Archiv des Autors: Laufenberg

777. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Nach dem Attentat in Münster wieder in der gesamten Journaille die Frage nach dem Motiv des Attentäters und das Rätseln, ob es sich um einen erweiterten Selbstmord handelt oder um eine Amokfahrt. Und das übliche Ausweichen auf die Feststellung psychischer Probleme. Welcher Selbstmörder hat die nicht? Aber ich frage mich: Hat denn noch niemand von Herostratos gehört? Von diesem jungen Griechen, der im Jahre 356 v.u.Z. den Tempel der Artemis in Ephesos in Brand gesteckt hat, um berühmt zu werden. Wir brauchten bloß ein generelles gesetzliches Verbot, Bild und Name von Verbrechern zu veröffentlichen, und schon würden uns zumindest alle herostratischen Großtaten erspart bleiben, weil dann der Anreiz dazu fehlt.

 

Deutschland ein Leseland? Dass seit Jahren immer weniger Bücher gekauft und gelesen werden, beklagen die Bücherverleger. Dass es Jahr für Jahr immer mehr Zeitschriften auf dem deutschen Markt gibt, bejubeln die Zeitschriftenverleger. Und aufgeschlossene Zeitgenossen zucken die Schulter: Der Tag hat ja nur 24 Stunden.

 

Ferienarbeit für Lehrer. Bis zu den Sommerferien soll ein Rechtschreib-Leitfaden des baden-württembergischen Kultusministeriums vorliegen, mit dem die Lehrer des Landes Nachhilfestunden in Rechtschreibung bekommen. Weil man bemerkt hat, dass die haarsträubend miserable Rechtschreibkompetenz der Schüler und der Erwachsenen, die sich in E-Mails und den sozialen Medien zeigt, von der Rechtschreibunsicherheit der Lehrer herrührt. Dabei kann sich doch jeder die kostenlosen Bemerkungen über unsere alltäglichen Schreibfehler ausdrucken und an die Wand pinnen, die seit Jahren im Netzine geboten werden: In der Rubrik Vermischtes unter „Extra-Service für Schreiber“.

 

Im Deutschen Bundestag ist der Antrag der AfD-Fraktion mit den Stimmen aller anderen Fraktionen mit höhnischen Kommentaren abgeschmettert worden, ins Grundgesetz die Feststellung aufzunehmen: Die Landessprache ist Deutsch. Dabei hatte der Antragsteller mit dem Hinweis auf CDU- und SPD-Prominenz argumentiert, die sich bereits sehr deutlich dafür ausgesprochen hat. Das heißt, unser Parlament hat dieselbe feinfühlige Hinterhältigkeit, wie ein altes Ehepaar, bei dem beide Partner wissen, wie sie dem anderen am wirksamsten Schmerz zufügen können.

 

Politiker haben uns vorgemacht, wie man mit Plagiaten in der Doktorarbeit sich dreist und unrechtmäßig ein höheres Ansehen verschafft. Inzwischen machen Krethi und Plethi es ihnen in den sozialen Medien eifrig nach, wo sie genauso dreist und unrechtmäßig mit fremden Texten, Bildern und Musiken großtun, ohne den Urheber und die Quelle zu nennen.

 

Dem Handwerk fehlt der Nachwuchs, lese ich in der Zeitung. Nicht zuletzt, weil 25,8 % der Lehrlinge im Jahre 2016 ihre Ausbildung vorzeitig abgebrochen haben. Schlecht, aber immer noch weniger schlimm als die 29 % der Studenten, die ihr Studium an den deutschen Hochschulen abbrechen. Das zeigt, die jahrelange einseitige Propagierung des Studiums hat zu einem doppelten Desaster geführt. Unglaublich. Haben wir doch in dem Musterbildungsland Deutschland sowohl ein von den Unternehmern wie auch ein von den Gewerkschaften und ein vom Bundesarbeitsministerium unterhaltenes Forschungsinstitut, die sich alle drei mit den Entwicklungen und Erfordernissen des Arbeitsmarkts beschäftigen sollen.

 

Vor fünfzig Jahren feierte man den triumphalen Erfolg mit der Concorde, dem ersten überschallschnellen Verkehrsflugzeug. Schon bald darauf sah man in diesem Flieger eine Sackgassenentwicklung, vergleichbar dem Mammut in der Natur. Doch jetzt baut man in den USA im Auftrag der NASA einen Nachfolger. Als ob es für die Technik keine Sackgassen gäbe.

 

Sprachvergewaltigung. Arbeitgeber dürfen ihren Mitarbeitern nicht ohne weiteres Englisch als neue Betriebssprache vorschreiben. Zwar hat die Geschäftsführung generell das Direktionsrecht über die Sprache im Unternehmen, ein plötzlicher Wechsel in eine andere Sprache ist aber nur zulässig, wenn dies schon im Arbeitsvertrag steht. Falls der Arbeitsvertrag nichts dergleichen hergibt, kann der Arbeitgeber dennoch den Sprachwechsel vorschreiben, muss dann aber entsprechende Weiterbildungsmöglichkeiten zur Verfügung stellen.

 

Mein neuestes Buch ist jetzt auf dem Markt: „Die Sünderin. Wien 1683“. Dazu schreibt der Verlag: „Wie bei dem Autor Walter Laufenberg üblich, dient die Historie zur Spiegelung der aktuellen Verhältnisse: Der Zusammenprall von muslimischer und christlicher Welt, damals wie heute nicht bloß ein ‚Clash of Civilizations’, sondern die Zerreißprobe für zwei absolut gegensätzliche und in der Praxis schon stark abgenutzte Moralsysteme.“

 

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Integration

Ein Lieblingsschlagwort von Politikern im ersten Quartal des 21. Jahrhunderts. Wenn eine Regierung die Entwicklung von Parallelgesellschaften auf ihrem Staatsgebiet verhindern will, gibt sie für die Zugezogenen mit anderer kultureller Tradition die Parole I. aus. Dabei vertraut sie darauf, dass die Betroffenen nicht erkennen, dass I. das Aufgeben von tradiertem Verhalten und damit den Verzicht auf die eigene Kultur verlangt. Die I. kann also nur gelingen, wenn den Zugezogenen die eigene kulturelle Tradition völlig Wurscht ist. Alle Maßnahmen zur Förderung der fremden Kultur, und dazu zählen auch ein erleichterter Familiennachzug sowie Unterricht in der jeweiligen Muttersprache, sind deshalb für die gewünschte I. bloß hinderlich (vgl. Mogelpackung).

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Archaeopteryx

Der Urvogel, ein elstergroßes beflügeltes Wesen, sei ein nicht flugfähiger Vogel gewesen, so haben wir gelernt. Manche Forscher aber meinen, der Urvogel habe doch fliegen gekonnt. Warum ist das so wichtig? Ich meine, weil die flugunfähigen Vögel eine aussagekräftige Parabel auf uns Menschen darstellen. Der griechische Dichter Aristophanes (um 445-385 v.u.Z.) hat in seiner berühmten Komödie „Ornithes“ („Die Vögel“) Menschen gezeigt, die aus Überdruss auf Weltflucht waren und das Reich der Vögel gründeten. Als ein ideales Zwischenreich zwischen unserer Erde und dem Götterhimmel, weil die Vögel sowohl den Menschen als auch den Göttern überlegen sind. Die menschlichen Weltflüchtlinge wollten sogar führend sein in diesem Vogelreich. Wobei nur noch der Umstand lästig war, dass ihnen zunächst Flügel anmontiert werden mussten. Wie weit wir Menschen mit solchen angeschnallten Flügeln kommen, das machen sowohl der ausgestorbene Archaeopteryx als auch Aristhophanes – die beiden kannten sich übrigens nicht – uns peinlich deutlich (vgl. Ehrgeiz, Höhenflüge, Weltflucht).

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Versuchung

Eine V. lockt mit dem Schönen, Leckeren, Erregenden oder sonst irgendwie Angenehmen, das man so gerne hätte, auf das man aber aus irgendwelchen Gründen verzichten soll. Mit diesem Konflikt zu leben ist die Kunst. Die einen finden größten Genuss darin, der V. ausnahmsweise einmal nachzugeben, die anderen genießen es genauso stark, der V. einmal heldenhaft zu widerstehen. So oder so bringt die V. also immer Genuss. Deswegen wird sie in der christlich geprägten Kunst gern als Teufel dargestellt (vgl. Lebenskunst, Missgunst, Willkommen).

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776. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Nach jahrelangem Rückgang der Zahl der Hungernden auf der Welt ist für das Jahr 2017 erstmals wieder ein Anstieg um elf Millionen festgestellt worden. In 51 Ländern hungern 124 Millionen Menschen, vor allem wegen Krieg, Klimawandel, ungebremstem Bevölkerungswachstum, Handelsbarrieren und korrupten Politikern.

In meiner Tageszeitung erschien die Ankündigung der Katastrophe von morgen nur als eine kleine Randnotiz: Nach Ermittlungen einer amerikanischen Denkfabrik in den sechs Hauptherkunftsländern afrikanischer Flüchtlinge südlich der Sahara würde rund die Hälfte der Bevölkerung die Heimat verlassen, wenn sie die Möglichkeit dazu hätte. In Ghana und Tansania sogar rund drei Viertel. Die würden vor allem nach Europa kommen, doch die europäischen Politiker mit ihrem kurzsichtigen Vierjahresrhythmus wurschteln an Sekundärproblemen vor sich hin.

Amerika hat uns zu dem männlichen und weiblichen Geschlecht ein Dutzend weitere Geschlechter geschenkt. Jetzt kommt es konsequenterweise mit einer neuen Mode: Amerikanische Eltern geben ihren Kindern immer häufiger geschlechtsneutrale Namen. Zu den beliebtesten Unisex-Namen für Jungen und Mädchen zählen Charlie, Finley, Skyler, Justice, Royal, Lennon, Armani, Azariah, Oakley und Riley. Hunde- und Katzenhalter sollen mit ihren Protesten gegen den Namensraub chancenlos geblieben sein.

In der alten Streitfrage, wer die besseren Ergebnisse fürs Land bringt, der Staat oder die freie Wirtschaft, erleben wir jetzt mit der nach schwerer Geburt geschaffenen Großen Koalition prompt eine erste Entscheidung zugunsten Staat. Die Deutsche Bahn soll nicht mehr so deutlich als Wirtschaftsbetrieb geführt werden, sondern als Ruhekissen für verdiente Parteifunktionäre. Deshalb werden jetzt Abgeordnete und Beamte die Spitzenpositionen im Aufsichtsrat besetzen. Schon hat man vergessen, dass der gesamte Ostblock am behördenmäßigen Wirtschaften gescheitert ist. Dementia generalis.

Der Urvogel Archaeopteryx, ein elstergroßes beflügeltes Wesen, soll ein nicht flugfähiger Vogel gewesen sein, haben wir gelernt. Eine europäische Forschergruppe in Grenoble meint jetzt beweisen zu können, dass der Urvogel doch fliegen konnte. Warum ist das so wichtig? Ich meine, weil die flugunfähigen Vögel Parabeln auf uns Menschen darstellen. Der griechische Dichter Aristophanes (um 445-385 v.u.Z.) hat in seiner berühmten Komödie „Ornithes“ („Die Vögel“) Menschen gezeigt, die aus Überdruss auf Weltflucht waren und ein ideales Zwischenreich zwischen unserer Erde und dem Götterhimmel gründeten. Das Reich der Vögel. Weil die Vögel sowohl den Menschen als auch den Göttern überlegen sind. Die Weltflüchtlinge sollten sogar führend sein in diesem Vogelreich. Wobei nur noch der Umstand lästig war, dass ihnen zunächst Flügel anmontiert werden mussten. Wie weit wir Menschen mit solchen Flügeln kommen, sowohl der Archaeopteryx als auch Aristhophanes – die beiden kannten sich nicht – machen es uns peinlich deutlich.

Jede Schneeflocke sei ein wenig anders als alle anderen Schneeflocken, wird behauptet. Das ist also wie bei uns Menschen. Sowas muss man einfach glauben, so lange niemand den Gegenbeweis geliefert hat. Was bei den Schneeflocken aber noch viel schwieriger sein dürfte als bei uns Menschen, weil sie noch kurzlebiger sind als wir. Als ob diese Schwierigkeit genügen würde als Ausrede dafür, dass man einfach nicht nach der möglichen Ausnahme von dem Prinzip der Verschiedenheit sucht. Und als ob es ein vollkommener Ersatz für die unterlassene Suche wäre, wenn man sich gleich auf die Feststellung der Gemeinsamkeiten stürzt. Es gibt offenbar Phänomene, die man nur durch immer neues Betonen lebendig halten kann.

Ein großer deutscher Autoproduzent hat es vor wenigen Jahren fertiggebracht, den Erfinder des Automobils, Carl Benz, aus seinem Namen zu tilgen. Jetzt kommt die Firma uns mit Werbeanzeigen in einer Fremdsprache. So wird einem ein Traditionsunternehmen immer fremder. Aber zum Glück ist man ja nicht auf dessen Produkte angewiesen.

Kein Taschenbuch, keine Zeitung, kein Radio, nein, heute haben die Kinder und Jugendlichen nur noch ihre Handys in der Hand und glauben, damit etwas Wertvolles zu besitzen. Dabei ist klar, dass ihre Kinder über sie lachen werden, weil die Handy-Fummelei demnächst so schauerlich altmodisch aussieht. Deshalb sei einmal daran erinnert: Das Medium mit der längsten Haltbarkeit ist und bleibt das Buch. Alle anderen Medien sind schon nach wenigen Jahren oder Jahrzehnten so überholt, dass es keine Geräte mehr gibt, die sie zum Erlebnis werden lassen. Dagegen sind die Bücher, die vor 500 Jahren gedruckt wurden, heute noch lesbar. Deshalb gibt der Besitz von gedruckten Büchern mehr Renommee als der Besitz von Bändern, Platten, Scheiben, Kassetten und wie all das Zeugs sonst noch genannt wird, was demnächst nur noch Sondermüll ist.

In die Karwoche passend: Mein 2011 erschienener Island-Roman „Der gemalte Tod“ ist, was erst wenige entdeckt haben, viel mehr als nur ein historischer Krimi. Denn in Akureyri im hohen Norden Islands habe ich den Beleg dafür entdeckt, dass es Bestrebungen gegeben hat, eine weitere christliche Religion zu gründen, die Judas-Iskariot-Kirche. Weil für eine geheime Gesellschaft von überzeugten Christen der als Verräter beschimpfte Judas der wahre Heilsbringer war. Das Werkzeug Gottes, ohne das Jesus nicht der Erlöser geworden wäre. Ein Thema, das von den etablierten Religionsgemeinschaften totgeschwiegen wird. Mein halbdokumentarischer Island-Roman ist eine der ganz wenigen Enthüllungen dieses Geheimnisses.

Titelbild Der gemalte Tod

 

 

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Kollegen

K. ist die in Zuckerwatte verpackte Sonntagsausgabe des Begriffs Konkurrenten (vgl. Sozialisierung, Tarnung, Wettbewerb).

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Untergang

U. ist der Inbegriff des Negativen. Doch mit der vorgespannten Sonne finden wir ihn besonders schön (vgl. Relativität, Wertung).

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775. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Bundeskanzlerin Merkel hat bei der Auswahl der CDU-Minister Wert darauf gelegt, dass diese sämtlich jünger sind als sie. Sie hat betont, allein sie selbst sei über sechzig. Im alten Griechenland waren die Geronten, die Greise, zuständig für die Beratung des Königs und für das Recht, weil sie die Lebenserfahrung einbrachten. Erst in der jüngsten Vergangenheit hat eine – problematische – Umkehrung der Bedeutung der Altersgruppen stattgefunden. Nur eingerissen, weil die Jungen und Jüngsten in der Handhabung modernster Techniken den Alten soviel voraushaben, dass jeder nicht mehr junge Mensch alt aussieht. Die so schnell wechselnden Techniken machen die einen alt, die anderen aber nicht klug und weise und lebenserfahren.

 

Spiegel online brachte ein Video, in dem ein Tiger und eine Bärin an einer Wasserstelle in einem Kampf um Leben und Tod zu sehen waren. Toll, genau so ein Massenvergnügen wie im alten Rom, nur sitzt man zuhause bequemer als im Kolosseum.

 

Jetzt hörte ich von einem internationalen Verband der Exorzisten. Der klagt über Nachwuchsmangel. Dabei werde immer öfter um eine Teufelsaustreibung gebeten, aber immer weniger Priester seien dazu bereit. Teufel auch, das ist des Landes nicht der Brauch. Bedeutet das doch, dass die Priester ihr Gerede über den Teufel so überzeugend unters Volk gebracht haben, dass immer mehr meiner Zeitgenossen an den Satan glauben, also zurück ins Mittelalter flüchten, während viele Priester schon darüber hinweg und in der Antike angekommen sind, wo es um verteufelt schöne Knaben ging.

 

Schauspieler galten viele Jahrhunderte lang neben Henkern und Abdeckern und Prostituierten als Menschen zweiter Klasse, mit denen man nicht verkehrte. Heute ist alles verkehrt: Wir Nichtschauspieler sind Menschen zweiter Klasse gegenüber den Schauspielern, von denen jede Äußerung, und sei sie noch so dumm, prompt in den Medien erscheint. Und man hievt die Mimen in die höchsten Ämter. Sie können ja jede Rolle spielen, die des Philosophen so gut wie die des Staatspräsidenten, – aber eben nur spielen.

 

Vor Jahren habe ich mich über die noch sehr naturverbundenen Isländer gewundert, weil die so gut wie nie die Nase schnäuzen. Und mich wundert schon lange, dass ich in Apotheken bei jedem Kauf ein Päckchen Papiertaschentücher geschenkt bekomme. Erst allmählich bin ich dahinter gekommen, dass es falsch ist, nach jedem Niesen oder auch sonst, wenn die Nase voller Wasser ist, sie sofort trocken zu machen. Der Körper macht sie ja nicht aus Jux nass. Als ich dann irgendwo den Begriff Kampfwasser las, verstand ich, dass man die Nase möglichst lange nass lassen sollte, damit das Wasser die Keime auf den Schleimhäuten töten kann. Damit erspart man sich die wochenlangen Moläste einer Erkältung.

 

Nicht zu übersehen: In immer mehr Ländern schaffen es Politiker, sich zu Quasi-Alleinherrschern aufzubauen. Ob man auf die USA sieht, auf Russland oder auf China, auf Venezuela, die Türkei, die Philippinen oder Ungarn, von etlichen afrikanischen Staaten ganz abgesehen. Das uns heilige Prinzip der Demokratie wird mehr oder weniger ausgehöhlt und bleibt als bloße Fassade stehen. Nicht zu übersehen ist auch, dass dieser Vorgang weltweit parallel läuft mit der Entwicklung von informationstechnisch immer raffinierteren Systemen der Profil- und Meinungsforschung sowie der klammheimlichen  Massenmanipulation und Desinformation. Im Zangengriff dieser beiden Entartungen – Alleinherrschaft und Manipulation – steckt die Demokratie in ihrer wohl schwersten Krise.

 

Alte Kultur-Institute von Rang kämpfen ums Überleben. Nicht alle sind so gut dran wie die Augsburger Puppenkiste, die kürzlich ihr 70-jähriges Bestehen feiern konnte und mit jährlich rund 420 Aufführungen ein schönes Ergebnis aufweisen kann. Das Millowitsch-Theater in Köln muss – auch weil ein Nachfolger für den legendären Willy Millowitsch fehlt – nach der letzten Vorstellung am 25. März schließen. Nach 81 Jahren. Der Deutsche Kulturrat setzt solche von der Schließung bedrohte Objekte auf eine „Rote Liste“. Auf der stehen schon die Gemeindebücherei Leseinsel Waldbronn und das Luna-Filmtheater Metzingen. Also nix wie hin!

 

Zahlen hinterlassen wir wie Kaninchen Küttel. Unsere Zustimmung wird gezählt mit Likes oder Followers, unsere Zugriffe und Besuche addieren sich als Hits und Visits. Wenn wir fernsehen, machen wir Quote, mit jedem Einkauf verändern wir den Zufriedenheitsquotienten. Und immer noch treiben wir mit der Liebe den Vermehrungsindex hoch. Was wir auch tun oder lassen, wir sind der Prozentsatz von etwas, an das wir dabei nicht gedacht haben. Und dass wir dabei sind, mit der totalen Digitalisierung das letzte Quäntchen Freiheit zu verlieren, daran zu denken haben wir überm permanenten Kütteln keine Zeit.

 

Mein Buch zum Internationalen Frauentag am 8. März: „Die Sünderin. Wien 1683“. Jetzt hörte ich von einer Leserin, dass sie das Buch nach sechs Seiten wütend zugeschlagen und weggelegt hat. Verständlich. Denn eine so mitfühlende Schilderung von frommer Selbstpeinigung, die sich in religiöse Ekstase hineinsteigert, hat man noch nicht gelesen. Und derartig unkontrollierte Verzückung ist immer peinlich. Schade nur, dass diese Leserin so nicht mitbekommt, dass es sich dabei um die uralte Judith-Geschichte aus der Bibel handelt, in der die weibliche Hingabebereitschaft über die Brutalität der Männerwelt siegt. Ich lese daraus auf der Leipziger Buchmesse am Freitag, dem 16. März, 14.00 bis 14.30 Uhr in Halle 4, B 600 (Literaturcafé).

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Moral

Dass die Tiere jenseits von gut und böse sind, das haben wir inzwischen kapiert. Prozesse gegen Tiere sind finsterstes Mittelalter. Aber dass wir Menschen nicht anders sind als die Tiere, weder gut noch böse, nur einfallsreicher, das ist offenbar schwer zu verstehen. Dabei geht es dem Tier genau wie dem Menschen nur um sein Ich. Das ist dem Tier und uns das Wichtigste. Bei den Tieren stehen an Durchgangsinteressen, die dem Ich dienen, Hunger und Durst, Geschlechtstrieb und Revierbehauptung oder Platz in der Rangordnung im Vordergrund des Verhaltens, bei uns Menschen geht es zusätzlich vordergründig um Reichtum und Macht und Nachruhm. Wie Tier und wir es im Einzelfall schaffen, mit der Verfolgung dieser Durchgangsinteressen etwas für das Ich zu tun, ist keine Frage der Moral, sondern bloß eine Sache der Geschicklichkeit oder Dummheit. Dabei ist die herrschende Moral, also das einer Gesellschaft übergestülpte Ordnungssystem, mit dem das Zusammenleben erleichtert wird, als – meist lästiger – zusätzlicher Umstand mit zu berücksichtigen. Kein Problem, solange es in einer Gesellschaft eine einheitliche Moralvorstellung gibt, egal ob gelebt oder nicht. Erst wenn durch ungewöhnlich große Bevölkerungsverschiebungen, die ganze Kulturräume übergreifen, total unterschiedliche Moralsysteme in einer Gesellschaft aufeinanderprallen, werden menschliche Taten abstrus und Strafprozesse den mittelalterlichen Tierprozessen ähnlich (vgl. Blutrache, Ehrenmord).

 

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Literaturkritik

Die deutsche Sprache ist auch für Wunder gut: Selbst mit den dämlichsten Stellungnahmen zu dem Buch eines Meisters der Literatur kann sich jeder – simsalabim – zum Meisterkritiker machen (vgl. Tollkühnheit).

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Karneval

Die tollen Tage von wild ausgelebter Unordnung und Freizügigkeit stammen noch aus der Zeit, da den Untertanen von Bischof und Landesvater nur ausnahmsweise Freiheiten erlaubt waren, auf einige Kalendertage beschränkt und als Ventil gedacht, zum Heißluftablassen, um die Gefahr von Unruhen zu verringern. Heute eigentlich überflüssig, weil wir uns jederzeit alles erlauben können (vgl. Freiheit, Fröhlichkeit).

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Anthropomorphismus

A. geht so: Schneeflocken sind genau wie Menschen Stück für Stück einmalig. Und genauso rücksichtslos. Und auch so schnell weg, was manch einer bedauert, andere erfreut. Wenn ich exakt dasselbe andersherum schreiben würde, wäre es kein A. mehr, sondern völlig beliebig und bekannt: Menschen sind genau wie Schneeflocken Stück für Stück … (vgl. Sprache).

 

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Lebensverkürzung

Der ernsthafte Lebenskünstler sagt sich: Jeder Tag, an dem ich mir nicht die Zeit nehme, auch einmal daran zu denken, wie spätere Generationen sich an mich erinnern und mich verehren, ist ein verlorener Tag (vgl. Bewusstsein, Ich, Lebensverlängerung, Nachruhm).

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Lebensverlängerung

Der ernsthafte Lebenskünstler sagt sich: Jeder Tag, an dem ich mir die Zeit nehme, auch einmal daran zu denken, wie spätere Generationen sich an mich erinnern und mich verehren, ist ein gewonnener Tag (vgl. Bewusstsein, Ich, Lebensverkürzung, Nachruhm).

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Rechtsintellektuelle

Im 21. Jahrhundert sich entwickelnde Spezies des Intellektuellen, weil sich in der Medienlandschaft nach dem weltweiten Scheitern linker Theorien und Staaten vermehrt Gelegenheiten bieten für die Äußerung konservativer bzw. rechter Gedanken (vgl. Linksintellektuelle).

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Popanz

P. ist eine abwertende Bezeichnung, die wie Politiker mit Po anfängt, dem Softy-Wort für Arsch (vgl. Politiker).

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Zeitnot

Der Mensch ist das einzige Lebewesen, das manchmal keine Zeit hat, also in Z. gerät. Doch wird dieser Nachteil mehr als ausgeglichen, wenn er sich klarmacht, dass er auch das einzige Lebewesen ist, das Zeit hat, also frei über seine Zeit verfügen kann. Aber wann schafft man das mal (vgl. Bewusstsein, Denken).

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Unsterblichkeit

Illustration: Guntram Erbe, Hilpoltstein

Illustration: Guntram Erbe, Hilpoltstein

Die Forscher, die uns U. attestieren, weil wir an unsere Nachkommen kleinste Elemente unseres Körpers weitergeben, die in der Kette der Abkömmlinge erhalten bleiben, überschätzen unsere Bescheidenheit bzw. unterschätzen unser gigantisches Ich-Bedürfnis. Wir gieren nach viel mehr, nämlich nach der individuellen U., und die ist an den Namen geknüpft, und zwar so innig, dass das jeweilige Ich nicht bloß einen Namen hat, sondern der Name das ganze Ich repräsentiert (vgl. Grundstreben, Name, Ich).

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Singlesein

Das S. ist die gesündere Alternative zu jeder Form von Partnerschaft, weil ein Single kein Rülpsen und kein Furzen unterdrücken muss (vgl. Kultivierung, Luther, Natürlichkeit, Rücksicht).

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Nacht

Die N. ist nicht nur die Schwester des Tages, sie ist der schwarze Fächer, mit dem die müde Sonne den Tag und alle Alltäglichkeiten wegwischt. Damit wir Schlaf tanken, unseren Kraftstoff für den nächsten Tag. Wir aber opponieren mit Kunstlicht, von je her ein Behelf, zudem eine Beleidigung für die Kunst (vgl. Kunst, Natürlichkeit).

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Sprachkolonisierung

S. ist die neue Form der Kolonisierung. Unter dem Vorwand einer unvermeidbaren Globalisierung werden kleinere Länder mit einer wenig verbreiteten eigenen Sprache gezwungen, die angebliche Welthilfssprache Englisch neben ihrer Sprache einzuführen, zu fördern oder zu dulden. So Island, Malta, Griechenland und viele andere, wohl auch Israel. Die von den sprachservilen Deutschen bis heute nicht gesehene Gefahr ist, dass sogar Deutschland allmählich auf das Niveau einer Angelsachsen-Kolonie absinkt (vgl. Anglizismen, Fremdsprache, Welthilfssprache).

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Spaßfrau

Es war schon immer so: Mancher Mann sieht sich erst rundum versorgt, wenn er neben seiner Ehefrau auch eine S. hat. Eine Nutte, Sklavin, Hausangestellte, Untergebene oder Mätresse, mit der er all das machen kann, wozu es ihn unwiderstehlich drängt, was er sich aber mit seiner Ehefrau nicht erlauben kann (vgl. Hedonismus, Hochachtung, Sex).

 

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Penis

Die wissenschaftlich neutrale Bezeichnung für die von Mutter Natur dem männlichen Körper angehängte Kurz-Geißel, von der nicht klar ist, wer damit malträtiert werden soll,  der Mann selbst oder Frauen (vgl. Penisneid, Vergewaltigung, Zeugungsfähigkeit).

 

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Trotz allem auf nach Israel! (2017)

 

Schon im Frankfurter Flughafen wird eindrucksvoll unterstrichen, dass es ins Heilige Land geht: Polizisten mit Maschinenpistolen am Check-In von El Al, dann auch noch in dem völlig abgelegenen Warteraum. Und neben dem Flieger ein gepanzertes Polizeifahrzeug. Dafür muss man Verständnis aufbringen. Ist doch alles, was als heilig gilt, selbstverständlich Streitobjekt, weil das Heilige, egal um welches es gerade geht, keine Konkurrenz durch Andersheiliges dulden kann. Ist es doch stets allein selig machend. Das macht weltweit die Friedhöfe groß, wenn auch die Erde nicht friedlich.

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Kommunikation

K. ist ein menschliches Urbedürfnis, das sich mündlich, schriftlich und nonverbal austobt. Es hat heute mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass wir beinahe ständig unter der Dusche von Presse, Funk, Fernsehen und Internet stehen, die die traditionellen Funktionen Tratschen, Plaudern, Berichten, Informieren, Erzählen und Ratgeben an sich gerissen haben. Immer mehr Menschen machen den Notausstieg, indem sie sich jede freie Minute mit ihrem Smartphone beschäftigen, was ihnen zumindest das Gefühl von individueller K. gibt. Ihren Mitmenschen können sie mit ihrer Telefonbegeisterung ganz schön auf die Nerven gehen. Wer mit einer schriftlichen Äußerung auf das Trittbrett der diversen Foren springt, ist meistens nicht ernst zu nehmen, weil er bei diesem ungelenken Sprung wie ein Analphabet wirkt. Er sollte sich besser sein Geschreibsel verkneifen und nur noch nonverbal kommunizieren, am besten mit Bildern, Filmen, Smileys und Emojis. Die stören weniger. Generell gilt die Kommunikationsregel Nr. 1: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Daneben bietet die Kommunikationswissenschaft zahlreiche weitere, oft tückische Regeln an, beispielsweise für Verführung, für Vernehmung oder für Gehirnwäsche (vgl. Journaille, Mitteilungsbedürfnis).

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