Archiv des Autors: Laufenberg

Perkeo

Der Schauspieler Peter Brownbill als Perkeo in dem YouTube-Kurzfilm „Perkeos Rückkehr“

So klein er war, so kurz war sein Leben, aber sein Nachruhm bleibt. Clemens Perkeo wurde um 1695 im Südtiroler Salurn geboren, lernte in Innsbruck das Knopfmacherhandwerk und wurde von dem dort als Statthalter des Kaisers residierenden Grafen Carl Phillip zum Hofnarren, offiziell Lustiger Rat, ernannt. Als der Graf die Kurwürde in Heidelberg antreten musste, zog P. 1718 mit ihm auf das provisorisch wieder bewohnbar gemachte Heidelberger Schloss um. Hier entwickelte der kleinwüchsige Mann, der bei Frauen, beim Wein und beim Lästern keinerlei Zurückhaltung kannte, sich zum brillantesten Hofnarren im deutschen Sprachraum. Er zog 1720 mit dem Kurfürsten und seinem Hofstaat nach Mannheim, fiel bald in Ungnade und wurde in das glanzlos gewordene Heidelberg verbannt, als Wächter über das Große Fass. Wie sein Geburtsdatum sind sein Sterbedatum, um 1728, und sein Grab unbekannt (vgl. Hofnarr, Lästern, Spott).

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Kalender

Unser christlicher K., der reformierte Julianische Kalender, zählt die Jahre vor und nach Christi Geburt, indem er das Jahr 1 n. Chr. unmittelbar auf das Jahr 1 v. Chr. folgen lässt. Ein Jahr 0 gab es nicht und wird auch heute nicht eingefügt. Das ginge schon aus religiöser Rücksicht nicht, war andererseits auch nicht möglich, weil man die Jahreszahlen in römischen Ziffern schrieb, es aber keine römische Ziffer für die 0 gibt. Die Null wurde erst im 16. Jahrhundert allmählich gebräuchlich, aus dem arabischen Wort sifr für Null gebildet, woraus sich die Begriffe Ziffer und Zero entwickelt haben dürften. Unvermeidlich deshalb, dass unser Kalender nach dem -1. 1. 1 sofort auf den 1. 1. 1 springt. Weil es keine Null gab, gibt es auch den Zeitraum 0–1 nicht. Das erste Jahrzehnt (=Dekade) heißt 1–10, das zweite 11–20, das dritte 21–30. Genauso heißen die Jahrhunderte 1–100 und 101–200 sowie 201–300, was auch für die Jahrtausende gilt: Das erste Jahrtausend dauerte von Anfang 1 bis Ende 1000, genauso das zweite von 1001–2000, weshalb das dritte Jahrtausend allen Dummheiten in der Presse zum Trotz erst am 1. Januar 2001 begonnen hat ( vgl. Anomalie, Zeitrechnung).

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Hofnarr

Schon für die Pharaonen im Alten Ägypten und die israelitischen Könige im Alten Testament und durch alle Zeiten bis in die frühe Neuzeit war es selbstverständlich: Zum Herrscher gehört ein H., hatten die Mächtigen doch stets das Bedürfnis, durch einen von der Natur benachteiligt und kurios aussehenden Menschen an ihrer Seite besonders stattlich und schön zu wirken. Weil sie unter dem besonderen Schutz des Herrschers standen, konnten die Narren sich allerlei geistreiche Unverschämtheiten erlauben, deren Unterhaltungswert man an den Höfen mit ihrem öden Bücklingsleben schätzte. Damit zeigte sich mancher H. als die überlegene geistige Gegenfigur zum Herrscher. In Frankreich, Spanien und England entwickelten sich aus der Narrenfunktion zahlreiche Persönlichkeiten, die reich und hochberühmt wurden. In Deutschland hat allein der aus Südtirol stammende Zwerg Perkeo, der Anfang des 18. Jahrhunderts im Heidelberger Schloss die Gesellschaft aufmischte, Lexikonformat erreicht (vgl. Herrenmenschen, Kontrastprogramm, Perkeo). 

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Nachhaltig

Die aktuelle Forderung heißt nachhaltig. Nichts geht uns darüber. Aber was auch immer das bedeuten mag, mir ist noch wichtiger die Forderung: gehaltvoll. Und dabei reicht es mir nicht, dass etwas aktuell ist (vgl. Modern, Verwirrung).

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Herrengesellschaft

In einer H. muss mit Impertinenz immer wieder der besondere Wert der Freundschaft betont werden, um bei dem einzelnen Mitglied das Gefühl zu unterdrücken, dass man doch nur mit Leuten zu tun hat, denen es genauso geht wie einem selbst, nämlich dass sie sich viel lieber mit Frauen beschäftigen würden (vgl. Freundschaft, Geselligkeit, Männerbünde).

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Nacht 3

Die N. als Heimkehr in den Uterus verstehen? Na, ja, wie es euch gefällt.  ̶  Ich sage: Dunkeltief ist die N. wie ein leeres Portemonnaie. So lässt sie sich mit den schönsten Vorstellungen füllen. Sie mit künstlichem Licht anzugehen, wäre eine Vergewaltigung. Lasst sie nur in Ruhe, die N., dann lässt sie euch in Ruhe, Ruhe, Ruhe (vgl. Hellsichtig).

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823. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

US-Präsident Trump hat einen iranischen Kriegsherrn ermorden lassen, was nichts bessert, wie man weiß, weil ein wegfallender Anführer selbstverständlich sofort durch einen anderen Anführer ersetzt wird. Nicht ersetzt werden jedoch die mehr als 40 bei einer deswegen veranstalteten Trauerdemonstration zu Tode getrampelten iranischen Bürger. Ebenfalls nicht ersetzt werden die 176 getöteten Insassen des ukrainischen Passagierflugzeugs, das vom iranischen Militär abgeschossen wurde, als man eine Revanche der Amerikaner für den Racheangriff auf amerikanische Stützpunkte befürchtete. Also mehr als 200 Bauernopfer für einen aus dem Spiel genommenen Offizier, das würde jeden Schachspieler disqualifizieren.

 

Wir Deutschen sind gelernte Untertanen. Das Kaiserreich und die beiden Diktaturen haben uns geprägt und wirken nach. Deshalb fiel es überhaupt nicht schwer, uns den Sicherheitsgurt und den Motorradhelm aufzuzwingen. Man hat uns ohne große Mühe die Mülltrennung beigebracht und das Rauchen ausgetrieben, so nebenbei auch die Rechtschreibung, und hat uns zur Kontrolle an Handy und Plastikgeld gekettet. Wäre doch gelacht, wenn wir nicht für die CO2-Vermeidung auch noch vom Silvesterböllern, Fleischessen, Autofahren, Fliegen, Rülpsen und Furzen abgebracht werden könnten.

 

Was für eine Meldung: Deutschland hat nach China das zweitgrößte Parlament der Welt. Also die Silbermedaille in Sachen Volksherrschaft. Aber stolz macht mich das nicht. Zeigt es doch nur, wie beliebt der hoch dotierte Versorgungsposten Bundestagsmandat ist. Da aber bei uns die Politik kaum noch vom Bundestag gemacht wird, sondern fast nur von den Parteien und der Regierung, sollten wir unseren übergroßen Bundestag umbenennen in Bundesfeigenblatt XXL.

 

Abenteuer und Heldentum, das sind immer noch männliche Bedürfnisse. Gern ausgenutzt von Machtmenschen, die für ihr Selbstbewusstsein Kriege inszenieren und den massenweisen Heldentod offerieren. Für Nicht-Krieger wird die Befriedigung dieser Bedürfnisse beim Konsum von Zigaretten und Energiedrinks suggeriert. Oder man empfiehlt sinnlose Extremsportarten als zivile Surrogate. Immerhin werden aber auch Gelegenheiten für heldischen Einsatz im Weltrettermodus geboten, für Greenpeacer.  

 

Unübersehbar ist, dass bei uns die Erwachsenen fast nur noch Videos und Spielfilme anschauen und die Kinder fast nur noch die Stummeltexte in Comics lesen können. Bildchen, Bildchen über alles, über alles in der Welt. Mit der deutlichen Abkehr von der Schriftkultur erleben wir jetzt den Höhepunkt der uns seit 75 Jahren verordneten amerikanischen Leitkultur.

 

Der bisherige Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt am Main, der Italiener Mario Draghi, hat sich während seiner immerhin 8 Jahre langen Amtszeit vehement geweigert, die Sprache des Landes zu lernen, in der sein Amtssitz war. Dass seine Nachfolgerin im Amt, die Französin Christine Lagarde, jetzt Privatunterricht in Deutsch nimmt, wird als etwas Besonderes gemeldet, statt es als eine Selbstverständlichkeit zu sehen. Aber wir haben uns ja auch schon mit amerikanischen Botschaftern abfinden müssen, die kein Deutsch konnten. Demonstrative Sprachmissachtung als neue Form des Kolonialismus.

 

Ausgerechnet die Goethe-Institute, die auf unsere Kosten in aller Welt die deutsche Sprache und Kultur vermitteln, benutzen das alberne Gendersternchen, obwohl der Rat für deutsche Rechtschreibung diesen Pickel nicht empfiehlt. Nach heutigem Stand der Rechtschreibung sind die Gendersternchen genau wie alle anderen Gender-Übertreibungen, also auch Doppelpunkt oder Großbuchstabe im Wort, nichts anderes als eindeutige Schreibfehler. Wer diese Fehler vermeidet und dafür schlechter benotet oder sonstwie gemaßregelt wird, kann dagegen klagen und sich an den Verein Deutsche Sprache wenden, der ihm Prozesshilfe bietet.

 

Und wieder geistert ein Unwort des Jahres durch die Presselandschaft. Aber kein Mensch ist so ehrlich zuzugeben, dass der Begriff Unwort selbst das eigentliche Unwort ist, das heißt das Wort, das kein Wort sein dürfte. Weil es eine Knebelung des Volkes ist, wenn man ihm ein Wort als Unwort schlechtmacht oder gar verbietet.

 

Wenn wir jetzt, wie ich in der Zeitung lese, den neuen „Trend Urlaub zu Hause“ erleben,  dann habe ich dafür als Ausgleich die exakt passende Lektüre, nämlich den Reiseleiterroman „Hohe Zeit“ mit rücksichtslos ehrlichen Schilderungen aus der Aufbruchzeit des modernen Massentourismus. Das habe ich intensivst erlebt. Von 1958 bis 1974 war ich immer wieder als Reiseleiter unterwegs, in ganz Europa. Und dafür gab es nicht nur Geld. 

 

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Erderwärmung 2

Eine Binsenweisheit ist, dass alles Geschehen, egal ob von uns Menschen verursacht oder nicht, Vor- und Nachteile hat. Unübersehbar gibt es neben Tieren und Pflanzen, denen durch die E. das Aussterben droht, auch Tiere und Pflanzen, die Profiteure der Veränderungen sind. Zwar verlieren Eisbären ihren Lebensraum, aber Tigermücken weiten ihren aus, Fichten sterben ab, aber Algen blühen auf. Und auch wir Menschen können neben Nachteilen deutliche Vorteile verbuchen. Beispielsweise dass die Grönländer durch das Abschmelzen des Eises immer mehr nutzbares Land gewinnen, sie also Bewohner der absaufenden Malediven bei sich aufnehmen können, schließlich ist Insel Insel. Und die Leute auf Spitzbergen können demnächst ihre Toten, statt sie wie bisher nach Norwegen zu verschiffen, in heimischer Erde bestatten, weil der Boden nicht mehr zu hart gefroren sein wird für die Schaufeln der Totengräber. Nicht zu vergessen die Wissenschaftler, die in Sibirien haufenweise gut erhaltene Kadaver von längst ausgestorbenen Tierarten aus dem auftauenden Permafrostboden bergen können (vgl. Eulenspiegel, Relativität, Sehweise, Wertung).

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Ver

Die Vorsilbe V. steht im Deutschen regelmäßig für eine negative Charakterisierung. So beispielsweise bei Vergeudung, Verachtung, Verbrechen, Verrat, Versprechen und Versicherung sowie bei vergessen, verspielt und verkommen. Umstritten ist die Frage, ob die Begriffe verliebt und verheiratet die berühmten Ausnahmen sind, die die Regel nur bestätigen, oder nicht. Auch das Wort Verena ist fragwürdig, deshalb schreibt Ferdinand sich vorsichtshalber mit F (vgl. Rabulistik, Schriftgelehrte).

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Erzähler

Der E. verdoppelt und vervielfacht das Leben. Er übt damit zweifellos den ältesten Beruf der Menschheit aus. Selbst der Alte, der in der Antike am Stadttor hockte und gegen kleine Münze Geschichten erzählte, hatte bereits urzeitliche Vorgänger. Musste doch schon immer irgendwer da sein, der seinen Mitmenschen bot, was denen an Lebensfülle fehlte. Andernfalls hätten die sich schon als Jugendliche umgebracht, und die Spezies Mensch wäre längst ausgestorben (vgl. Lebenshilfe, Roman, Surrogat). 

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