter Natur in der Verteilung von Intelligenz wird nicht mehr kaschiert.
 
Dabei werden die beiden Genies durchaus nicht zu Sympathieträgern hochstilisiert. Wie der Autor sie von der menschlichen Seite beleuchtet, das ist so feinfühlig wie pfiffig. Der zweifellos bewundernswerte Gauß entpuppt sich als der totale Fiesling, der nicht minder bewundernswerte Humboldt als ein Verrückter. Kürzeste Szenen, die entlarvend sind statt wertender Bemerkungen des Autors. Abwechselnd werden die beiden Protagonisten jeweils in selbständigen Kapiteln auf einem Stück ihres Lebensweges gezeigt. Dabei werden selbst die aufregendsten Ereignisse zu wenigen Zeilen eingedickt, aber zu Zeilen, die Wort für Wort sitzen. Der Text dieses Buches ist von einer Schlichtheit, die Erstaunen weckt und weitertreibt. Die kurzen Sätze passen zu dieser Einfachheit der Darstellung. Da gibt es Glanzstücke der Lapidarität. Die unvorbereitet kommenden gelegentlichen sarkastischen oder zumindest ironischen Bemerkungen sind wie Rosinen im Sandkuchen. Ein Lesegenuss. Das gilt zumindest für die erste Hälfte des Romans, danach wird die Erzählung leider etwas langatmig. Und am Ende wird ihr als zusätzliches kurzes Kapitel noch ein in anderem Stil gebrachter Appendix angehängt, den der Verlag ruhig hätte wegoperieren können. Denn der Autor hatte offensichtlich das vorletzte Kapitel mit einem passenden Schlusswort beendet, nämlich mit einer neu aufgeworfenen weiterführenden Frage.
 
Das Buch ist ein doppelter Abenteuerroman und gleichzeitig ein historischer Roman, dies jedoch anders als meist üblich. Tobt doch in den historischen Romanen, die heute stapelweise in den Buchhandlungen liegen, als Protagonist fast immer eine Phantasiefigur, meist weiblich, weil die Leserschaft fast nur noch weiblich ist, sich vor historischer Kulisse aus, wobei das ganze Brimborium der Umstände bis zum letzten Strumpfband und Kragenaufstellen ausführlich erzählt wird. Nicht so bei Kehlmann. Hier ist die Chose umgekehrt. Alle Verlegenheitsillustrierung lässt er weg. Er hat offensichtlich nicht für Zeilenhonorar geschrieben, musste dem Verleger keine 500 bis 600 Seiten liefern, um die Kosten des Umschlags und des Bindens im Verhältnis zum Ladenpreis sinken zu lassen.
 
Kehlmann hat einen Weg gefunden, sein Buch über den Abenteuerroman und auch über den historischen Roman hinauszuheben und als ein Stück hoher Literatur erkennbar zu machen. Er hat jede wörtliche Rede vermieden, indem er alle Äußerungen seiner Personen in den Konjunktiv verwandelt hat. So konsequent, wie er dieses Stilmittel anwendet, zeigt er sich genau so maßlos wie seine beiden Protagonisten. Das könnte man als bloßen Gag kritisieren. Man kann diesen radikalen Konjunktivismus aber auch als einen Akt der Ehrlichkeit sehen. Dann zeiht Kehlmann damit jede andere Art der Darstellung von Gesprächen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben, der Lüge. Immerhin hat der Autor ja nicht mit dem Mikrophon dabeigestanden, als seine Figuren sprachen. So wird dem Leser bei jeder Rede durch den Konjunktiv suggeriert, was er hinzudenken muss, nämlich: Er könnte gesagt haben …
 
Nicht zu vergessen, dass der Roman auch einen Inhalt hat. Das ist er: Einige Stationen aus dem Leben des stets in zu kleinen Verhältnissen lebenden großen Mathematikers und Astronomen Carl Friedrich Gauß werden einigen Stationen der großen Forschungsreise in die Äquinoktialgegenden Amerikas des reichen Freiherrn Alexander von Humboldt gegenübergestellt.

(Walter Laufenberg in: ww.netzine.de)



 

Bericht aus der Terra incognita

 
(Ingo Schulze: 33 Augenblicke des Glücks, Erzählungen, Süddeutsche Zeitung Bibliothek, München 2008, gebunden 252 Seiten, € 5,90)

Der Literaturkanon der Süddeutschen Zeitung, der die international wichtigsten belletristischen Werke des 20. Jahrhunderts als Neuauflagen zum Sonderpreis zu versammeln behauptet, bietet die Möglichkeit der kritischen Neubewertung aus einigem zeitlichen Abstand. Bei dem 1995 im Berlin-Verlag erschienenen Buch, das die hochgelobte literarische Debütantenarbeit eines Theatermannes und Anzeigenblattmachers darstellte, zeigt sich, wie wertvoll diese Chance des zweiten Blicks sein kann. Und wie wichtig auch als Korrektiv. Waren die neunziger Jahre doch die Zeit, da man in den Debütanten in fast allen Verlagshäusern blauäugig eine neue Marktchance sah. Das war ein Novum, also gut. Und wenn die Entdeckung dann auch noch aus der ehemaligen DDR kam, umso besser.

Einen Pluspunkt jedenfalls für die Idee, diese Sammlung von Gelegenheitstexten, die zum Teil nicht einmal als Kurzgeschichten, eher als Kurztexte zu bezeichnen wären, durch die Rahmenerzählung von einer im Zug gefundenen Mappe zusammenzufassen. Ein in der Literatur bewährtes Mittel, Disparates durch ein gewillkürtes Band zusammenzuhalten. Einen Pluspunkt verdient auch der Buchtitel, der Werbeerfahrung verrät, nämlich in der Art, wie das nur positiv besetzte Reizwort Glück herausgestellt wird, ohne Rücksicht darauf, dass längst nicht alle Texte etwas mit Glücksgefühlen zu tun haben. Dabei sogar die Gefahr missachtend, dass der Buchtitel besser sein könnte als das Buch. Es handelt sich laut Klappentext um Arbeiten aus dem ersten Halbjahr 1993, das Schulze als Zeitungsmann in St. Petersburg verbracht hat, doch der Autor konfrontiert und akkompagniert das Ich seiner Erzählungen mit immer anderen Personen, was natürlich belebend wirkt. Demselben Zweck sollen auch die vielen Personennamen dienen, die man sich nicht merken kann, auch nicht merken muss, wie man bald feststellt. Und die ständigen Erwähnungen von Begriffen aus dem St. Petersburger Stadtplan sollen Atmosphäre schaffen und dem Ganzen eine spezielle Exotik verleihen.

Das ist alles recht geschickt gemacht. Und einige dieser kurzen Geschichten sind auch wirklich gut in Situationsschilderung, Handlungsablauf und Sprache, so beispielsweise die erste und die letzte. Auch das geschickt, wie gesagt. Aber dazwischen gibt es Texte, die in einer erstaunlichen Holprigkeit daherkommen, schon an Verwaltungssprache angelehnt. Sie zeigen nicht etwa eine holzschnittartige Sprache, sondern schlichtweg eine hölzerne. So die Geschichte „Die einzige Zeit“. Da fragt man sich, warum man als Leser jede einzelne Handbewegung und jedes Pfeifen eines Wasserkessels miterleben muss, wenn diese Geschehnisse bloße Kulisse sind, aussagelos. Und beispielsweise die Erzählung „Haben Sie gesehen?“ ist eine Räuberpistole, die sich bemüht, jeden Brutalo-Krimi noch zu toppen. Zumindest für den Rezensenten kein Augenblick des Glücks.

Die Neubewertung dieses Debüts – von späteren Arbeiten des Autors abgesehen – kann nur zu dem Ergebnis kommen: Teils schon überraschend gekonnt, teils bloß bemüht, aber vielversprechend, teils nur mit viel gutem Willen zu lesen. Also alles so, wie bei einer Neulingsarbeit nicht anders zu erwarten. Doch die Aufnahme in den Kanon der Literatur des 20. Jahrhunderts ist eine Übertreibung, die dem Autor Ingo Schulze vermutlich mehr peinlich als angenehm ist.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Zum Glück nichts Neues

 (Monika Maron: Ach Glück, Roman, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2007, gebunden 218 Seiten)
 
Was das ist, das Glück, darüber klärt das Buch nicht auf. Nur dass man es im Umgang mit einem Haustier, das sich völlig kritiklos für einen begeistert, erleben kann. Daneben suggeriert es, dass dagegen  unter Menschen eine immer wieder überraschende Verrücktheit nötig ist, es zu erlangen. Und macht das auch  glaubhaft mit der Langeweile, die dieser Roman bietet. Auf Seite 50 heißt es: Was war denn schon passiert? Seine Frau war verreist; das hob die Welt nicht aus den Angeln.
 
Das kann der Rezensent nur unterstreichen. Womit auch schon beinahe der gesamte Inhalt des Buches wiedergegeben ist. Denn den kann man als sehr sublime Darstellung der Geworfenheit des Menschen bejubeln, aber auch als schrecklich öde beklagen. Monika Maron reiht sich damit ein in die viel zu große Gruppe deutscher Autoren, die nichts erleben, deshalb nichts zu sagen haben, das aber gut zu formulieren wissen. Gerade ein paar Brotkrümel von der Tischdecke fegen, natürlich mit der Hand. Das ist so ein Ereignis, das erzählt wird, um den Leser aus dem Sessel zu heben. Für den deutschen Buchmarkt genügt das ja auch, weil es von einer DDR-Autorin ist. Wie alle, die nichts zu beschreiben haben, beschreibt sie natürlich Schreibende. Die Hauptperson Johanna schreibt Biographien, was sie aber schon leid ist, ihr Mann Achim schreibt Literaturwissenschaftliches, was ihr wegen seiner ewigen geistigen Abwesenheit auf den Geist geht.
 
Immerhin wird das Buch schon bald nach der ersten Hälfte interessant. Denn auf einmal geht es um die Frage, wie Frau und Mann miteinander können. Ein paar Rückgriffe auf alte Urteile und Vorurteile, aber dann folgt doch nichts Aufschlussreiches. Der Roman wird statt dessen zu einer durchgängigen Bestätigung für Leute, die sich permanent selbst darüber befragen, ob sie im Moment heiter sind oder depressiv, verlegen oder verwirrt, sehnsüchtig oder frustriert. Bei vielen Leserinnen mag das gut ankommen, weil es sie seufzen lässt: Ja, genau so dreckig geht es mir auch. Ein Fall von zweifelhafter Identifizierungsliteratur. Denn bei der Lektüre geht es immer wieder um dieselben Empfindungen. Und es geht immer wieder um die Feststellung: Angefangen hat alles mit dem Hund. – Da fragt man sich: Na, und?
 
Anlass genug, sich der Schreibweise der Autorin zuzuwenden. Dass für sie Gehen und Laufen dasselbe ist, muss als verzeihlich hingenommen werden, weil berlinerisch. Schon peinlicher, dass die Autorin das gleiche und dasselbe nicht unterscheiden kann – das Lektorat ebenfalls nicht. Ansonsten bietet das Buch ein makelloses Deutsch, ohne unnötige Anglizismen, allerdings auch fast ohne Sahnetupfer. Als auffallend und gewöhnungsbedürftig empfindet der Rezensent ein Stilmittel, das die Sprache wohl eleganter machen soll, nämlich das Fortlassen der zweiten Vergangenheit mit ihren harten Wörtern hatte und war. Hier werden Handlungen, die zu verschiedenen Zeiten stattgefunden haben, sogar innerhalb eines Absatzes einfach so zusammengeschmolzen, dass sie in einem endlos plaudernden Präteritum über alle Vergangenheiten hinwegplätschern.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Deutschland in feinstem Deutsch

 (Jenny Erpenbeck: Heimsuchung, Roman, Eichborn-Verlag, Frankfurt/Main 2008, gebunden 192 Seiten, € 17,95)
 
Es gibt Belletristik, die für Kritiker geschrieben wird, und solche, die für Leser bestimmt ist. Autoren, die sich, wenn sie ein Buch zu schreiben beginnen, eindeutig für die eine oder die andere Zielgruppe entschieden haben, können große Erfolge verbuchen. Wer bei seinem Schreiben beiden Gruppen etwas bietet, hat jedoch kaum Erfolg, selbst wenn er die bessere Literatur liefert. Die goldenen Zeiten Carl Zuckmayers sind vorbei. Das moderne Marketing schätzt kein verständnisvolles Blinzeln mehr.
 
Jenny Erpenbeck, die Autorin aus Ostberlin, hat sich entschieden: Sie schreibt für die Kritik, wenn sie auf eine höchst feinfühlige Weise ihre Kindheit in dem Reethaus am Scharmützelsee beschreibt, sehr intim, aber so, dass sie sich völlig zurücknimmt. Nur konsequent, dass Heimsuchung ein Roman ohne Spannungsbogen ist, auch ohne eine Heldin oder einen Helden. Die Personen, oft ohne Namen, tauchen auf und tauchen ab, sind nur noch verwehte Spuren auf einem Schauplatz, der zum eigentlichen Protagonisten wird. Das Haus am See, die Immobilie als das nicht nur räumlich sondern auch zeitlich Beständige, so sehr es sich im Laufe der Jahrzehnte verändert. Und der Gärtner, dem immer mal wieder ein Scharnier-Kapitelchen gewidmet wird, ist weniger ein Individuum als vielmehr ein Typ und als solcher beinahe nur ein Accessoire des Gartens, in dem er die immer gleichen Handgriffe zu machen hat, für welche der wechselnden Herrschaften auch immer.
 
Das ist wirklich kunstvoll gemacht. Da kann man sich für die unaufdringliche Sprachartistik der Autorin begeistern, für die poetisch verkürzte Geschichtsdarstellung oder Situationsschilderung, kann davon schwärmen, wie sie mit ihren Satzkonstruktionen über das Gewohnte und Genormte hinausfliegt. Wie sie, was einmal bei Joyce als der Bewusstseinsstrom sensationell war, jetzt zu schlicht dahinfließenden Aussagesätzen werden lässt. Wie sie das Stilmittel der Wiederholung von Formulierungen einsetzt, die völlig unterschiedliche Situationen illustrieren, holzschnittartig, so dass es einem ein homerisches Lächeln des stillen Einverständnisses abringt.
 
Zunächst diese Kühle der geophysikalischen Einordnung des Schauplatzes, sie erinnert an den ebenso distanzierten Auftakt von Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“, dann die kindliche Unbekümmertheit. Aber daneben gibt es auch Szenen, die einen Anne Franks Isoliertheit nacherleben lassen, und andere, die einen mit Rilkes Cornett verbrüdern. Erschütternd, wie das Denken eines alten Menschen sich zu wenigen unzusammenhängenden Formulierungen aus dem Erinnerungsfundus zurückzieht - beinahe ein innerer Schrumpfkopf. Und zuletzt dann noch das juristische Vokabular, das aus Akten tropft und so was wie ein Nonsens-Gedicht gebiert. Das ist die Hohe Schule der Schreibkunst.
 
Das Buch stellt eine deutsche Geschichtsstunde dar, die jedem zu empfehlen ist, der noch einmal unsere jüngste Vergangenheit erleben will, vorgeführt am Werden und Vergehen eines Wohnhauses. Eigentlich nichts Besonderes, und doch ein ganz ungewöhnlicher Genuss, weil in unseren Zeiten des Englisch-Kollers dargeboten in feinstem Deutsch.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)


Passt

(Philippe Besson: Nachsaison, Roman, dtv premium, München 2007, 157 Seiten, 12.- €, 21.10 sFr, Titel der Originalausgabe: L’arrière-saison, aus dem Französischen von Caroline Vollmann)
 
Dass Romane nach Filmen geschrieben werden, dieser reziproke Kreationsprozess ist einem bereits geläufig. Aber dass ein Bild nicht bloß als Bildgedicht interpretiert, sondern sogar romanisiert wird statt dass ein Roman bebildert wird, das ist noch etwas Ungewöhnliches. Edward Hoppers (1882-1967) wohl berühmtestes Gemälde mit dem Namen „Nighthawks“, was soviel wie „Nachtschwärmer“ bedeutet, hat als Poster tagelang in der Wohnung des französischen Schriftstellers Philippe Besson gehangen und ihn zu dieser Geschichte inspiriert, so teilt der Deutsche Taschenbuch-Verlag mit. Dabei hat Besson sich allerdings einige Freiheiten erlaubt.
 
Das Bild zeigt drei Männer und eine Frau in einer recht kahlen und viel zu leeren Bar. Einer der Männer ist der Barkeeper, also der Neutrale, der quasi zur Einrichtung gehört, ein zweiter Mann sitzt neben der Frau an der Theke, der dritte den beiden gegenüber. Damit fordert das Bild die Phantasie heraus, sich eine typische Ménage a trois vorzustellen. Die schildert der Autor tatsächlich, aber mit verändertem Personal. Denn der andere Mann mit einer Beziehung zu der Frau tritt nicht auf, er bleibt hinter einem kurzen Telefonanruf verborgen. Dafür wird der Mann, der im Vordergrund mit dem Rücken zum Betrachter an der Theke sitzt, von Besson ignoriert. Für ihn hat er keine Verwendung. Was ja durchaus zur Wirtshausatmosphäre passt. Zwar lässt der Autor einmal für einen kurzen Aufenthalt einen alten und meist betrunkenen Fischer auftreten, der nach der Ausfahrt einen Absacker braucht, doch das kann nach der Beschreibung nicht der Mann im Anzug und mit Hut im Vordergrund sein.
 
Die zwei gescheiterten Beziehungen, die in gedanklichen Rückgriffen vorgeführt werden, sind nicht ungewöhnlich. Deshalb ist über das Was der Schilderung nichts zu sagen, allenfalls über das Wie. Zunächst einmal ist festzustellen: Zu der Stimmung, die das Hopper-Bild vermittelt, passt die Stille und Bedrücktheit, die der Autor schildert. Dazu passt auch, dass so gut wie nichts geschieht in diesem Roman, auch von den Figuren kaum einmal etwas gesagt wird. Man ist versucht, von einem Gegenentwurf zum Noveau roman zu sprechen, weil es keine Beschreibung von Gegenständen mehr gibt, nur noch die Beschreibung von Zuständen. Ein Buch voll von Unausgesprochenem, der sogenannten Mentalreservation, wie die Juristen das nennen. Der Autor war ursprünglich Jurist. Ihre, seine, dessen und des anderen Gedanken und Gefühle, Absatz für Absatz so nonchalant gegeneinander gesetzt, als wollte der Autor die albernen Verbote des Perspektivwechsels, mit denen man in Creative-Writing-Schulen die Leser vor Irritationen bewahren will, ad absurdum führen. Als wollte der Autor seinen Lesern gerade damit das Vergnügen bereiten, sich einmal total überlegen fühlen zu können. Das ist die Feier des allwissenden Autors, der seine Leserschaft ebenso allwissend macht. Und natürlich hat das seinen Reiz.
 
Der Autor protokolliert in diesem Buch permanent die Gedanken und Gefühle seiner Figuren, statt sie in Handlungen und in Worten deutlich werden zu lassen. Das wirkt zunächst plump, ist gelegentlich auch überflüssig, weil man schon verstanden hat, doch dann erkennt man: Das hat Methode – und es passt ja auch zu dem Status des Betrachters, den man gegenüber dem Hopper-Gemälde hat.
 
Im übrigen könnte man dieses ewige Psychologisieren bei einem Autor, der aus der Psychobranche kommt, als Geprägtheit oder Berufskrankheit verstehen und kommentarlos hinnehmen. Aber bei einem Juristen wirkt dieses Sich-Austoben auf berufsfremdem Terrain recht fragwürdig. Muss man sich doch eingestehen: Der psychologisierende Roman wurde schon von Dostojewskij zur Meisterschaft entwickelt, hier wird er auf die Spitze getrieben. Will der Autor damit Dostojewskij übertrumpfen? Oder will er nur der Tatsache Rechnung tragen, dass heute die Frauen die Leserschaft stellen? Wie auch immer, dieser kleine Roman kann durch seine kompromisslose Konzentration auf das Innenleben seiner Figuren fesseln, wenn er auch den Eindruck aufkommen lässt, dass der psychologisierende Roman damit den Zenit überschritten hat und dabei ist, sich aus der Literatur zu verabschieden.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 

Empfehlenswert sogar als Schulbuch

(Frederik Berger: Canossa, Roman, Aufbau Taschenbuch-Verlag, Berlin 2006, 616 Seiten, 9.95 €, ISBN-10: 3-7466-2221-2)

 Der ehemalige Journalist und Literaturwissenschaftler Frederik Berger, Mitglied des Autorenkreises historischer Roman „Quo Vadis“, zeigt mit diesem Roman, dass man den Schulstoff – wem wäre nicht noch der sperrige Begriff Investiturstreit im Gedächtnis – zum Erlebnis werden lassen kann, und das ohne in kolportagemäßige Geschwätzigkeit abzugleiten. Ob bei den Lesern Information und Deutung gewünscht ist oder seelische Erschütterung, krimiartige Spannung oder bloß die Chance zum Wegtauchen in eine frühere Zeit, dieses Buch erfüllt alle Erwartungen.

Es geht um das fränkische Adelsgeschlecht der Salier, das im 10. – 12. Jahrhundert die deutschen Könige stellte und wie damals üblich, heimatlos von Pfalz zu Pfalz und von Kriegsschauplatz zu Kriegsschauplatz zog, dabei seinen Mittelpunkt jedoch in Speyer sah. Der von ihnen erbaute Speyerer Dom, das größte romanische Bauwerk Deutschlands, wurde zu ihrer Grablege. Die Statuen der salischen deutschen Könige und Kaiser stehen im Park hinter dem Dom, für die Besucher der Stadt, die vom Rhein oder vom Hauptparkplatz kommen, nicht zu übersehen. Der Volksmund hat sich darauf seinen eigenen Reim gemacht: „Gäbe es in Speyer nicht die toten Kaiser und Könige, gäbe es in Speyer überhaupt kein Leben.“ Rheinischer Humor relativiert auf liebenswerte Weise den Nachruhm, für den die Großen gelebt und finassiert und gelitten haben.
 
Zur Handlung des Romans: Der spätere König und Kaiser Heinrich IV. wächst zusammen mit seiner vier Jahre älteren Cousine Mathilde von Tutzien-Canossa auf. Es ist der ungestüme Wille von Mathildes Mutter Beatrix, dass die beiden ein Paar werden. Eine Wahrsagerin bestärkt sie in dieser Hoffnung. Doch hat Heinrichs Vater, König Heinrich III., seinen Sohn aus machtpolitischen Erwägungen bereits mit einem anderen Mädchen, nämlich Bertha, verlobt. Als der Vater viel zu früh stirbt, kommt der Junge unter die strenge Fuchtel des Erzbischofs von Köln. Doch das Prinzip: Aus den Augen, aus dem Sinn, es funktioniert in diesem Fall nicht. Der junge König Heinrich IV. bleibt innerlich zeitlebens an Mathilde gebunden, die jedoch nie seine Frau wird. Denn als er in Rom auf die Scheidung von seiner Frau Bertha drängt, kommt es zum offenen Bruch mit der Kurie. Der starrsinnige Papst Gregor VII. will das Königtum nicht stärken sondern schwächen. Dabei geht es um den sogenannten Investiturstreit und die Zwei-Schwerter-Theorie, also das Recht zur Einsetzung der Bischöfe und Äbte, das die beiden Machthaber Papst und König sich gegenseitig streitig machen.
 
Der Roman schildert die Kindheit und Jugend des späteren Königs Heinrich IV. und kommt zu seinem Höhepunkt bei dem Aufeinandertreffen der beiden Kontrahenten vor der Burg Canossa, wo der Papst der Gast der heimlichen Geliebten des Königs, Mathilde, ist. Der Papst hat den König aus der Kirche ausgestoßen und gebannt. Für einen Herrscher damals eine verzweifelte Situation. Doch an drei eisigen Wintertagen des Jahres 1077 zeigt der junge König mit dem berühmt gewordenen Gang nach Canossa, dass er der Überlegene ist. Das wird bei Frederik Berger zu einem Leseerlebnis der besonderen Art.
 
Der Autor hat die erforderlichen allgemein schildernden Passagen als Notizen eines Mönchs und ständigen Begleiters sowie Beichtvaters der Königin eingefügt. Er schildert immer wieder aus den lange Zeit geheim gehaltenen Annalen des Lampert von Hersfeld. So kann sich der Autor zurücknehmen. Zudem eine geschickte Art der Vertiefung des Romans und ein reizvoller Kontrast zu den liebevoll ausgemalten Szenen und manchmal recht deftigen, dabei aber nie pornographischen Dialogen. Die Aussprache zwischen Mathilde und ihrer Mutter Beatrix am Ende des zweiten Teils beispielsweise ersetzt in ihrer ungeschminkten und dennoch kultivierten Offenheit ganze Reihen sogenannter Frauenliteratur. Deutlich wird dort und auch sonst immer wieder die Kongruenz von dynastischer Spekulation und simplem Züchterkalkül. Es geht stets nur um die Aufzucht des richtigen Nachwuchses, und es geht um das Abhängig- und Dankbarmachen nach allen Seiten hin. Damit lässt der Roman die Ähnlichkeit der mittelalterlichen Politik mit der vielbewunderten Äquilibristik eines Fürsten Bismarck deutlich werden.
 
Sogar die Schilderung von Wetterverhältnissen, die man in anderen Romanen gern überliest, kann bei Frederik Berger mehr sein als ein Zwischenschnitt, also bloß der Übergang zu einer anderen Szene oder die geschickte Verzögerung des Handlungsablaufs. Dafür ein Beispiel aus den Annalen des Mönchs Lampert von Hersfeld: „Frierend standen wir an den Zinnen, und der Morgen erwachte mit glasiger Dämmerblässe im fernen Osten. Der Mond hatte sich bereits verabschiedet, ein letzter, zart flickernder Stern schwamm im vergehenden Dunkel. Schon hörten wir die Rosse des Sonnengotts ungeduldig stampfen und wiehern. Sie stürmten los und ließen den Widerschein ihrer weißen Mähnen fliegen. Die Scheibe des Lichts schob sich über die schneebedeckten Hügel. Der König warf die Arme siegreich empor und begrüßte die Botin des gnädigen Herrschers mit einem Jubelschrei …“ Das ist Lyrik, in alte Sprache gebracht und in das Bewusstsein einer Zeit, als man Christliches und Heidnisches auf unschuldige Weise noch miteinander vermengt in sich trug.
 
Fazit: Dieses in seinen Hauptpersonen und historischen Fakten authentische Werk, in der zupackenden Art des Mittelalters geschildert und dabei mit reicher theologischer Kenntnis gespickt, fast möchte ich sagen: Es sollte als Schulbuch für den Geschichtsunterricht der Sekundarstufe 2 eingeführt werden.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

 

Mann mit Eigenschaften 

(John von Düffel: Hotel Angst, Erzählung, dtv München, Juni 2007, 110 Seiten, € 7.50)
 
Der eine literarische Trick fällt sofort auf: Bei der zwangsläufig allem kreativen Schreiben vorausgehenden Entscheidung zwischen dem Erzählen in der ersten oder der dritten Person Einzahl wählt der Autor die ungewöhnliche Variante, dass er sich selbst anspricht, mit einem kleingeschriebenen Du.
 
Der andere literarische Trick ist weniger originell: Wie bei vielen modernen Erzählern üblich, ist der Anfang des Buches sehr gut (beispielsweise „Der Butt“ von Günter Grass), alles andere aber nur noch akzeptabel. Düffels schmales Buch beginnt mit der Schilderung einer gemeinsamen Autofahrt der Familie Mitte der siebziger Jahre nach Bordighera an der italienischen Riviera, und das in so konzisen und doch einfallsreichen Formulierungen - das erinnert an André Heller -, dass man sich als Leser auf mancher Seite veranlaßt sieht, Unterstreichungen zu machen. Das derart Hervorgehobene hört sich dann so an: „In Karawanen von Wohnwagen und Bussen Schlangenlinien abwärts, Felsklüfte im Seitenfenster, spärliche Leitplanken zwischen dem Abgrund und dir, ansonsten nur Berg und daneben das Nichts.“ Oder: „Der Po ein Rinnsal unter der Sonne, mehr Flußbett als Fluß.“ Oder: “Am Straßenrand Tramper von der traurigen Gestalt.“ Oder. „Oleander auf dem Mittelstreifen, blühende Büsche, die hängenden Gärten der Küstenautobahn.“ Oder: „Alles klingt dumpf, gedämpft, wie eingeschneit unter der lautlos herabrieselnden Dämmerung.“ Oder wo er seinen Vater, der fährt, und die daneben sitzende Mutter beschreibt: „Er ist auf einen einzigen Punkt konzentriert, ein Mönch im fortgeschrittenen Stadium der Meditation, einsgeworden mit dem Motor, der Bewegung. Er hat seine sterbliche Hülle hinter sich gelassen. Mit einer sanften Berührung, mit auf der Rückbank kaum hörbaren Einflüsterungen bringt deine Mutter ihn dazu, die nächste Ausfahrt zu nehmen. Die Landschaft verlangsamt, die Stille legt einen anderen Gang ein.“ Oder wenn von den Prominenten auf alten Fotografien die Rede ist: „Menschen, deren historische Bedeutung du nicht kanntest, die es aber im Stillhalten zu äußerster Meisterschaft gebracht haben mussten, denn nie war einer von ihnen verwischt oder verwackelt.“ Ein paar der „Höhepunkte“ dieses Textes. Was dem Autor aber offensichtlich noch nicht kunstvoll genug war, weshalb er sich in den nächsten Sätzen fast eine ganze Seite lang in eine Emphase hineinsteigert, die man schon als kitschig bezeichnen könnte – und die deshalb hier nicht zitiert wird.
 
Immerhin, meist zur einen, aber auch einmal zur anderen Seite hin seine Erzählung ungewöhnlich bemüht ausbauend, so serviert John von Düffel einen durchaus ansprechenden literarischen Text. Von Seite 5 bis auf Seite 20. Danach bringt er leider nichts Besonderes mehr. Es kommt nur noch nüchterner Bericht, kommt Reflexion, kommt so was wie der Kommentar eines Auslandskorrespondenten, kommen Erläuterungen, die aus einem Reiseführer stammen könnten, kommen schließlich Familieninterna, kommt Penetranz. Bis zum Ende des Buches nur noch abgegriffene Zeitungssprache mit den geläufigen Sprachklischees.
 
Da fragt man sich: Hat der Autor vielleicht für den Anfang dieser Erzählung einen Ghostwriter bezahlt? Und man fragt sich auch: Lesen die Lektoren des Deutschen Taschenbuch-Verlags und des DuMont Literatur und Kunst Verlags, wo diese Erzählung im Vorjahr erschienen war, bloß die Manuskriptanfänge?
 
Auf Seite 82, also gegen Ende des Buches, wird das große Projekt genannt, mit dem der Vater des Autors in seinen geheimen Arbeiten beschäftigt war. Er wollte einen Roman über das ehemals renommierte und nun verfallende Nobelhotel mit dem kuriosen Namen Angst schreiben. Doch blieb dieser Roman ungeschrieben. Zum Glück hat auch John von Düffel es damit gut sein lassen, nur die Möglichkeit zu erwähnen, selbst einen solchen Roman zu schreiben. Und er hat diese kleine Erzählung nicht als Roman bezeichnet. Sie ist nur ein ungewöhnliches Porträt des Vaters eines heutigen Autors geworden, liegt insofern im literarischen Mainstream. Dass dieser Vater ein genialer Connaisseur des Möglichen war, das er dem Wirklichen stets vorgezogen hatte, macht ihn sympathisch. Wenn das auch nichts Neues ist, erinnert es doch an den „Mann ohne Eigenschaften“ des Robert Musil, dessen Langatmigkeit hier gottlob vermieden wird.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Antizipierte Altersweisheit
 
(Julian Barnes: Der Zitronentisch, Erzählungen, aus dem Englischen von Gertraude Krueger, btb-Verlag, München 2007, Taschenbuch 255 Seiten, € 8.-)
 
Mal geht es um die Angst vor dem Friseur, mal um die Liebe eines Holzhändlers, mal ist ein ehemaliger Soldat auf Abwegen, mal kämpfen mißgünstige Frauen miteinander. So geht das in immer neuen Überraschungen  weiter bis zum Ausbruch eines 81-Jährigen aus der Ehehölle und der Liebe eines Komponisten zur Stille. Eine bunte Mischung.
 
Eine derartige Sammlung von Erzählungen verlangt nach einem Titel, der als Rahmen dienen kann. Das ist immer eine Verlegenheitslösung, falls nicht einfach der Titel einer der Geschichten genommen wird. Hier ist das Rahmenerfordernis deutlich als simpel abgetan: Der Zitronentisch als Titel, und das letzte Wort des Buches heißt Zitrone. Das klingt wie ein: Ätsch! Und es paßt zu dem lapidar ironischen Stil des Londoner Autors, der es geschafft hat, mit seinen Büchern britischen Humor in literarischer Form auf dem deutschen Markt durchzusetzen. Er hätte für diese elf Kurzgeschichten auch den umfassenden Begriff Altwerden verwenden können. Exakt darum geht es elfmal. Aber das ist ein negativ besetzter Begriff, den man zu vermeiden sucht. Also lieber von Zitronen sprechen. Und doch bleibt: Das Thema selbst ist negativ. Daran führt nichts vorbei. Denn was bietet uns der Autor? Die Tristesse des Altwerdens, des unvermeidlichen Verblühens und Verblödens. Trotzdem ist dieses Buch ein einziger Lesegenuß. Da fragt man sich: Wieso?
 
Julian Barnes tritt mit einem immer wieder anderen Ich auf, das so intensiv geschildert wird, dass der Leser nicht nur ergriffen wird. Er macht überm Lesen beim Sprung von einer Erzählung zur nächsten eine Metamorphose durch, eine immer neue. Da zeigt sich die Geschichtensammlung dem Roman überlegen, weil sie freier ist im Perspektivwechsel. Keinerlei Hemmungen, gegen gängige Schreibkodizes zu verstoßen, im Gegenteil. Hier hat der Wechsel von einer Identität zur nächsten den Reiz, wie wir ihn gern im Theaterspiel und bei jeder anderen Art von Mummenschanz ausleben. Das läßt einen sofort zur nächsten Erzählung übergehen.
 
Dabei kann der Autor es sich sogar leisten, auf die immer gleiche Albernheit des Spannungsbogens zu verzichten, der den Leser von der ersten Seite des Buches bis zur letzten Seite schleppen muß. Die elf Erzählungen sind voneinander unabhängig, sind auch nicht künstlich auf einen alles überdeckenden Gesichtspunkt hin getrimmt, der uns zum Finale hin gieren läßt. Nicht einmal die einzelne Geschichte hat es nötig, mit diesem Allerweltstrick zu fesseln. Wenn das nicht schon eine Aussage ist: Unser Ende ist kein Clou, kein Schlußeffekt, kein großes Finale, keine Apotheose.
 
Und trotzdem liest man weiter in diesem Buch, bohrt sich hinein in eine Geschichte nach der anderen. Weil man mitkriegen will, wie andere Menschen die Schlußrunde schaffen, und weil man darauf vertraut, dass der Autor einem etwas zu sagen hat, das über die reine Handlung hinausgeht. Die einzelne Erzählung selbst wird unwichtig. So wird einem diese Erzählungssammlung zu einem alternativen Erzählwerk. Und am Schluß stellt man fest, dass man sich mit dieser Lektüre keine Zitronen eingehandelt hat, sondern antizipierte Altersweisheit. Julian Barnes sei Dank!

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de) 


Der Dieter-Kühn-Code
 
(Dieter Kühn: Geheimagent Marlowe – Roman eines Mordes, Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, gebunden 263 Seiten, 18.90 €)
 
Ein Buch für Liebhaber des nervenstrapazierenden Agentenmilieus, gleichzeitig aber ein Stück Literatur. Wenn ein Autor wie Dieter Kühn, wohlbekannt von seinen großen Biographien „Ich, Wolkenstein“ und „Frau Merian“ und zahlreichen weiteren eigenartig kunstvoll erzählenden Werken, also ein Schriftsteller, der nicht das gängige Lesefutter produziert, sich gedrängt fühlt, dem banalen Krimigelüst des Publikums und der Verlage entgegenzukommen, dann darf man erwarten, dass mehr dabei herauskommt als der 1001. Krimi des Jahres.

Vorgeführt wird wieder eine wenig bekannte historische Figur, nämlich der englische Dramatiker Christopher Marlowe, 1564 in Canterbury geboren und schon 1593 in Deptford bei London zu Tode gekommen. Dieter Kühn hält sich an die historisch belegten Fakten. Marlowe, der bedeutendste Dramatiker Englands neben William Shakespeare, wird als Wüstling und Geheimagent der britischen Krone geschildert, mit seiner Begeisterung für Knaben, Alkohol und die großen Königsgestalten der Vergangenheit wie mit seiner Hemmungslosigkeit, die ihn schon zum Totschläger gemacht hatte. Das war der Ansatzpunkt für die Herren des britischen Geheimdienstes. So konnte der Dichter zur Mitarbeit erpresst und als Agent nach Paris geschickt werden. Wo er schon bald vom französischen Geheimdienst entdeckt und mit Gewalt umgedreht wurde. Seine phantasievollen, aber doch zu krampfhaften Versuche, sich als Doppelagent durchzuschmuggeln, überforderten den Dramatiker. Und sein Leben wurde zur Tragödie.   

Dieter Kühn dankt in einer kurzen Vorbemerkung einem erfahrenen Geheimdienstler für die Hilfe bei der Arbeit an diesem Buch. So ist es nicht verwunderlich, dass dem Leser viele reizvolle Einblicke in die Arbeit von Geheimdiensten geboten werden. Dies auf eine ungewöhnliche Art. Denn auch für diesen Agentenroman hat der Autor sich wieder eine besondere Darstellungsform einfallen lassen. Alles, was in den üblichen Agentenromanen oder Krimis in weitschweifig erzählter Aktion und ebenso referiertem Dialog versteckt ist und nur allmählich verraten wird, das sieht der Leser hier als Insider des Geheimdienstes. Denn Kühn erzählt die Geschichte seiner Romanfigur nicht, er läßt sie in lauter Berichten von Geheimdienstlern deutlich werden. Er blättert nur Faszikel auf. Um die simplen Schergen zu zeichnen, greift er dabei oft auf Ausdrücke der heutigen deutschen Umgangssprache zurück. Ein literarischer Kunstgriff, der erlaubt sein muß, weil er leichter verständlich ist, als es Relikte aus einem veralteten Englisch wären. Nur einige wenige Male meldet der Autor selbst sich in kurzen Texten zu Wort, quasi als notwendige Erläuterung aus der Feder des Mannes, der die Berichte in der richtigen Reihenfolge zusammenstellt.

So wird der Leser durch den Dschungel von Niederschriften, Vermutungen, Verhörprotokollen, Kassibern, dienstlichen Beurteilungen und Arbeitsanweisungen geführt. Er lernt ein paar Codierungssysteme kennen, schüttelt den Kopf über die wechselseitigen Beschuldigungen, mit denen man sich reinwaschen will, freut sich über die Rivalitäten der verschiedenen Dienste, und schmunzelt, wenn von einer Abmahnung des Agenten die Rede ist, weil sexuelle Abenteuer als Gefahr für die Geheimhaltung nicht geduldet werden können. Zwar droht dem Übeltäter danach nicht die Entlassung, da zeigt sich der Unterschied zum normalen Arbeitsleben, aber er wird gezwungen, den Malus des sexuellen Seitensprungs durch den Bonus einer besonders überzeugenden Aktion für den Geheimdienst auszugleichen. Der Agent führt ein Leben in absoluter Rechtlosigkeit, weil ein Beschuldigter in diesem Milieu keine Mittel findet gegen perfide Unterstellungen und den Zwang zu Handlungen, die ihm widerstreben. Der Leser fühlt die Daumenschrauben und hat den Eindruck, selbst zwischen die schweren Mühlsteine geraten zu sein, weil es immer wieder recht brutal zugeht.

Soweit die Agentenroman-Normalität. Doch gelingt es Dieter Kühn, seiner Hauptfigur ein literarisches Denkmal zu setzen. Schon dadurch, dass er ihm den Decknamen Leander gibt und damit auf das von Marlowe verfaßte amüsante kleine Epos „Hero und Leander“ anspielt. Und aus Jeremy, dem witzigen Geheimdienstler, der darauf spezialisiert ist, für jeden Agenten eine glaubhafte Legende zu erfinden, macht er einen Beinahe-Literaten. Dieser Legendenverfasser ist dann auch der einzige, der am Ende zu bedenken gibt, man werde mit der geplanten Liquidierung Marlowes die britische Literatur schädigen. Wie Marlowe dann in einer großen Schlußapotheose mit einem faszinierend wortreich präsentierten Dramen-Exposé seinen Kopf aus der Schlinge zieht, das beweist die Überlegenheit der Literatur übers Leben. Wenn da nicht ein Fiesling die Entscheidung der Chefetage eigenmächtig unterlaufen würde.

Dieter Kühn ist ein Autor von heute, und er schreibt für Leute von heute. Also muß man davon ausgehen, dass er über das Heute schreibt, weil er sich als ein Türöffner für die Flucht aus der Gegenwart zu schade ist. Vielleicht verrät er ja auf Seite 29 den Code dieses Buches, wenn er über Marlowe sagt: Er “hat gleichsam an den Ereignissen entlanggeschrieben, oder, anders formuliert: er hat mit ständigem Seitenblick auf das aktuelle Geschehen geschrieben.“ Tatsächlich macht dieses Buch den Eindruck, als mache Kühn den Autoren der ehemaligen DDR den Markt streitig, die seit eh und je und heute immer noch die unmöglichen Verhältnisse in diesem unmöglichen Staat namens DDR als ihre Goldmine nutzen. Kühn zeigt: So kann auch ein westdeutscher Autor auf packende Weise staatliches Untergrund-Handeln entlarven, wenn er an Ereignissen des 16. Jahrhunderts entlangschreibt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Wir gottgleichen Hominiden
 
(Eric-Emmanuel Schmitt: Die Schule der Egoisten, Roman, aus dem Französischen von Inés Koebel, Fischer Taschenbuch-Verlag, Frankfurt am Main, Juli 2006, 170 Seiten, € 8,95)
 
Ein guter Titel, garantiert Aufmerksamkeit erregend und dabei jeden persönlich ansprechend, - nur leider falsch. Denn der Egoismus ist nicht das Thema dieses kleinen Romans. Statt dessen geht es um eine Einstellung, die Diderot und der Autor Schmitt so zitieren: „Wir mögen uns, um metaphorisch von der Sache zu reden, zum Himmel emporschwingen; oder wir mögen in die allerunterirdischen Gegenden hinabsteigen: so gehen wir doch nie aus uns selbst heraus, und nie nehmen wir etwas anderes wahr als unsern eigenen Gedanken.“
 
Dieser Satz beschreibt ein Phänomen, das wir seit seiner Entdeckung in England (egotism) Anfang des 18. Jahrhunderts als Egotismus bezeichnen und das ursprünglich ebenfalls im Französischen égotisme genannt, später jedoch auch mit dem Wort Egoismus umschrieben wurde. Im Deutschen hat sich dafür der Begriff Autismus eingebürgert. Grob definiert meint der Egoismus das Alles-Für-Sich-Haben-Wollen, während der Egotismus oder Autismus als Krankheitsform genau wie der Solipsismus als philosophische Haltung das Nur-Sich-Selbst-Sehen meint. Also geht es um den Unterschied von Wollen und Sehen. Ein gewaltiger Unterschied, denn das eine ist dynamisch, das andere statisch.
 
Die in Frankreich weggefallene klare Trennung der Begriffe hat es möglich gemacht, dieses Büchlein „Die Schule der Egoisten“ zu nennen. „Die Schule der Solipsisten“ wäre so richtig gewesen wie „Die Schule der Autisten“. Beides aber wäre nicht so attraktiv, weil der eine Begriff zu kompliziert und unbekannt ist, der andere aber als eine Krankheit zu unangenehm klingt. Und es geht in diesem Buch nicht um Krankheit, wenn auch die Umgebung des Mannes, dessen Suche nach der Wahrheit geschildert wird, ihn für krank hält, für geisteskrank. Die Verwechslungsgefahr ist halt immer sehr groß. Dennoch geht es hier nicht um Krankheit, sondern um Philosophie und um Religion.
 
Diese Vorbemerkung zur Begriffsverwirrung ist notwendig, weil der Verlag explizit darauf hinweist, dass der Autor Schmitt in Paris Philosophie studiert hat. Ja, aber eben in Frankreich.
 
Der Ich-Erzähler sucht nach dem niederländischen Autor Gaspard Languenhaert, weil ein Hinweis in einem alten Buch ihn glauben macht, dass da einer den Stein der Weisen gefunden hat. Er wird über der abenteuerlichen Suche in Archiven und Bibliotheken sowie bei Antiquaren und schon halbabgetretenen Gelehrten allmählich selbst zum Gaspard. Es entwickelt sich ein elegantes Spiel mit den letzten Fragen der Menschheit und mit den Antworten die sich uns bieten. Ein höchst ernsthaftes Spiel, obwohl die Situationskomik und die Ausdrucksweise immer wieder zum Schmunzeln verführen, manchmal auch zum Lachen und sehr oft zum Unterstreichen, weil man nicht anders applaudieren kann.
 
Ein geistreiches Buch, das man nur mit viel und ungestörter Muße und möglichst in einem Durchgang lesen sollte, weil man auf jeder Seite Sätze findet, die man zweimal lesen und sich regelrecht auf der Zunge zergehen lassen muß. Der Autor hat Phantasie und Esprit und eine überraschende Formulierungsgabe. Er schwingt sich zu Gottgleichheit auf, läßt uns mitschwingen und doch gleich darauf wieder als Hominiden herumirren.
 
Ist die Beschäftigung mit der Philosophie für den einzelnen generell nichts anderes als ein gigantischer und immer noch weiter wuchernder Eklektizismus, so ist der Leser berechtigt, sich auch in diesem Buch, das ihm keine abschließende Welterklärung und nicht den Stein der Weisen bietet, nicht einmal eine Faustformel für den Feierabend, eklektizistisch mit ein paar neuen Gedanken zu versorgen. Für nicht einmal neun Euro ein gutes Geschäft.
 
Dass dieses Buch als Roman bezeichnet wird, beweist wieder einmal: Der Roman ist die literarische Form mit der größten Gestaltungsvielfalt. Das läßt all jene dumm dastehen, die sagen, sie lehnten die Lektüre von Romanen als bloße Zeitverschwendung ab und zögen Sachbücher vor. Wer Eric-Emmanuel Schmitts kleinen Ego-Roman einfach ablehnt, ist selbst schuld, wenn sein Leben leer bleibt.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Bitte weiterpfeifen, Frau Scheib!
 
(Asta Scheib: Frau Prinz pfeift nicht mehr, Roman, dtv München, Großdruck März 2007, 206 Seiten, € 9,-)
 
Zwei Menschen werden getötet, zwei Kriminalbeamte ermitteln, drei Täter kennt der Leser am Ende. Dennoch nennt der Verlag das Buch einfach nur Roman und nicht Kriminalroman. Vielleicht, weil die Großdruckausgabe sich an ältere Menschen richtet, die man nicht zu sehr nervlich strapazieren will? Nein, die Kaschierung des Krimicharakters hat auch ihre inhaltliche Berechtigung.
 
Zunächst ist festzustellen: Da fällt eine sehr unangenehme Nachbarin in ihrem Gärtchen tot um, von einem Dachziegel erschlagen. Das könnte ein Mord sein. Also wäre das ein Krimi. Doch ist ein Mord kein notwendiger Bestandteil eines Krimis. Schließlich geht die Fähigkeit des Menschen, ein Verbrechen zu begehen, weit über die Körperdelikte hinaus. Und viele Krimiautoren schaffen es sogar, auf völlig unblutige Weise Dramatik aufzubauen. Das kann viel interessanter sein als die Aufklärung eines Mordes. Im vorliegenden Beispiel geht es darum, dass versehentlich der Falsche umgebracht wird, und um lebensgefährliche Kindereien. Also um unterschiedliche Tötungsdelikte. Dabei fehlt die strafrechtliche Würdigung dessen, was geschehen ist. Kein Wort über den Unterschied von Mord und Totschlag. Kein Wort über den mißglückten Versuch und den Verstoß gegen die Aufsichtspflicht und deshalb auch nicht über das Vorliegen oder Nicht-Vorliegen von Schuld bei den Tätern und über die daraus folgende Strafbarkeit oder Nicht-Strafbarkeit dieser Taten.
 
Bei einem historischen Roman ist der Leser gewohnt, die geschichtliche Einordnung in einer Vor- oder Nachbemerkung zu finden. Das gibt ihm das befriedigende Gefühl, etwas gelernt zu haben. So war die Lektüre kein bloßer Zeitvertreib.
 
Beim Liebesroman bzw. Liebesfilm gilt Kurt Tucholskys Spruch: Es wird nach einem Happy-End im Film jewöhnlich abjeblendt. So bleibt dem Leser oder Betrachter wenigstens das Hochgefühl der Hochzeit. Auch das ist mehr als nur Zeitvertreib.
 
Der Krimi dagegen beschränkt sich stets darauf, bloß die Straftat selbst aufzuklären. Was aus der Tat folgt, fehlt regelmäßig. Weil das für den Autor zu schwierig in der juristischen Subsumtion wäre und zu schwer verständlich für den Leser. Da werden sich ja nicht einmal die mehreren Instanzen der Gerichte einig. Dabei gibt es Bücher, in denen die strafrechtlichen Folgerungen aus dem Fehlverhalten der Akteure das eigentlich Interessante wären, so dass es bedauerlich, ja frustrierend ist, wenn dazu kein Wort gesagt wird. Nicht Ende offen, sondern: Ende fehlt.
 
So ein halbes Buch hat die Autorin geschrieben. Sie beläßt es dabei zu sagen: Dies und das ist geschehen. Schluß, ab, aus. Nach dem Prinzip: Dumm sterben lassen! Das trifft leider nicht nur die Figuren ihres Romans, sondern auch ihre Leser.
 
Immerhin ist das, was die Autorin bietet, ein Zeitroman. Weil er nicht nur aus Spannung besteht. Da kommt eine Menge Ambiente über. Was allerdings auch jeder geschickte Krimiautor als Garnierung der spannenden Handlung einsetzt. In diesem Fall aber hat der Rezensent den Eindruck, dass die Garnierung im Vordergrund steht. Denn Asta Scheib serviert mit beharrlichem Kratzen an unserer Gutbürgerlichkeit sozialkritische Einblicke ins heutige Großstadtleben, die über die bekannten Animositäten der Bayern gegenüber den Preußen hinausgehen, und sie erfreut - vor allem am Anfang des Buches - mit wunderschön ironischen Formulierungen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Experiment gelungen
 
(Andrea Maria Schenkel: Tannöd, Kriminalroman, Edition Nautilus, Hamburg 2005, 126 Seiten, 12,90 €) 

Nicht zu übersehen: Der ungebremste Ehrgeiz der Krimiautoren macht Deutschland zum Land der Massenmörder – und damit den tatsächlichen Verhältnissen in den USA unfaire Konkurrenz. Gerade erst hat sich Craig Russel einen Orden der Hamburger Polizei, einen Polizeistern, damit verdient, dass er sieben Morde in einem einzigen Kriminalroman („Wolfsfährte“) untergebracht hat. Chapeau!
Anna Maria Schenkel bringt es in dem vorliegenden Kurzroman immerhin auf sechs Morde, die innerhalb von weniger als einer Viertelstunde absolviert wurden. Aber das ist nicht der Grund für die Beschäftigung mit diesem Buch. Auch nicht allein die Tatsache, daß es mit dem Krimipreis des Jahres 2007 ausgezeichnet wurde. Gratulation!

„Tannöd“ ist lesenswert und damit auch einer Besprechung würdig, weil die Autorin mit diesem Erstlingswerk zeigt, wie belesen sie ist. Mit erstaunlicher Sicherheit hat sie die Reportageform gemeistert. Bloß eine kurze Andeutung auf der ersten Seite, und schon ist die Nachkriegszeit markiert, und die Autorin kann, ohne auch nur ein einziges Mal selbst aufzutreten und eine Frage zu stellen, ihren Roman als einen erfrischend lockeren Erlebnisbericht servieren, gelegentlich sogar als eine Art Frage- und Antwortspiel.

Es geht um das, worum es schon bei den Dorfromanen eines Ganghofer ging, also Geiz und Engstirnigkeit und Rabiatheit und Mißgunst, um Ausbeutung und sexuelle Eskapaden. Wegen der Kürze des Romans soll hier zum Inhalt mehr nicht gesagt werden, weil sonst schnell zuviel verraten würde. Jedenfalls ist das Buch von Anfang bis Ende spannend, weil immer nur Andeutungen darauf hinweisen, dass etwas passiert ist, und weil etliche falsche Fährten gelegt werden. Nur soviel noch: Die Auflösung wird manche Leser enttäuschen. Außerdem fällt auf, dass die Bösen bei Andrea Maria Schenkel stets Männer sind, während die Frauen nur immer die Opferrolle zu spielen haben. Hier verrät die Autorin sich als eine moderne Frau, als Kind des Mainstreams.

Darüber hinaus erweist sie sich aber als fähig, ein bewährtes literarisches Stilmittel auf souveräne Weise dem Krimi anzupassen, nämlich die Zeichnung der Personen durch ihre Sprache. Man könnte sagen, dass sie es damit übertreibt. Aber das wäre eine Fehldeutung. Zugegeben, es nervt, dass anfangs lange Passagen nur in der Sprache von Kindern oder von schon halbwegs weggetretenen Alten gebracht werden. Aber das ist nur konsequent. Und wenn sie mit derselben Methode später den Pfarrer oder den Bürgermeister karikiert, wird es sogar lustig. Die Autorin verzichtet auf jede andere Personenzeichnung zugunsten der sprachlichen. Das Ergebnis ist eine von Kapitel zu Kapitel wiederholte, je nach dem dargestellten Typ variierende Schablonensprache. So einfältig wie einfallsreich, wie da mit allen sprachlichen Klischees des Dorfalltags und des Kleine-Leute-Milieus beziehungsweise der arrivierten Funktionsträger erzählt wird. Und doch bleibt, was man zu lesen bekommt, nur Schablonensprache. Satz für Satz so kurz und penetrant wie die Sprache der Bildzeitung, in der man genau so selten auf einen Nebensatz stößt, wie in diesem Buch.

Ist der Kriminalroman im allgemeinen die Verselbständigung und Übertreibung des Spannungselements, was seine Stärke wie Schwäche ist, haben wir es hier mit einem anderen alten literarischen Stilmittel zu tun, das sich verselbständigt. So oder so Einseitigkeit.

Das kennen wir aus der Geschichte des Spielfilms, dem Bruder des Romans. Wegen der Ähnlichkeit dieser beiden Kunstformen muß ein Vergleich erlaubt sein. Die Entwicklung des Kinofilms wurde begleitet von Experimentalfilmen, die immer mal wieder eine neue Technik entdeckt und ausgiebig vorgeführt haben. Mal war das beispielsweise die bewegte Kamera, mal die Vermeidung des Schnitts oder die krasse Unterperspektive, dann waren es bestimmte Tricks. Auffällig war: Jeder Experimentalfilm pflegte seine neue Errungenschaft zu übertreiben, wurde dafür aber von Cineasten bestaunt und gelobt. So wurde der Experimentalfilm immer wieder zum Wegbereiter für Spielfilme, die dann das große Erlebnis brachten, indem sie die neuen Techniken in ausgewogenem Verhältnis zu Bewährtem einsetzten.

Der Kurzkrimi „Tannöd“ ist als ein Experimentalkrimi zu sehen, der den großen Kriminalroman einen Schritt weiter bringt auf dem Weg zum literarischen Ereignis. Ein Verdienst, das nicht unterschätzt werden sollte. Ist es diesem Buch doch bei aller Kürze gelungen, sogar ein Lesevergnügen zu sein.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Eine Leutnantnonne zum Sich-Verlieben
 
(Markus Orths: Catalina, Roman, Goldmann-Taschenbuch, München 2006, 314 Seiten, € 7.95)
 
Ein Autor, dessen Name man sich merken sollte. Denn wie er dieses Buch geschrieben hat, mit einer geradezu explodierenden Sprache, dabei phantasievoll und immer wieder wunderbar ironisch, das ersetzt einem die Lektüre von mindestens drei anderen zeitgenössischen Machwerken. Kein Wunder, daß dieser Autor, der noch kein halbes Dutzend Bücher auf den Markt gebracht hat, schon etliche Literaturpreise kassieren konnte. Zuletzt, im Oktober 2006, bekam er vom „Autorenkreis historischer Roman Quo Vadis“ den Sir-Walter-Scott-Preis zugesprochen, und zwar für das Buch „Catalina“. Mit recht, handelt es sich bei dem, was der Verlag schlicht als Roman bezeichnet, doch um ein Musterbeispiel des gelungenen historischen Romans. Daran ändert nichts, daß es sich um eine auf Tatsachen beruhende Darstellung handelt und eine historisch belegte Figur im Mittelpunkt steht. Im Gegenteil. Diese Machart hievt den Roman in die Oberklasse der Gattung historischer Roman, die ja darunter leidet – imagemäßig – und davon profitiert – pekuniär – , daß sie von vielen Zeitgenossen immer noch als bloßes Lesefutter aufgefaßt wird, nur dazu geeignet, einen auf leichte Weise zu  unterhalten und den Alltag vergessen zu lassen. Eine Fehleinschätzung, die viele Leser, Autoren und Verleger zu einer mächtigen Ignorantenvereinigung zusammenschweißt.
 
Die Geschichte beginnt in San Sebastian im April 1585, als Catalina als sechstes und letztes Kind einer wohlhabenden baskischen Familie geboren wird, und endet mit dem nur noch vermuteten Datum August 1649, als Catalina an unbekanntem Ort starb. Dazwischen liegt ein Doppelleben, so abenteuerlich, wie es toller kaum sein konnte. Das Mädchen hatte den Verlust seines großen Bruders, der nach Amerika gezogen war, nicht verschmerzen können und war deshalb ins Kloster gegangen. Als Sechszehnjährige fühlte sie sich endlich stark genug, ihm zu folgen. Sie riß aus und zog Männerkleidung an und machte sich auf den Weg nach West-Indien, um ihren Bruder zu suchen. Als Francisco Loyola wurde sie Assistent eines Arztes und schließlich ein Leutnant, dessen schnelle Klinge so gefürchtet war wie sein gerissenes Kartenspiel. Um zu überleben, mußte sie manchen Mann töten, schließlich auch den Mann, den sie nicht töten wollte. Zuletzt rettete sie nur noch die Enthüllung ihrer stets gut verborgenen Weiblichkeit vor dem Strang, als sie bereits auf dem Schafott stand und erstmals nicht mehr weiterwußte.
 
Die Leutnantnonne Catalina de Erauso, genannt Francisco Loyola, wurde auf diese Weise eine Berühmtheit, die die Zeiten überlebt und schon mehrfach Eingang in die Literatur gefunden hat. Eine Frau in Männerkleidung, die als große Kämpferin auftritt, ist ja immer eine Attraktion. Ob es sich um die berühmte Jeanne d’Arc handelt oder um die junge einheimische Rhodesierin Anastasia, die bei der Eroberung von Rhodos durch das riesige Heer des türkischen Sultans Suleyman der Prächtige im Jahre 1522  in voller Rüstung ihr Leben ließ. Doch muß man trotz der Parallelen sagen: Dieser Roman der Leutnantnonne wurde durch das Doppelleben einer unerschrockenen Frau und die Sprachgewalt eines Autors zu einer erregenden Doppelpackung aus historischem Roman und Abenteuerroman. Er schildert die sonderbarsten Beziehungen zwischen Menschen in so vielen Facetten, zeigt derart unübliches Leben in ungewöhnlichen Situationen, daß sich vor den Augen der Leser in immer neuen Überraschungen immer neue Abgründe des Menschlichen auftun. Dabei schreckt der Autor nicht davor zurück, auch seitenlange Erklärungen zu historischen Konstellationen oder zum Ausbruch einer Krankheit zu bieten. Dies allerdings nicht als Unterbrechungen des Handlungsablaufs, sondern als ein kräftiges Schütteln des Kaleidoskops, womit ein neues buntes Bild aufgebaut wird. Am Ende schüttelt man das zugeschlagene Buch in der Hand und bedauert, daß es aus ist.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

Schluß mit dem Jüngsten Gericht! 

 (Philip Roth: Der menschliche Makel, Roman, aus dem Amerikanischen von Dirk van Gunsteren, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg 2003, 400 Seiten, 9.90 €)
 
Nein, ich werde nicht vollmundig große Sprüche machen, die als Werbeslogans eingesetzt werden können. Dafür besteht ohnehin kein Bedarf mehr. Das Buch hat sich längst auf dem Buchmarkt durchgesetzt. Und ich werde auch nicht den Plot nachplappern und damit den Literaturinteressierten mit wenig Zeit oder Geduld die Lektüre dieses Romans ersparen. Damit würde ich einen Raub begehen. Statt dessen dieses:
 
Erst auf Seite 271 wird klar, daß es sich bei dem Titel um einen sprachlichen Fehlgriff handelt, und das sowohl in der Übersetzung als auch bei dem Originaltitel „The Human Stain“. Denn nicht von dem erwarteten arttypischen Makel des Menschen ist die Rede, sondern von dem Makel, den der Mensch der übrigen Natur bei jeder Berührung mit ihr aufdrückt. Sicherlich eine absichtliche Unsauberkeit des Ausdrucks, weil sie es fertigbringt, den Menschen als ein bloßes Stück Natur zu deklarieren.
 
Damit hat der Autor das Terrain vorbereitet für die Schilderung von Schicksalen in einer so drastisch elementaren Art, wie sie kein Spiegel zeigen kann. Da ist alles Äußerliche an den Personen der Handlung, obwohl haargenau notiert, nur Beiwerk, wenn nicht Camouflage. Der Mensch, dieses Tier mit der hypertrophen Hirnentwicklung, ist so bedrohlich, wie ein schweres Gewitter, so unberechenbar, wie die Eruptivkraft der Erde, so falsch, wie die Mondsichel. Und ob sich die Natur von der Berührung durch den Menschen zu reinigen vermag, wie es der Bergsee mit den mehreren Zuflüssen kann, „dessen Wasser ständig erneuert und gereinigt wird“, wie es im letzten Satz des Buches heißt, das ist die Frage, die offenbleibt.
 
Der Roman über einen hochverdienten ehemaligen Professor an einer kleineren, aber noblen amerikanischen Ostküsten-Universität, der sich mit seinen 71 Jahren einer vierunddreißigjährigen Putzfrau hingibt, ist die Comédie humaine Amerikas. Und mehr als das. Er ist unser aller Entlarvung. Ob man sich dabei mehr in einer der beiden Hauptpersonen oder in dem Ich-Erzähler oder in einer der zahlreichen Gegen- und Nebenfiguren dargestellt sieht, ist mehr als eine Geschmacksache. Da wird deutlich, wieviel Anteil der Zufall am jeweiligen Schicksal hat, wieviel Anteil auch die Hautfarbe und das Milieu, aus dem man stammt, die Ausbildung und die Tätigkeit, die Erwartungshaltung der Nachbarn und Kollegen und so weiter. Dieser Gedanke - zu Ende gedacht - ist die Aufhebung der Verantwortlichkeit und der Schuldfähigkeit des Menschen. „Der menschliche Makel“ geht nur bis zur Beerdigung und läßt das „Jüngste Gericht“ ins Leere laufen. Weil ein Makel, der nicht abwaschbar ist, sich nicht pönen läßt.
 
Ein Lesegenuß, der nur in Superlativen zu beschreiben wäre. Im einzelnen könnten hier Textpartien angeführt werden, die einfach grandios sind. So die innere Raserei des Vietnamveteranen, der durch die Kriegserlebnisse so versaut ist, daß er nicht mehr in den zivilisierten Alltag zurückfinden kann. Oder das zähe Ringen der aus Frankreich stammenden jungen Professorin mit den Einfällen ihrer Hyperintelligenz, die sie niederschreibt und an die Öffentlichkeit bringt, ohne das eigentlich zu wollen. Oder das liebevolle Turteln der früh mißbrauchten und dann immer nur ausgenutzten Putzfrau mit der Krähe in einer Voliere, mit der sie sich schließlich verlobt. Immer wieder Anlässe für Äußerungen des Autors, die wie in Stein gemeißelt dastehen. Das heißt, man muß bei der Lektüre dieses Buches immer wieder nach dem Kugelschreiber greifen, um zu unterstreichen, was man so noch nirgends gelesen hat.
 
Fazit: In der Zeit der öden Debütantenmode ist es eine Wohltat, ein großes Werk eines Altmeisters der Literatur lesen zu dürfen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Mehrwert-Krimi
 
(Arnaldur Indridason: Kältezone, Island-Krimi, aus dem Isländischen von Coletta Bürling, Edition Lübbe, Bergisch Gladbach 2005, 413 Seiten mit Karten vorne und hinten, gebunden 18,- €)
 
Generell kann man die Literaturgattung Krimi so definieren: Der Krimi ist der Rennwagen der Literatur, aufregend aufgemotzt, aber zu nichts nütze, zudem von einem gefahren, der nichts anderes kann als fahren und nur darauf aus ist, schnell an ein Ziel zu kommen, das kein Ziel ist.

Um so reizvoller ist die Suche nach einem Krimi, der mehr ist. Hat der isländische Erfolgsautor und ehemalige Journalist und Filmkritiker Arnaldur Indridason, zweimaliger Gewinner des Nordic Crime Novel’s Award, mit „Kältezone“, dessen Originaltitel lautet „Kleifarvatn“, einen solchen Krimi mit Mehrwert geliefert? Daß das Buch mit Leineneinband und mehrfarbigem Schutzumschlag daherkommt, mit Fadenheftung und Kappband, das allein

besagt noch nichts. Nur zu verständlich, wenn ein Verlag versucht, seine Angebote zu Premium-Produkten hochzustilisieren. Dabei sogar den Autorennamen mit einem isländischen Schriftzeichen zu schreiben, das es in unserem Alphabet nicht gibt, ist wie Schlagobers auf dem Wiener Kaffee. Man weiß in Bergisch Gladbach: Die Deutschen lieben Ausländisches.

Der Roman - ein typischer Whodunit - gehört zu der Klasse der Inspektor- bzw. Kommissar-Krimis, die jedes Verbrechen mit kuriosen Charaktereigenschaften des Ermittlers zu garnieren pflegen, um es goutierbar zu machen. Damit man sich in der Masse dieser Klasse noch zurechtfindet, werden dem Leser der Name des Kommissars und die Ordnungszahl des Ermittlungsfalles eingehämmert. Hier ist es Kommissar Erlendurs sechster Fall.

Der erste Satz des Romans kommt, wie es sich für das Genre gehört, sofort zur Sache: „Sie blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf die Knochen, die nicht dort hätten sein sollen. Genauso wenig wie sie selbst.“ Wer könnte sich diesem Sog offener Fragen versagen und das Buch einfach zuklappen?

Doch es geht um einen anderen Sog. Der südlich der isländischen Hauptstadt Reykjavik gelegene See mit dem Namen Kleifarvatn sank seit einigen Jahren stark ab, weil sein Boden bei einem der dort üblichen Erdbeben Risse bekommen hatte. Jetzt ließ der Schrumpfsee ein menschliches Skelett zum Vorschein kommen, das an ein Sendegerät russischer Bauart angekettet war. Und Kommissar Erlendur, dessen persönlicher Tick ist, sich um Verschwundene zu kümmern, die längst ad acta gelegt sind, kommt nicht mehr zur Ruhe.

Der Leser auch nicht. Er hat immer wieder Schwierigkeiten mit den vielen isländischen Vornamen, und nur die werden in Island benutzt. Sie haben meist die aparte Eigenart, das Geschlecht nicht erkennen zu lassen. Schon irritierend, wenn man nicht weiß, ob es sich um Männlein oder Weiblein handelt.

Für weitere Irritationen sorgt der Text, zumal wenn er einige unserer fünf Sinne in Konfusion bringt, wie zu Anfang des siebten Kapitels: „Manchmal, wenn er zurückdachte, spürte er noch den Geruch im Hauptquartier am Dittrichring, den beißenden Geruch von dreckigem Linoleum, Schweiß und Angst. Er erinnerte sich auch an den säuerlichen Gestank der Braunkohle, der über der Stadt lag, so daß man manchmal die Sonne kaum sah.“ Der wohlmeinende Leser bemüht sich vergebens, Geruch zu spüren und den Gestank vor der Sonne zu sehen. Ein Glück für den Autor, daß man ihm diesen Nonsens nicht zurechnen kann. Im Isländischen kann man tatsächlich Geruch auch fühlen, was man dann aber nicht ins Deutsche bringen darf. Und im Originaltext rührt der Gestank von der Luftverschmutzung her, von der Übersetzerin schlicht unterschlagen. Die ließ einen tatsächlich manchmal die Sonne kaum noch sehen. Nur zwei Beispiele, willkürlich ausgewählt, die die Schludrigkeit der Übersetzung zeigen. Das schränkt natürlich den Genuß der minutiösen Aufklärungsarbeit ein, die geschildert wird.

um Glück entschädigt das Buch mit anderen Vorzügen. Da ist zum einen die ausführliche Schilderung der Verhältnisse in der DDR der sechziger Jahre zu nennen, die sozialistisch gesinnte isländische Studenten als Stipendiaten in Leipzig genießen und erleiden. Wie die Brutalität des ostdeutschen Spitzelsystems gezeigt wird, von den Studierenden nur allmählich durchschaut, das ist packend und macht das Buch auch für den Leser lesenswert, dem das Gerippe auf dem Seeboden Wurscht ist. Weil der Roman plötzlich zu einem Stück ernstzunehmender Gegenwartsliteratur wird. Hatte doch die 1940 erfolgte Besetzung Islands durch die Engländer und anschließend durch die Amerikaner bei den hinterwäldlerischen Insulanern zu weitverbreiteter sozialistischer Begeisterung geführt. Und so sehr die Isländer heute in ihrem Alltagsleben schon amerikanisiert sind, den kleinlaut gewordenen ehemaligen Kommunisten begegnet man in Island immer noch auf allen Ebenen.

Zum anderen überzeugt das handwerkliche Können des Autors. Beispielsweise wenn er in bester Literatenart mit den Erzählperspektiven spielt oder wenn er über lange Strecken offen läßt, wer der gerade Agierende ist. Und mit der Reihung der Kapitel, die dem Prinzip des Cross cutting folgt, zeigt Indridason, daß er auch vom Spielfilm gelernt hat.

Die letzten vier Seiten allerdings hätte der Autor sich verkneifen sollen. Denn da wird das Bemühen, Literatur zu schaffen, zum Krampf.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Durchhalten!
 
(Gunnar Gunnarsson: Advent im Hochgebirge, Erzählung, aus dem Dänischen übersetzt und mit einem Nachwort versehen von Helmut de Boor, Verlag Philipp Reclam jun., Leipzig 1936, gebunden 78 Seiten)

Ausnahmsweise einmal keine Neuerscheinung, um die es hier geht, sondern aus gutem Grund der Griff nach einem bejahrten Erfolgsbuch. Weil ich im Sommer 2006 als Gast in dem Haus lebe, das der Autor dieses Buches sich gebaut hat und in dem er auch gestorben ist, im Gunnarshus, wie es heute heißt, in Islands Hauptstadt Reykjavik.

Ein Mann bricht am 1. Adventssonntag ins Hochgebirge Islands auf, um noch rechtzeitig vor dem Einbruch des strengen Winters die Schafe zu retten und zu ihren Besitzern heimzubringen, die bei der großen Sammelaktion im Herbst nicht aufzutreiben waren, weil sie sich verirrt hatten. Der Mann ist Knecht und hat eigentlich jetzt seine ruhige Zeit. Doch geht er dieser selbstgestellten Aufgabe seit 27 Jahren nach, weil er den Gedanken nicht ertragen kann, daß die wehrlosen und ziellos herumstreunenden Tiere, wie er selbst Geschöpfe Gottes, den Schneestürmen zum Opfer fallen. Er ist bei dieser Suche nicht allein. Stets begleiten ihn sein kluger Hund und sein unerschütterlicher Leithammel.

Diesmal scheint der harte Winter früher einsetzen zu wollen, weshalb ihm gutmeinende Bauern von der Suchaktion abraten. Doch geht dem Mann nicht aus dem Kopf, daß er als 27-Jähriger das erste Mal zur Schafsuche aufgebrochen ist, daß er also jetzt eine Art Jubiläum feiert. Das ist die eine Komponente, die den gutwilligen Toren zeichnet, die andere ist seine Erinnerung an fromme Sprüche aus der Bibel und aus dem Mund des Pastors. Dazu kommt, daß er mit seinem Hund und seinem Widder eine Dreieinigkeit darstellt, die gewohnt ist, wortlos und doch perfekt zusammenzuarbeiten. Die beiden Tiere werden dabei so menschlich dargestellt, wie der Mann als das grosse Leittier. Nur daß dieses Leittier eine Psyche hat, die ausführlich zu Wort kommt, mit all ihren Wünschen und Bedenken und Ängsten und ihrem Trotz. Insgesamt verrät diese berühmte kleine Geschichte mehr über die innere Suche als über die Suche nach den Schafen. Darin ist sie einer anderen berühmten kleinen Geschichte ähnlich, nämlich Ernest Hemingways “Der alte Mann und das Meer”, wenn man einmal Schnee und Meerwasser gleichstellt, Schafe und Fische.

Erstaunlich, wie eine kurze Erzählung sich den Luxus eines lang ausgerollten Spannungsaufbaus leistet. Als Leser wird man so überrascht von dem plötzlichen Wintereinbruch, wie der Protagonist mit seinen Tieren. Und man stapft mit derselben Geduld, ja Sturheit, durch die Seiten, als ginge man durch die Unendlichkeit des Schnees. Eingehüllt in das dichteste Flockentreiben, das einen nichts anderes mehr sehen läßt, nichts anderes auch lesen und denken. Den Erfolg der Suche bringt der Autor in einer kurzen Bemerkung. Um dann gleich wieder zu der neuen Erschwernis überzuleiten, wie die Tiere, die sich nicht mögen, in einer Gruppe zurück zu bringen sind. Erneut diese anthropomorphe Darstellung, die ja immer ankommt.

Hunger und Müdigkeit en masse. Mehrfach ist der freundliche Sucher, dieser gute Hirte, wie er im Buch der Bücher steht, drauf und dran, seiner totalen Erschöpfung nachzugeben. Doch weiß er, daß ein Sich-Hinsetzen den Tod bedeuten würde. Deshalb macht er sich klar: “Es ist des Menschen Aufgabe, einen Ausweg zu finden – vielleicht seine einzige. Nicht nachzugeben. Wider den Stachel zu löcken, so spitz er auch ist. Selbst wider den Stachel des Todes, bis er sich einbohrt und das Herz trifft. Das ist des Menschen Aufgabe.”

In diesem Zitat zeigt sich der Stil des Buches: Alles wieder und wieder in leicht abgewandelter Form repetiert. Eine Schreibe, die für den heutigen Leser gewöhnungsbedürftig ist. Aber wichtiger als das ist: Hier klingt das Heroische an, das aus der Tradition der isländischen Sagas kommt. Das war der Tonfall, der dem isländischen Dichter, der in Dänemark lebte und auf Dänisch schrieb, in den Jahren zwischen den beiden Weltkriegen in Deutschland die Verlagstüren und die Leserherzen öffnete. Allein in dem Münchner Verlag Albert Langen - Georg Müller erschienen 15 Erzählungen, Novellen und Romane von Gunnar Gunnarsson, alle in mehreren Auflagen. Weitere Titel  hatten der Leipziger Insel-Verlag und der Reclam-Verlag auf den Markt geworfen. Der Blut- und Boden-Ideologie und dem Germanenkult des Nationalsozialismus kamen Gunnarssons Bücher gerade recht. Und der auf diesen Grundton eingestimmten Bevölkerung mußten die Werke Gunnarssons als authentische Belege der gerade herrschenden Mode erscheinen.

Der 1889 im rauhen Osten Islands als Farmersohn geborene Dichter war Autodidakt. Früh verlor er seine Mutter. Mit 18 Jahren zog er nach Kopenhagen, um sich dort in der Volkshochschule, dieser neuen und schnell renommierten dänischen Erfindung, mit Bildung zu versehen. Gleichzeitig verlegte er sich bei seinen Schreibbemühungen auf das Dänische, das ihm gegenüber dem Isländischen den weit größeren Sprachraum bot. Zwei Entscheidungen, die Gunnarsson bei all seiner Begeisterung für Religiöses und für Nordisch-Mystisches als einen kühlen Realisten ausweisen. Als 1912 der erste Teil seines großen Romans “Die Leute auf Borg” erschien, fand er spontane Anerkennung. Der Hinterwäldler hatte jetzt einen Namen und konnte ein Buch nach dem anderen veröffentlichen. 1939 verließ er Dänemark und verbrachte den Zweiten Weltkrieg im Osten Islands, das sich neutral hielt. Von 1948 bis zu seinem Tod 1975 lebte er in Reykjavik. Jetzt schrieb er nur noch in seiner Muttersprache, dem Isländischen. Denn er galt als der Heros der isländischen Literatur.

Daß er heute in den Buchhandlungen Reykjaviks kaum noch zu finden ist und daß auch in Deutschland nur das hier rezensierte Büchlein als einziger Titel im Handel ist, macht stutzig und wirft die Frage nach dem Warum auf. Es liegt das sicher nicht nur am überkommenen Stil und an der für seine Werke typischen Verinnerlichung der Dramatik. Er scheint auch von der Ablehnung des deutschen Nationalsozialismus etwas abbekommen zu haben. Dabei war er sicherlich nicht ein Sympathisant, wie beispielsweise Knut Hamsun. Doch wie leicht schleicht sich ein Mißverständnis ein, obwohl einer, für den die Nazis sich begeistert haben, deshalb noch kein Nazi zu sein braucht. Außerdem  muß man wohl zugeben, daß sein 13 Jahre jüngerer Kollege Halldor Laxness (1902-1998) ihm nicht nur die Schau gestohlen hat, sondern auch den bleibenden Erfolg, als er 1955 den Literaturnobelpreis in Empfang nahm, den viele Isländer eher Gunnar Gunnarsson gegönnt hätten. Unübersehbar: In den Buchhandlungen Reykjaviks beherrscht Halldor Laxness heute die Bretter, die für Literaten die Welt bedeuten – die Regalbretter.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Als Mahl begann’s
 
(Tania Blixen: Babettes Fest, Roman, aus dem Englischen von W. E. Süskind, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2006, 76 Seiten, 8.90 €)
 
Kein Roman, wie der Verlag etwas großspurig untertitelt, sondern eine kleine Erzählung, entnommen einer Anekdotensammlung der Autorin. Aber ein höchst ernsthaftes Stück Menschenbetrachtung. Und sogar noch etwas mehr. Die dänische Schriftstellerin Tania Blixen (1885-1962), die in Wahrheit Baronin Karen Christence Blixen-Finecke hieß, hat mit dieser Story eine Art Anti-Erzählung geschaffen.

In einem abgelegenen dänischen Fischerdorf an der Küste Jütlands führen die beiden Schwestern Martine und Philippa ihrem alten Vater den Haushalt. Er ist Propst, der Seelenhirte und unbestrittene Herr des Ortes. Die Mutter, wohl verstorben, hat die Autorin einfach unter den Tisch fallen lassen. Der Propst hat die Bewohner zu einer frommen pietistischen Gemeinschaft zusammengeschmiedet. Als ein Mann um die Hand der einen Tochter anhält, bekommt er die ablehnende Antwort des Muster-Egoisten zu hören: „Meine beiden Töchter sind meine rechte und linke Hand. Wollt Ihr mir etwa eine Hand abtrennen?“ Der nächste Bewerber ist ein junger Leutnant, vom Vater argwöhnisch betrachtet und deshalb von der gehorsamen Tochter, der jüngeren, in heldinnenhafter Selbstüberwindung weggeschickt. Der dritte Bewerber, ein berühmter Sänger von der Pariser Oper auf Urlaub, erkennt das ungewöhnliche Gesangstalent der älteren Schwester, gibt ihr kostenlosen Unterricht und kommt ihr über dem hinreißend gesungenen Verführungsduett „Reich mir die Hand, mein Leben“ aus „Don Giovanni“ näher. Und wird von ihr weggeschickt, weil sie den Vater nicht verlassen kann.

Zeitsprung. Das Fischernest ist jetzt ohne den Propst. Die beiden Töchter, feine alte Fräuleins, um nicht zu sagen, vertrocknete Jungfern, bemühen sich redlich, den verstorbenen Seelenhirten zu ersetzen. Doch zeigt sich, daß die Frömmler nur durch die autoritäre Herrschaft des Propstes zusammengehalten worden waren. Nun ist die hinterwäldlerische Gemeinschaft durch kleingeistigen Zank und Streit zutiefst entzweit. Da erscheint eine Französin im Ort, die von den politischen Unruhen nach dem Scheitern der Pariser Kommune von 1871 aus dem Land fliehen mußte.

Damit beginnt auf Seite 25 die eigentliche Erzählung, alles andere war Vorgeschichte. Die Französin heißt Babette. Sie wird als Hausgehilfen ohne Bezahlung von den beiden barmherzigen Schwestern aufgenommen und geduldig in die Sprache und Alltagsarbeiten eingewiesen. Sie lernt überraschend schnell, das ärmliche Essen schmackhaft zu bereiten, und das sogar noch besonders sparsam. Erst spät verrät sie ihr Geheimnis: Eine Freundin in Frankreich spielt für sie in der Lotterie. Dann kommt, was kommen muß: Eines Tages erhält Babette einen großen Gewinn ausgezahlt. Da erbittet sie sich die Erlaubnis, anläßlich des anstehenden hundertsten Geburtstages des Propstes ein Festessen für das ganze Dorf zu veranstalten, und zwar ein französisches Essen, auf ihre Kosten.

Das Festessen ist der Clou des Ganzen. Die feinsten und teuersten Zutaten und Getränke läßt Babette aus Frankreich kommen. Und es kommt auch der ehemalige Liebhaber, der Leutnant, der aus lauter Frust Karriere gemacht hat und französischer General geworden ist. Die Autorin läßt in einer wunderbar plastischen Szene den alten General mit dem jungen Leutnant, der er einmal gewesen ist, ins Gespräch kommen. Diese Konfrontation ist aufregender als das Wiedersehen mit der ehemals umschwärmten Dame. Die Frömmler des Ortes lehnen nicht nur die unbekannten Speisen und Getränke ab, sie haben auch ein schlechtes Gewissen, sich an der Völlerei zu beteiligen. Deshalb haben sie sich vorher auf eine eigenartige Form des Nichtmitsündigens geeinigt. Sie haben sich geschworen, das Fest in Gehorsam und Geduld durchzustehen, aber kein Wort über das Essen zu verlieren. Doch nach der Tischrede des Generals, die ihm unwillkürlich zu einem Gebet und einer Art Predigt wird, zeigen sich die Menschen verändert. Als sie sich spät in der Nacht auf den Heimweg machen, hat es geschneit. So können sie ihre unsicheren Schritte und ihr Umfallen auf den Schnee schieben. 

Der Höhepunkt der Handlung soll hier nicht verraten werden. Nur soviel sei gesagt: Die Hausgehilfin Babette entpuppt sich als Meisterköchin. Und die Kochkunst steht in dieser Erzählung ganz allgemein für Kunst, das heißt für Überlegenheit. Sie sei eine große Künstlerin und deshalb niemals arm, sagt Babette. Daß sie das in dieser abseitigen und bigotten Welt ohne jedes Kunstempfinden selbst von sich sagen muß, ist der herbe Zug um den lachenden Mund der Erzählerin Blixen.

Man hat überm Lesen ein kleines Drama erlebt: Immer wieder bahnte sich eine neue Entwicklung an, doch jedes Mal wurde, was so naheliegend war, nicht Wirklichkeit. Die Sache verrann ergebnislos im grauen Alltag. So muß man schließlich akzeptieren: Das ist die  wahre Wirklichkeit des Lebens, daß so gut wie nie Großes gelingt. Aus hundert glückverheißenden Ansätzen werden neunundneunzig Enttäuschungen. Das ist die eine Erkenntnis des Lesers. Die andere ist: Pietistische Verbohrtheit und eine Bescheidenheit, die wie Askese wirkt, sind meist nur von beherrschenden Personen und von den Verhältnissen erzwungen und deshalb eine schlechte Maskerade, hinter der das kleine Menschsein besonders mies hervorschaut.

Für diese beiden Erkenntnisse kann man es hinnehmen, daß Tania Blixen keine schöne Geschichte mit Happy-end, sondern eine Anti-Erzählung geschrieben hat. Die wurde 1950 zunächst in einer Frauenzeitschrift veröffentlicht, dann 1958 in der Erzählsammlung „Anecdotes of Destiny“. Als Anti-Erzählung bezeichne ich sie, weil sie eine Story ist, die zwar überraschende, zufällige Verbindungen der Personen aufweist, aber ohne den sonst üblichen Trost des Positiven und die glückliche Wendung. Die lebenskluge Autorin hat das wahre Leben geschildert. Wer daraus lernt, vom Leben keine Wunder zu erwarten und den Frömmlern zu mißtrauen, hat mehr bekommen, als das schmale Bändchen gekostet hat.

 (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Ein Schlag ins bronzene Gesicht 

(B. Traven: Das Totenschiff, Roman, Büchergilde Gutenberg im Diogenes-Verlag, Zürich 1983, 308 Seiten, 9.90 €)
 
Es gibt Bücher, die können nicht sterben. Dieser Seemannsroman gehört zu ihnen, obwohl er den Tod schon im Titel trägt, vom Sterben erzählt und von einem Autor geschrieben wurde, von dem man nichts gewiß weiß, außer daß er am 26. März des Jahres 1969 in Mexico City gestorben ist.
 
Wann und wo der unter dem Namen Bruno Traven und etlichen anderen Pseudonymen schreibende Autor geboren wurde, 1882 in San Francisco oder 1890 in Chicago oder irgendwann und irgendwo sonst, ist nicht festzustellen. Auch nicht, wie er wirklich hieß. Doch nimmt man an, daß er mit dem Mann identisch ist, der unter dem Pseudonym Ret Marut in dem „Neuen Theater-Almanach“ der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger für das Jahr 1908 als Schauspieler und Regisseur am Stadttheater Essen aufgeführt wurde. Dieser Ret Marut engagierte sich politisch und veröffentlichte Kurzgeschichten sowie Erzählungen. Seit 1917 gab er die sozialistisch-anarchistische Zeitschrift „Der Ziegelbrenner“ heraus, die 1921 verboten wurde. Ret Marut war nach dem Ende des Ersten Weltkriegs an den Umtrieben der bayerischen Räteregierung beteiligt, wurde 1919 festgenommen und vor ein Standgericht gestellt. Es drohte ihm die Hinrichtung, doch konnte er entkommen. Es gibt ein Polizeifoto von Ret Marut, das im Dezember 1923 in London aufgenommen worden ist. Seit 1924 schickte er seine auf Deutsch geschriebenen Romane und Erzählungen von seinem Refugium im tropischen Busch Mexikos nahe Tampico nach Deutschland, und zwar an die gerade erst gegründete gewerkschaftliche Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg. Bei ihr erschien unter dem erfundenen Autorennamen B. Traven neben den Romanen „Die Baumwollpflücker“ und „Der Schatz der Sierra Madre“ sowie diversen weiteren Büchern im Jahre 1926 Travens erfolgreichster Roman „Das Totenschiff“.
 
Es geht um einen Seemann, der aus New Orleans stammt, aber bei einem Aufenthalt in Antwerpen nicht rechtzeitig aus dem Bett eines Freudenmädchens kommt, deshalb sein Schiff verpaßt und seine gesamte Habe, sein Geld und seine Papiere verliert, damit auch seine Identität und alle Rechte, praktisch sogar sein Lebensrecht. Er wird von jedem Staat, in dem er Fuß zu fassen versucht, in den nächsten abgeschoben. Kein Konsul fühlt sich für ihn zuständig. Schließlich läßt er sich in Barcelona von dem Frachter „Yorikke“ schanghaien. Damit ist er auf einem sogenannten Totenschiff, nach heutiger Diktion einem Seelenverkäufer. Ein total heruntergekommenes Schiff, ein halbes Wrack, nur noch dazu bestimmt, mit einer angeblich wertvollen Ladung und der Mannschaft unterzugehen und dem Eigentümer die Versicherungssumme einzubringen.
 
Wie der Autor die Odyssee des Staatenlosen schildert, das ist haarsträubend und packend - und dabei auch noch von bleibender Aktualität. Der heutige Leser denkt natürlich sofort an den Nansenpaß. Traven erwähnt dieses Ersatzdokument nicht, weil es dem ehemaligen amerikanischen Seemann nicht zustand. Man kann aber davon ausgehen, daß Travens ergreifende Darstellung des Flüchtlingsloses dazu beigetragen hat, den von dem norwegischen Forscher und Diplomaten Fridtjof Nansen nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einer Institution gemachten Nansenpaß für staatenlose russische und armenische Flüchtlinge nach und nach zu einem Rettungsanker für ehemalige Angehörige vieler anderer Nationen werden zu lassen.
 
Nicht weniger aktuell dürfte die Schilderung der desolaten und unmenschlichen Verhältnisse an Bord des Totenschiffs sein. Nicht bloß das Fremdsein in der aus Versprengten vieler Nationen zusammengewürfelten Mannschaft, die sich nur  mühsam mit einem Primitiv-Englisch verständigen konnte, ist tagesaktuell. Genauso das der Willkür skrupelloser Chefs ausgelieferte Dasein der Arbeiter an Bord, die keinerlei Rechte einfordern konnten und halbwegs zu Tode geschunden wurden. Bieten doch auch heute die Weltmeere Platz genug zum Ausflaggen und zum Wegtauchen unter verbrieften Konventionen, von Tarifvorschriften und Grundrechten, von Anstand und Menschlichkeit ganz zu schweigen.
 
Die Drastik der Darstellung in einer der Situation entsprechenden Sprache, auch die Ironie und der wortgewaltige Haß auf die Staatsgewalt, die Bürokratie und den Nationalismus, all das kann man als zeitbedingte Stilelemente abtun. So der Seufzer: „Nur der Mensch, der kleine, der muß das Gesetz achten, der Staat braucht das nicht. Er ist die Allmacht. Der Mensch muß Moral haben, der Staat kennt keine Moral.“ Mit solchen Feststellungen hat der Autor aber leider bis heute recht. Ist der Vorwurf des Staatsterrorismus doch noch so neu, und erst 80 Jahre nach Erscheinen des Buches wird vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag erstmalig ein Gerichtsverfahren wegen Kriegsverbrechen gegen einen Staat geführt, nämlich gegen Serbien.
 
Erstaunlicherweise hat sich der Anarchist und Sozialrevolutionär Traven mit diesem Buch auch schon über die simple Arbeiterverherrlichung seiner Zeit erhoben. Wenn er die Verachtung schildert, mit der jeder auf den unter ihm Stehenden hinabschaut, dann überrascht er uns mit der Erkenntnis: „Niemand versteht es so gut, feine und allerfeinste Rangunterschiede zu machen, wie der Arbeiter.“ Das schlägt Tausenden von romantisch verklärenden Arbeiter- und Bauern-Denkmälern ins steinerne oder bronzene Gesicht. Wie die unter sozialistischer Herrschaft Lebenden erst viel später zu spüren kriegten. Da war auf einmal nicht mehr der Staat der Feind, sondern der Genosse.
 
Kein Wunder, daß ein Buch wie „Das Totenschiff“ nicht stirbt. Es ist so aktuell wie vor achtzig Jahren. Und spannend ist es natürlich auch.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)
 



Sing mir das Lied vom Tod

(Gábor Görgey: Sirene der Adria, Roman, mit einem Vorwort von Imre Kertész, aus dem Ungarischen von Jörg Buschmann, Salon Literaturverlag, München 2004, 240 Seiten, gebunden, 19,80 €, ISBN 3-9809635-0-0) 

Der Nobelpreisträger Imre Kertész hat es auf den Punkt gebracht mit seiner bewundernden Aussage: „Görgey erzählt das schönste Märchen über den Tod, das ich je gelesen habe.“ Dabei wollte Görgey, wie er selbst in einer Vorbemerkung gesteht, ganz anderes schreiben, nämlich „die Chronik jener Leidensgeschichte, die den Zeitraum von den Dreißiger Jahren bis zur Jahrtausendwende umfaßt.“
 
Das Buch ist beides geworden. Und noch einiges darüber hinaus, nämlich Dalmatien-Reisebericht und Familienroman und Liebesgeschichte und auch ein Exempel für das Scheitern einer großen Freundschaft, daneben vermutlich weitgehend eine Autobiographie.
 
Der 1929 geborene Autor entstammt einer angesehenen alten Patrizierfamilie aus Budapest, wo er die glückliche Zeit einer wohlbehüteten Kindheit erlebt. Kaum hat die sowjetische Zwangsherrschaft die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten und Pfeilkreuzler abgelöst und Gábor Görgey ein Studium der Germanistik begonnen, da wird er mit der gesamten Familie aus Budapest deportiert. Als Angehörige der alten Oberschicht sind die Görgeys für die Kommunisten nicht mehr tragbar. Erst 1954 kehrt der Autor an die Universität zurück, wo er ein Studium der Theologie beginnt, das er aber dann gegen die Arbeit als Journalist und Theaterleiter eintauscht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetherrschaft im gesamten Ostblock wird der Dreiundsiebzigjährige Minister für Kultur der Republik Ungarn. Er ist im selben Alter wie Konrad Adenauer, als dieser Bundeskanzler wurde. Doch hielt ihn die politische Arbeit nur von 2002-2003 von seiner wichtigeren Tätigkeit als Stückeschreiber und Romancier ab. Dieser Tatsache verdanken wir den so aufschlußreichen wie ergreifenden Bericht über den größten Teil des 20. Jahrhunderts, die „Sirene der Adria“.

Den Journalisten und Politiker merkt man seinem Buch genauso an wie den vielfach preisgekrönten Dichter. Aus diesem dreifachen Blickwinkel resultiert das erregende Changieren des Textes. Denn mal sind es Alltagsbeobachtungen, mal generelle Feststellungen, die das Märchen aus der Tiefe der Adria an die Oberfläche der Gesellschaftskritik hieven. Doch immer wieder versteht es der Autor, mit Schlüsselbegriffen wie Atlantis, Sirene, Engel mit Sternenaugen oder große Amme das Alltägliche ins Allgemeine und Ewige umzuformen. Damit präsentieren sich dem Leser so unterschiedliche Dinge wie eine sehr persönliche Geldtheorie oder die rostrote Erinnerung an die gescheiterte Kolchoswirtschaft, Sexszenen von behutsamer Überdeutlichkeit, eine Kritik des angeblich so erfolgreichen Gulaschkommunismus, die grandiose Verurteilung der Yuppies, aber auch Nekrophiles oder die sinnlose Frage nach dem Sinn des Lebens.

Gábor Görgey erweist sich als ein Märchenerzähler, der mit der feinen Kultiviertheit einer untergegangenen Epoche spricht, seine Erzählung aber mit Gesten seiner von Zwangsarbeit und Brotarbeit schwielig gewordenen Hände unterstreicht. Was sein Märchen um so glaubhafter werden läßt – und um so eindrucksvoller.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Schwarz auf Weiß

(Henning Mankell: Die rote Antilope, aus dem Schwedischen von Verena Reichel, Roman, dtv, München 2003, 381 Seiten, € 10,-)
 
Ein Buch über das Heimweh? Ja, das auch. Aber eigentlich viel mehr. Der schwedische Krimi-Autor Henning Mankell, der sich hin und wieder den Luxus erlaubt, neben der Brotarbeit ein Stück Literatur zu verfertigen, hat mit diesem Buch ein Problem aufgegriffen, das zumindest am Rande auch zum Modethema Globalisierung gehört. Der abwechselnd in Schweden und Afrika lebende Autor verlegt die Handlung dieses Afrika-Buches in die Zeit kurz nach der ein weltweites Aufsehen erregenden Auffindung des verschollenen Missionars David Livingstone durch Henry Morton Stanley im Jahre 1871 und vor der Berliner Afrika-Konferenz von 1884/85, sich damit nicht zufällig dem Höhepunkt der Vergewaltigung Afrikas durch die europäischen Großmächte widmend.
 
Ein schwedischer Möchte-Gern-Naturforscher bricht im Jahre 1877 nach Afrika auf, um ein unbekanntes Insekt zu finden, dem er seinen Namen geben kann. Auf diese Weise will er sein verpfuschtes Leben doch noch zum Leben einer Berühmtheit werden lassen. In der Wüste Kalahari nimmt er sich aus Mitleid eines schwarzen Jungen an, dessen Angehörige bei einem der üblichen Überfälle durch die Kolonisten ermordet worden waren. Er nimmt ihn als seinen Quasi-Sohn mit nach Schweden und auf seine Vortragsreisen über Insekten. Dabei wird jedoch der Junge zur eigentlichen Sensation, weil man in Schweden noch keinen Neger gesehen hat. Und der gutmeinende Forscher wehrt sich erfolglos gegen diesen Sarotti-Effekt.
 
Steht im ersten Teil des Buches der schwedische Forscher im Mittelpunkt des Interesses und auch der Sympathie des Lesers, weil das Geschehen aus der Sicht dieses halb lächerlichen, halb bedauernswerten Hinterwäldlers geschildert wird, so verlegt der Autor im zweiten Teil den Schwerpunkt auf den schwarzen Jungen und seine ermordeten Eltern. Erst im dritten Teil ist der Junge die Hauptfigur, jetzt in seiner unvermeidlichen Zerrissenheit plastisch werdend. Das gelehrige schwarze Kind spricht inzwischen halbwegs schwedisch, denkt und fühlt und träumt aber immer noch afrikanisch. Und der Leser, der ursprünglich gespannt war, ob der nicht ganz ernstzunehmende Forscher ein noch nicht benanntes Insekt finden werde, wartet jetzt nur noch mit Spannung auf das Gelingen des großen Plans eines kleinen Jungen: die Heimkehr in die Wüste.
 
Die Parallele des mit einer Nadel auf Papier gespießten und sorgsam katalogisierten Insekts zu dem gewaltsam in den schwedischen Schnee translozierten Wüstenbewohner ist treffend. Auch den Leser. Weil das eine sich als so unsinnig erweist wie das andere. Und das selbst bei dem Abstand von mehr als hundert Jahren. Insofern ist „Die rote Antilope“ – Originaltitel „Der Sohn des Windes“ – auch ein packender historischer Roman.
 
Ob die zu bemüht komische Schöpfung des deutschen Titels sinnvoll war, mag dahingestellt bleiben. Erwähnt werden muß aber, daß Ungereimtheiten ins Buch gekommen oder in ihm geblieben sind, die ein aufmerksames Lektorat hätte ausmerzen müssen, entweder schon in Stockholm oder aber wenigstens in München. So stutzt man, wenn man liest, daß der Student, der sich auf die Insekten stürzen will, bei einem Professor der Botanik studiert (Seite 15). Und daß es dann am achtundzwanzigsten Tag seiner Wüstenwanderung zu einem Zwischenfall kam (Seite 50), obwohl er schon mehr als zwei Monate in der Kalahari unterwegs war (Seite 44), ist auch nur schwer nachzuvollziehen. Der Autor hat dem Ganzen noch einen Mord als Rahmenhandlung übergestülpt, in Form eines Kurzkrimis, was unnötig war und wohl als Berufskrankheit in Kauf genommen werden muß. Oder glaubte der Autor, er sei es seinem Image schuldig, einen Mord zu bringen?
 
Von diesen Macken abgesehen ist das ein Buch, das von Anfang bis Ende erfreut. Durch das raffinierte Infragestellen unserer Lebensweise, durch das einfühlsame Ausleuchten der kindlichen Seele, auch durch das sublime Lächerlichmachen der Institutionen Kirche, Unternehmerschaft und König und nicht zuletzt durch die so bildhafte wie korrekte Sprache mit ihrer immer wieder aufscheinenden feinen Ironie.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Rußige Heimat
 
(Ralf Rothmann: Milch und Kohle, Roman, Suhrkamp-TB, Frankfurt/Main 2002, 211 Seiten, € 10,-)

Irritation als Gestaltungsprinzip. Das fängt damit an, daß der Autor schon in der ersten Zeile das heute so modische wie alberne Universalurteil bringt: Nicht wirklich. Und das setzt sich mit der Masche fort, jede Szene damit einzuleiten, daß man die Einleitung wegläßt, nicht einmal die Kürzestangabe zur Situation bietet, wie sie im Drehbuch stehen würde. Action an wechselnden Schauplätzen und Dialoge verschiedener Figuren im harten Schnitt gegeneinandergesetzt. Schon nicht mehr verwunderlich, daß Rahmenhandlung und Erinnertes sich nicht im Tempus unterscheiden. Auch nicht, daß die Icherzählung zunächst den Charakter einer Autobiographie annimmt, dann aber deutlich wird, der Titel bezieht sich auf den Vater des Erzählers, bis man am Ende weiß, es handelt sich um das Porträt einer Frau, nämlich der Mutter des Icherzählers. Dann bekommt man noch einen Epilog zu lesen, der nichts mit dem Erzählten zu tun hat und bei dem man meinen könnte, er sei entweder aus Versehen ins falsche Buch geraten oder als verzweifelter Versuch, einer zu kurz geratenen Erzählung doch noch den für einen Roman nötigen Umfang zu verpassen, - wenn es nicht einfach nur um Renommage geht. Natürlich ist die Absicht eine hehrere: Der nur am Ende des Buches kurz erwähnten Tatsache der Karriere des Icherzählers in den USA soll mit dieser Schilderung eines Besuchs in einem japanischen Kloster das Sahnehäubchen des Zen-Buddhismus aufgesetzt werden.

Wie auch immer, jedenfalls überdeutlich bemühte Andersartigkeit, zuviel Koketterie. Dabei hätte diese Erzählung das nicht nötig. Bringt der im Ruhrgebiet aufgewachsene Erzähler doch ein anschauliches und überzeugendes Bild vom Leben und Treiben der Kleinen Leute im Revier in der Zeit der aufblühenden Bundesrepublik. Von ihrem verständnisvollen Zusammenhalten, von proletarischer Libertinage und von der herrschenden Brutalität. Ausgemalt im Bild der Frau eines Kumpels, die voller Lebensgier ist. Der noch so viel Rauchen und Trinken und Tanzen nicht genügen. Die mit dem italienischen Kollegen ihres Mannes ins Bett geht. Und die den Problemen ihrer beiden pubertierenden Söhne so hilflos gegenübersteht wie der Invalidität und dem frühen Tod ihres Mannes und schließlich ihrer eigenen Krebserkrankung. Eine im bürgerlichen Spektrum schon fast als verkommenes Subjekt geltende Menschin, die dem Leser unweigerlich ans Herz wächst. Die ihm damit seine eigenen Normen fragwürdig erscheinen läßt. So daß er ihr die letzte Packung Zigaretten gönnt, die der Sohn ihr mit ins Grab gibt.
Das ist in einer packenden und glaubhaften Weise dargestellt. In präzisen Situationsbildern und knappen, niemals übertrieben veristischen Dialogen. Dem Buchtitel zum Trotz keine Schwarz-Weiß-Zeichnung. Ein Höhepunkt der Schilderung ist zweifellos das von zwei italienischen Gastarbeitern in der Wohnung der Protagonisten bereitete Festessen. Im übrigen arbeitet der Autor gern und sehr geschickt mit Verschwiegenem. Er läßt das Geschehen immer wieder eskalieren, ohne das Ergebnis dann mit einem einzigen Wort zu erwähnen. Ein Verzicht auf Effekte, der dem Buch doch nichts an Intensität nimmt. Im Gegenteil. Der so erzeugte Schwebezustand trägt die Spannung, weil er eine Deutungsvielfalt erhält.  

         (Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




Die Legende von einem Mann und einer Frau
 

(Robert Harris: Pompeji, Roman, aus dem Englischen von Christel Wiemken, Heyne-Taschenbuch, München 2005, 380 Seiten, € 8,95)


 Pompeji, das ist die Einmaligkeit, wie Menschen in ihrem verzweifelten Bemühen zu überleben von einem plötzlichen Tod überrascht und als Gußformen für die Nachwelt konserviert wurden, und zwar am 24. und 25. August des Jahres 79. Deshalb steht dieser Name für das natürliche Bedürfnis zu erfahren, wie die letzten Tage, Stunden und Minuten dieser Menschen verlaufen waren. Ein Bedürfnis, das durch die Ausgrabungen in Pompeji und Herculaneum am Leben gehalten wird, wo die Pracht und Lebensgier der Menschen in den römischen Provinzstädten zutage tritt, bis hin zu den grausamen Gladiatorenkämpfen und den Praktiken in den Bordellen. Genauso aber auch durch Ausstellungen der gefundenen Leichenabdrücke in den kuriosesten Stellungen und der oftmals nicht minder kuriosen Habseligkeiten, die sie zu retten versucht hatten. Nicht zu vergessen der 1834 erschienene Roman „Die letzten Tage von Pompeji“ des Engländers Edward George Bulwer-Lytton, der einer der Klassiker des historischen Romans ist.

Diesem Dauer-Bestseller einen weiteren Pompeji-Roman folgen zu lassen, dazu gehört Mut. Zumal das Handicap eines Romans zu diesem Thema ist, daß der Leser das tragische Endergebnis kennt, es also besonders schwierig ist, Spannung aufzubauen und zu halten. Da hilft nur der Rückgriff auf Einzelschicksale, die durch hitzige Feindseligkeit beziehungsweise durch ebenso hitzige Liebe miteinander verbunden sind. Harris greift wie sein Vorgänger Bulwer-Lytton zu diesem Kunstgriff. Dabei modernisiert er jedoch das Personal. Statt der intriganten Menschen, die mit Zauberei und Liebestrank arbeiten, läßt Harris die Prototypen des Wissenschaftlers, des Offiziers, des korrekten Staatsbeamten und des korrupten Unternehmers auftreten. Wobei er gleichzeitig an wissenschaftliche Befunde anknüpft, die er als Zitate über die Kapitel setzt.

Damit ist ihm die Aufmerksamkeit des Lesers sicher. Denn der erlebt das Ungeheure des Vesuvausbruchs aus verschiedenen Blickwinkeln. Da ist der historisch belegte Naturwissenschaftler, der diese Eruption in allen Einzelheiten beschrieben hat und dabei ums Leben kam, nämlich der römische Schriftsteller Gaius Plinius Secundus. Der Typ des absolut zuverlässigen Staatsbeamten ist der Wasserbaumeister Attilius, die eine Hauptfigur des Romans, der unerschrockene und stets gehorsame Offizier ist der Schiffskommandant Torquatus, der Typ des modernen Unternehmers wird vorgeführt mit dem ehemaligen Sklaven und reichgewordenen Grundstücksspekulanten Ampliatus, der die politischen Führer der Stadt in der Hand hat. Seine Tochter Corelia ist das gute Gegenstück zu dem korrupt-brutalen Mister Moneymaker und die andere Hauptfigur des Romans. Um die exakte Parallele zu dem Happy-End bei Bulwer-Lytton zu kaschieren, läßt Harris die Rettung von Attilius und Corelia nur als Legende aufscheinen, „von allen vernünftigen Leuten als Aberglaube abgetan.“ Daß der Ausdruck Aberglaube nicht zum römischen Reich paßt, wo man alles glauben durfte, kann man schlucken.

Das Buch schildert die nicht rechtzeitig verstandenen Vorzeichen und die Katastrophe selbst in einer Ausführlichkeit, die einen als Leser oftmals denselben Wunsch spüren läßt, wie die Betroffenen: Wäre doch endlich alles vorbei. Doch entlohnt einen dann die dem Plinius untergeschobene resümierende Überlegung für die viele investierte Lesezeit, wenn Harris den Lesern von heute ins Gästebuch schreibt: „Die Menschen verwechselten Messungen mit Verstehen. Und sie mußten sich immer in den Mittelpunkt allen Geschehens stellen. Das war ihr größter Dünkel. Die Erde erwärmt sich – es muß unsere Schuld sein! Der Berg vernichtet uns – wir haben die Götter nicht besänftigt! Es regnet zu viel, es regnet zu wenig – es ist tröstlich zu glauben, daß diese Dinge irgendwie mit unserem Verhalten zusammenhängen, daß, wenn wir nur ein bißchen besser, ein bißchen bescheidener lebten, unsere Tugenden belohnt würden.“ Eine Stellungnahme zur aktuellen Umweltpolitik, die überrascht, die dem Buch aber auch ein bißchen Tiefgang gibt. Warum sollte ein Autor von heute, der für Leser von heute schreibt, nicht das Recht haben, auch in einem historischen Roman etwas über das Heute zu sagen. Gegen die üblichen Hilfsmittel zum Eskapismus anschreiben. Denn nur so wird der historische Roman zu mehr als einem Mittel der Weltflucht.

Doch sollte das eifrige Bemühen des Autors, dieses Buch als Informationsmedium erscheinen zu lassen, durch die antiken Zeitangaben, durch die Aufführung von wissenschaftlicher Literatur und durch ein umfangreiches Register von Leuten, denen der Autor sich zu Dank verpflichtet fühlt, einen nicht irritieren. „Pompeji“ ist ein höchst unterhaltsames Buch – wie jeder Bericht über eine große Katastrophe, die einen selbst nicht erwischt hat.
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)



Das Lied der Göttin
 
(Dan Brown: Sakrileg. Thriller, Lübbe-Verlag, Bergisch Gladbach 2004, aus dem Amerikanischen übersetzt von Piet van Poll, Originaltitel: The Da Vince Code, 605 Seiten, gebunden € 19,90)
 
Prangte nicht das Wort Thriller groß auf dem Schutzumschlag, hätte ich mir das Buch schon früher vorgenommen. So aber mußten erst zwei Leserinnen mich darauf aufmerksam machen, daß es sich um ein ernstzunehmendes Thema handelt. Es geht um die Verdrängung des weiblichen Elements und die Verteufelung des Geschlechtlichen durch das Christentum. Daß die christliche Theologie schamlos traditionelle Göttinnen herabgewürdigt und umgemodelt hat, ist ja bekannt. Auch, daß die Verdammung des weiblichen, erdhaften Prinzips durch die Kirche für die Menschen des christlichen Abendlandes wie des muslimischen Morgenlandes bis heute einen großen Verlust darstellt.
 
Die Tradition der vorchristlichen Göttinnen und das Andenken an Maria Magdalena, die Frau an Jesu Seite, aber in den Schatztruhen der Templer aufbewahrt zu sehen und mit der uralten Suche nach dem heiligen Gral gleichzusetzen, ist ein literarischer Einfall, der fasziniert und sehr viel hergibt. Schon durch die Vielzahl der gegeneinander kämpfenden Interessenten: Vatikan und Opus Dei, Geheimbündler, fanatischer Aufklärer und ehrgeiziger Wissenschaftler, Kunstenthusiast, hündisch gehorsamer Mönch, Bankier, Kriminalpolizei und anhängliches Familienmitglied. Zumindest die Hauptfiguren sind so plastisch dargestellt, vor allem durch den inneren Monolog, daß man nicht von einem simplen Krimi oder einem Kolportageroman sprechen kann.
 
Die Schauplätze sind attraktiv gewählt: Paris und London. Neben den zahlreichen Beispielen von Codierungstechniken und ihrer Entschlüsselung sowie Hinweisen auf modernste Computertechnik und dem massenhaften Handyeinsatz stehen erstaunliche Bildinterpretationen, die Begegnung mit altehrwürdiger und hochmoderner Architektur sowie viele kulturhistorisch aufschlußreiche Zitate und ihre Deutung. Das eine erinnert an die 007-Romane, das andere an Ecos „Der Name der Rose“. Die durchweg kurzen Kapitel sind höchst einfallsreich mit Action und mit geistreichen Dialogen bestückt und schon drehbuchmäßig im Cross-Cutting-Verfahren gegeneinandergesetzt, dabei so gut wie immer mit Cliff-Hanging-Effekt endend.
 
Also ein eminent geschickt gemachtes Buch, leckeres Lesefutter, das keiner lobenden Worte bedarf. Die sind eher nötig zur Ermunterung auch der anspruchsvolleren Literaturinteressenten, das Buch trotz der blutrünstigen Aufmachung, der Bezeichnung als Thriller und des zeitraubenden Umfangs zu lesen. Es lohnt sich durchaus. Wenn man dabei auch über die gelegentlichen sprachlichen Schnitzer der Übersetzung hinwegsehen muß sowie darüber, daß der Übersetzer offensichtlich nicht wußte, wie man jambische Verse wiedergibt. Dafür wußte der Autor um so besser, wie man Erinnerungen als dramatische Rückblicke reizvoll macht und wie man die Schilderung eines orgiastischen Begattungsrituals lange hinausschiebt und sie dann so kurz und sachlich bringt wie alles andere.
 
Im letzten Kapitel hat der Autor die sich selbst gestellte Aufgabe zitiert: „Singen Sie das Lied der Göttin. Die Welt verlangt nach modernen Minnesängern.“ Nun wissen wir, die Minnesänger haben ihre Verehrung der angebeteten hohen Frouwe stets überzogen. Und die Abenteuer, die sie ihr zu Ehren gesucht und bestanden haben, kommen uns Heutigen, Enkeln des Miguel de Cervantes, mit recht etwas albern vor. Der Autor aus Neuengland hat den sich selbst gegebenen Auftrag ausgeführt. Dan Brown ist ein Minnesänger von klassischem Format.  

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

 

Das Hohelied der Lüge
 
(Umberto Eco: Baudolino, Roman, aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber, dtv, München 2003, 636 Seiten, 12,50 Euro)
 
Mit seinem historischen Roman „Der Name der Rose“ hatte Eco die achtziger und neunziger Jahre bestimmt. Damals hieß sein Erfolgsrezept: Krimi im historischen Gewand. Als das Interesse der Öffentlichkeit sich den Erklärungen der Naturwissenschaften zu den letzten Wahrheiten zuwandte, brachte er „Das Foucaultsche Pendel“ auf den Markt. Und mit „Baudolino“ bedient er nun sowohl den krimi- als auch den Fantasy-Massenwahn, zumindest in der zweiten Hälfte dieses Buches. Wobei er gleichzeitig in überlegener Großzügigkeit den Entwicklungsroman, den Abenteuerroman und den Schelmenroman durchspielt. Soviel zu der Marktgängigkeit seiner Buchproduktion. Eine Feststellung zur Vielseitigkeit des Autors, die selbstverständlich keine Herabsetzung seiner Werke ist. Es geht ja hier darum, den literarischen Wert des Buches zu eruieren, nicht um eine der üblichen Rezensionen, die vor allem vollmundige Sprüche bringen, in der Hoffnung, daß der Verlag sie als Zitate in seiner Werbung einsetzt, so daß man was für die Eigenwerbung getan hat.
 
Der Roman „Baudolino“ ist ein Roman übers Erzählen und übers Lügen, was dasselbe ist, und damit auch ein Roman übers Schreiben von historischen Romanen. Ein besonders aufgeweckter italienischer Junge namens Baudolino, zufällig aus Ecos Geburtsstadt Alessandria in Piemont stammend, fällt dem Kaiser Barbarossa auf einem seiner vielen Italienzüge auf, wächst ihm ans Herz und wird von ihm wie ein Sohn aufgezogen. Dabei ist der Junge ein schamloser Lügner, einer von der Art, die ihre Lügen und ihr Wunschdenken schon für die Wirklichkeit halten. Baudolino gelingt es, den Kaiser von den ewigen Streitigkeiten mit den oberitalienischen Städten abzulenken und für den Kreuzzugsgedanken zu begeistern und für ein noch wichtigeres Ziel, das dahinter liegt: den Besuch im sagenhaften Reich des Priesterkönigs Johannes, der irgendwo im fernen Osten lebt. Was er dem Kaiser Friedrich als die Chance schmackhaft macht, endlich den Machtstreit mit der Kirche zu seinen Gunsten zu entscheiden.
 
Auf dieser Reise geht der historische Roman verloren, als der Kaiser einem Mordanschlag zum Opfer fällt, statt einem Badeunfall, wie es in den Geschichtsbüchern heißt. Damit wird Geschichtsschreibung zum Ergebnis des Einfallsreichtums der Historiker und zum Abenteuer. Auch sich auf mehr oder weniger geschickt gemachte Urkundenfälschungen zu stützen gehört zu diesem Abenteuer. Fiktionen erweisen sich als wirkmächtiger denn die Tatsachen. Der Leser versteht: Die sogenannte historische Wahrheit ist immer eine willkürliche Konstruktion. Was ja mittlerweile zu dem Eingeständnis der Historiographie geführt hat: Die historische Forschung kann mit der Wirklichkeit nie hundertprozentig zur Deckung gebracht werden. Hatte Viktor von Scheffel 1855 im Vorwort zu seinem historischen Roman „Ekkehard“ noch vorsichtig argumentiert, die Geschichtsschreibung benötige auch Phantasie, geht Eco weiter, indem er die Grenze zwischen Historizität und Faktizität ständig verwischt. Schließlich wird sein Historiengemälde zur Aufforderung, sich das Unwahrscheinlichste vorzustellen, um der Wirklichkeit näherzukommen. Denn die Frage nach dem Mörder des Kaisers wird nicht nur zur typischen Whodunit-Untersuchung nach bester Krimiart, auf dem weiteren Weg Baudolinos und seiner Freunde nach Osten führt sie in bunte Fantasywelten, die von allerlei Kuriositäten bewohnt sind. Da gibt es Anklänge an den Gral und an die Assassinen sowie den Vestalinnenkult. Die Hunnen treten auf, und Lepröse leben neben Geschöpfen, die aus der Werkstatt von Hieronymus Bosch stammen könnten. Es geht immer mal wieder um hochwichtige Fragen von so absurder Spitzfindigkeit, wie sie jahrhundertelang die scholostischen Gelehrten des Mittelalters beschäftigt haben, und das Schwelgen im Reliquienkult nimmt schon kabarettistische Formen an. Schließlich bringen Riesenvögel à la Tausendundeinenacht die Reste dieser Expedition zum unauffindbar gebliebenen Priesterkönig Johannes nach Konstantinopel zurück. Und die Krimifrage findet eine Auflösung, die so unwahrscheinlich war, daß man als Leser nie darauf kommen konnte. Dabei ist sie überraschend plausibel.
 
Das umfangreiche Epos verlangt geduldige Leser. Die dabei auch noch besonders aufmerksam sein müssen. Denn das Ganze ist in die Form eines Gesprächs gegossen, das Baudolino mit einem Griechen namens Niketas führt, bisher oberster Richter und Kanzler am Hofe von Byzanz. Baudolino rettet ihn, als Konstantinopel im Jahre 1204 von einem Kreuzzugsheer geplündert und zerstört wird. Der Autor setzt seinen Erzähltext und die Dialoge in diesem Text unbekümmert in den immer mal wieder aufflackernden Rahmendialog. Und wie er das Ganze dann mit willkürlich herangezogenen Versatzstücken der abendländischen Kultur spickt, das kennzeichnet den Roman als ein typisch postmodernes Werk. Das geht auch mal daneben, so wenn Leute als Pfeifenköpfe beschimpft werden. Doch gibt es dem Autor Gelegenheit zu köstlich ironischen Ausfällen, so bei der Schilderung der Verhältnisse im Land Pndapetzim, wo die Besucher so „selig entnervt und glücklich gelangweilt“ sind, daß sie uns wie Fernsehdauerkonsumenten erscheinen. Eine Kritik, die sich ein Autor erlauben darf, der im letzten Satz seines Romans sich selbst auf unnachahmlich feine Weise auf den Arm nimmt. Deshalb: Wer Zeit genug hat, der sollte sie sich für den Genuß dieses Buches nehmen. Es lohnt sich.
 
(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)




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