Interview

Walter Laufenberg im Interview zu seinem Reiseleiterroman „Hohe Zeit“

Nach der ersten Durchsicht des von Walter Laufenberg eingereichten umfangreichen Berichts über sein Leben als Reiseleiter in den Jahren 1958-1974 hielt Franz Westner, der Inhaber des Salon Literatur Verlags, der die meisten Laufenberg-Bücher in seinem Programm hat, es für angebracht, dem Autor einige grundsätzliche Fragen zu stellen, bevor er sich zur Veröffentlichung dieses brisanten Buches entschloss. Hier das Interview mit Walter Laufenberg:

Westner: Fürchten Sie nicht, mit diesem schonungslosen Outing Ihr Renommee als seriöser Schriftsteller zu verspielen?

Laufenberg: Nein, davor fürchte ich mich nicht. Erklärt dieses Buch doch gerade, wie ich mich als ein unordentlicher Mensch mit sehr unordentlichem Lebenslauf zu einem ordentlichen Status durchgekämpft habe.

Westner: Was war denn unordentlich an Ihnen?

Laufenberg: Der Wirrwarr meiner vielen Interessen und Tätigkeiten. Weil so vieles konträr zueinander stand.

Westner: Könnten Sie das etwas konkreter schildern?

Laufenberg: Das fing schon in meiner Kindheit als dritter Sohn in einer Eisenbahnerfamilie an. Ich habe immer alles anders gemacht als meine beiden älteren Brüder. Hatte ich doch aus so manchem Märchen gelernt, dass immer erst das dritte Kind Erfolg hat, und das nur, weil es alles anders macht als die beiden älteren Geschwister. Das hatte mich überzeugt, brachte mich aber auch auf Irrwege, weil meine beiden älteren Brüder manches besser machten als ich.

Westner: Zum Beispiel?

Laufenberg: Meine beiden Brüder hielten sich mehr ans Praktische und verdienten auf diese Weise früher Geld als ich, der ich mich festgelesen hatte an dem knappen Dutzend Büchern, die es bei uns zuhause gab. Darunter war eine dreibändige Schiller-Ausgabe, die mein ältester Bruder einmal geschenkt bekommen und nie gelesen hatte. Ich war 11 oder 12, als ich die Schiller-Dramen eines nach dem anderen verschlungen habe, natürlich ohne was davon zu verstehen.

Westner: Verständlich. Aber vielleicht haben Sie durch Schiller doch eine Art Prägung zum Schriftsteller erfahren.

Laufenberg: Das so zu sehen, ist mir auch recht. Schiller kann sich davon ja nicht mehr beleidigt fühlen. Ich weiß heute aber nur noch: An diesen Dramen hat mich die Promptheit der Antworten verwundert. Schillers Helden sagten immer ohne lange nachzudenken so treffend, was ich so schnell nicht hätte vorbringen können.

Westner: Nun ja, im Alter von 11 oder 12. 

Laufenberg: Jedenfalls brachte diese Verwunderung mich schon zur Empfindung des Unterschieds von Literatur und Leben. Aber geprägt hat mich das wohl nicht. Ich bin ein Mensch, der Prägung generell nicht zulässt beziehungsweise abschüttelt.

Westner: Wie das?

Laufenberg: Als Junge jahrelang in den Händen der Katholischen Jugendbewegung, kam ich natürlich zu dem Berufswunsch Priester. Nur dafür habe ich als erster der Familie und der ganzen Verwandtschaft das Abitur gemacht. Doch habe ich dann eine ausführliche Darstellung der großen Weltreligionen gelesen, die mir zeigte, wie zufällig ich zu einer dieser Religionen gehöre und wie unberechtigt der Anspruch meiner Kirche ist, die allein seligmachende Variante der Religiosität zu vertreten. Damit war ich die Prägung durch die Jugendbewegung los, und ich trat aus der Kirche aus.

Westner: Das ist ein schönes Beispiel für abgeschüttelte Prägung. Gibt es weitere?

Laufenberg: O ja, es gibt weitere. Aber zunächst kam mein Einstieg in die Reiseleiterei. Das war, muss ich zugeben, der Sprung eines noch recht naiven, gut erzogenen Jungen in die ihm völlig fremde Welt des Lebensgenusses. Von einem Land ins andere zu kommen, viele Menschen, vor allem junge Frauen, kennen zu lernen und dafür noch Geld zu bekommen, das war für mich die ideale Beschäftigung. Aber immer Hahn im Korb zu sein, lässt einen nicht unberührt, vor allem, wenn die ‚Hühner’ im Vierzehn-Tage-Rhythmus wechseln. Ich versuchte, mich mit dem Schreiben, vor allem mit dem Beschreiben zu retten. Daraus entstand mein Buch „Welt hinter dem Horizont – Reisen in vier Jahrtausenden“, daneben veröffentlichte ich zum Thema Reisen auch etliche Artikel in Zeitungen und Zeitschriften sowie Hörfunkfeatures.

Westner: So entstand der Schriftsteller Walter Laufenberg.

Laufenberg: Nein, zunächst nur der Schreiber. Weil man damals nichts von Debütanten hielt, ich also auf dem literarischen Pfad nicht sofort Erfolg hatte, geriet ich natürlich auf die lukrativen und deshalb so verführerischen Nebenwege Werbung und Public Relations. Das brachte gutes Geld, aber ich wollte nicht in der Funktion des Lohnschreibers stecken bleiben. So habe ich irgendwann auch den Werbetexter abgeschüttelt.

Westner: Aber das Schreiben war damit nicht erledigt, oder?

Laufenberg: Im Gegenteil, das Schreiben wurde neben der Reiseleiterei und neben dem Studieren mein Hauptlebensinhalt. Weil ich so viele sehr unterschiedliche Menschen kennen lernte, beschäftigte mich immer stärker die Frage nach unseren eigentlichen Ambitionen. Dabei entdeckte ich den Egoismus als den eigentlichen Antrieb. Ich wurde ein bekennender Egoist und veröffentlichte das Buch „Ratgeber für Egoisten“.

Westner: Das war mutig.

Laufenberg: Das war schon fast ein Kamikazeflug. Meine literarischen Interessen führten mich dann auch noch zu den bewusstseinserweiternden Drogen, weil ich gelesen hatte, dass Autoren wie Baudelaire und Hesse mit Rauschgiften experimentiert hatten, um Anregungen zu kriegen. Schiller mit seinen faulenden Äpfeln in der Tischschublade war da für mich schnell nicht mehr attraktiv genug. Ich suchte den Kontakt zur Drogenszene und bekam ihn mehr als erwünscht. Daraus entstand mein Sachbuch über die Drogen „Der stille Aufstand“. Es schlug sich dieser Kontakt außerdem in Artikeln, Vorträgen und Funkfeatures zu dieser Thematik nieder, blieb aber nicht auf die Theorie beschränkt. Deswegen interessierte sich auch die Staatsanwaltschaft für mich, konnte mir aber nichts nachweisen.

Westner: Und Sie sind nicht drogenabhängig geworden, nehme ich an.

Laufenberg: Auch diese Beinahe-Prägung habe ich abgeschüttelt. Ich hatte nicht einmal Angst davor, abhängig zu werden. Ich wusste, ich bin ein viel zu rationaler Mensch, um in eine Abhängigkeit zu geraten – außer der von meinem Verleger.

Westner: Was ja wohl nicht die schlechteste Abhängigkeit ist. Aber was kam dann?

Laufenberg: In Berlin habe ich den Rechtsbeistand gemacht und mit allen Tricks eines Winkeladvokaten meinen Klienten zum Erfolg verholfen. Das wurde mir gedankt und gut bezahlt, stieß mir selbst aber so übel auf, dass ich das schöne Messingschild schon bald von der Hauswand genommen und meine kleine Praxis stillgelegt habe.

Westner: Also Einsicht statt Prägung.

Laufenberg: Dann habe ich mir auch noch in der Politik die Finger schmutzig gemacht. Ich habe für einige Ministerpräsidenten ganze Wahlkämpfe gestaltet und durchgeführt. So lernt man Politiker und die Interna des politischen Geschäfts kennen. Bei mir hatte das den Effekt, dass ich die Einladung der führenden drei Parteien, bei ihnen Mitglied zu werden, abgelehnt habe.

Westner: Sie wurden also kein Parteimitglied.

Laufenberg: Nein. Das wäre eine Festlegung auf anderer Leute Meinungen und Interessen gewesen. Sowas ist für mich unmöglich. Genauso was die Staatssicherheit der DDR mir zumutete, als sie versuchte, mich als Agenten anzuwerben. Da bin ich nicht eingestiegen, obwohl das sicher eine sehr anregende Tätigkeit gewesen wäre.

Westner: Stattdessen wurden Sie einer vom Fernsehen.

Laufenberg: Ja, wenn man schreiben kann, kommen die Verführungen gleich packenweise. Nicht nur der Texter und Konzeptionist macht den schnellen Dollar, auch der Drehbuchschreiber ist eine Verlockung. Ich kam zunächst zum aktuellen Fernsehen des Westdeutschen Rundfunks, als Reporter und Chef vom Dienst. Danach war ich kurze Zeit Reporter des Zweiten Deutschen Fernsehens im Landesstudio Düsseldorf. Dann arbeitete ich als Drehbuchautor und Regisseur für Allianzfilm in Berlin. Danach gründete ich zusammen mit einem Kameramann eine eigene Filmfirma. Wir drehten Dokumentarfilme und kleine Spielhandlungen und, weil das große Geld nicht rein kam, schließlich auch nach von mir geschriebenem Storyboard Pornofilme. Eine interessante Erfahrung, aber auch das Pornomilieu habe ich abgeschüttelt wie den Glauben an Märchen, wie den Priesterberuf, den Werbetexter, den Rechtsbeistand, die Politik und die Drogen.

Westner: Jetzt verstehe ich, was Sie mit unordentlichem Lebenslauf meinten.

Laufenberg: Dazu kam, dass der anfangs nur staunend durch die europäischen Länder streunende Reiseleiter sich immer intensiver mit den Frauen einließ und damit die nächste Unordnung in sein Leben brachte. Aber ich wollte mich von diesem neuen Leben weder zum Gigolo machen lassen, noch zum kaltschnäuzigen Frauenverbraucher. Was nicht einfach war und mir nur mit einigen Blessuren gelang, wie ja in meinem Reiseleiterbericht dargestellt ist. 

Westner: Ich habe das umfangreiche Manuskript in einem Zug durchgelesen. Wahrhaftig ein faszinierendes Geständnis. Aber es wird nicht jedem gefallen, fürchte ich. Sie werden den Vorwurf zu hören kriegen, das Buch sei nicht nur spannend, es sei neben seinem unbestreitbaren Wert als kulturhistorisches Dokument auch sexistisch.

Laufenberg: Das ist mir nicht neu. Das hat man schon öfter von meinen Büchern gesagt. Aber Sex gehört nun einmal zum Leben. Wäre ja schlimm, wenn es anders wäre. Worauf ich aber immer größten Wert lege, das ist die besondere Ausdrucksweise. Sie muss bei mir stets so fein sein, dass das schöne Tun auch im Nacherleben schön bleibt. Damit bleibe ich mit dem Reiseleiter-Bericht, diesem so persönlichen Geständnis, auf der Linie, die meine Romane im Salon Literatur Verlag vorgegeben haben.

Westner: Ja, das stimmt, und dieser sorgfältige Umgang mit der Sprache hat mir auch immer besonders gefallen. Herr Laufenberg, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.

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