Archiv des Autors: Laufenberg

Sprichwörter

S. sind materialisierte Erfahrungen und Gedanken von unbekannten Altvorderen, die man deshalb dem Volksmund zuschreibt. Das unterscheidet sie von den Geflügelten Worten, die Zitate aus bekannten Werken sind. Die einen wie die anderen sind vielseitig einsetzbar und werden sehr gern eingesetzt, weil sie ohne eigene Erfahrung und Denkleistung schon dadurch überzeugend wirken, dass sie bekannt sind. Dass sich S. auch widersprechen können – Gleich und Gleich gesellt sich gern – Gegensätze ziehen sich an –, wird großzügig verziehen, denn auch für den Volksmund gilt: Irren ist menschlich (vgl. Rhetorik, Sprache, Spruchbeuel).

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Jugend

Wer seiner oder seinem Geliebten die viel bewunderte J. und Attraktivität auf ewig erhalten will, braucht sie oder ihn nur rechtzeitig zu verlassen – auf Nimmerwiedersehen. Nebeneffekt: Das macht auch die eigene Attraktivität ewig (vgl. Jugendlichkeit, Relativität).

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754. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Die Geburtenziffer in Deutschland ist auf 1,5 Kinder je Frau im gebärfähigen Alter angestiegen. Das ist der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. So die Erfolgsmeldung in der Zeitung. Das scheint mir ein typischer Fall von irreführender Meldung zu sein, weil das Eine nichts mit dem Anderen zu tun hat. Richtig hätte es wohl heißen müssen: Das ist der höchste Wert seit Beginn der Masseneinwanderung nach Deutschland.

Cannes ist Film, so heißt es voller Stolz. Und das stimmt sogar mehr als erwünscht. Während des diesjährigen Filmfestivals von Cannes lieferten rund 500 Überwachungskameras die bisher größte Auswahl an spannenden Filmen der Spezies Aktual Reality, die allerdings sämtlich außer Konkurrenz liefen, nur für einen nach strengen Maßstäben ausgesuchten Zuschauerkreis zugänglich, was ihren besonders hoch anzusetzenden Wert jedoch nicht minderte.

Geistig sind wir längst in der Gartenlaubenromantik des neuen Biedermeier angekommen. Jetzt schwappt aus den USA zur aktuellen Mode das passende Utensil zu uns herüber: Als Rückzugsräume der Frau zum Lesen, Kunsthandwerkeln oder Handarbeiten gepriesen, warten fertige Gartenhäuschen in den Baumärkten auf Käuferinnen.

Nicht nur bei uns und in Österreich machen Funktionäre der Wissenschaften und ihrer Institutionen eifrig in Verdrängung der deutschen Sprache zugunsten des Englischen. Immer mehr Vorlesungsreihen nur noch in Englisch, ohne Rücksicht auf Kultur, Tradition und bessere Verständlichkeit. In Italien musste jetzt sogar das Verfassungsgericht mit einer Entscheidung eingreifen, die dazu verpflichtet, bei Lehrveranstaltungen den Vorrang des Italienischen zu respektieren. Wir sollten das den Italienern abgucken!

Börse ist ein Platz zum Geschäftemachen. Genau so hat der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, seinen Job aufgefasst und für schlechte Arbeit viel gutes Geld eingesackt. Mit Super-Honoraren für all seine Rechts- und Kommunikationsberater hat er viele weitere Millionen Euro in den Sand gesetzt. Das ist das Tröstliche an der Börse: Man kann noch so viel falsch machen, irgendwem kommt das doch zugute.

Vor 65 Jahren hatten wir zuhause noch kein Telefon. Viel zu teuer. Jetzt haben wir neben dem Festnetzanschluss ein Smarty und zwei Handys, die aber so gut wie nie an sind. Was weniger eine Sache der Einsicht ist, muss ich zugeben, als die Macht der Gewohnheit – und das Bedürfnis nach Ruhe zum Denken.

Im Fernsehen „Terra X“ gesehen und den Hinweis gelassen hingenommen, dass alles aus den wenigen chemischen Elementen besteht, die es gibt. Die uns umgebende Natur genauso, wie wir selbst und unsere Erde mit ihren Meeren und ihrer Lufthülle. Doch dann hieß es, dass die Wissenschaften mit allen Kräften auf der Suche nach dem Übergang von unbelebter Materie zu Leben seien. Da fiel mir die Zen-Philosophie ein, die sich darüber lustig macht, wie das westliche Denken, anders als das östliche Denken, immer in der Alternativvorstellung stecken bleibt. Bei uns ist alles entweder so oder das Gegenteil, weil wir alles aus seinem Gegenteil heraus definieren. Das ist simpel, aber bisher erfolgreich. Da liegt die Frage nahe: Ist unbelebt und belebt vielleicht so eine Alternative, die uns in die Irre führt? Beim Gegensatzpaar Mann und Frau sind wir schon ins Schwimmen geraten. Bei dem Gegensatzpaar Mensch und Tier wollen wir lieber weghören. Die Fernsehsendung lässt mich nun fragen: Ist der Vulkan und ist der Fluss, ist das Meer und ist der Wolkenhimmel wirklich nur unbelebte Materie? Sind das nicht Konglomerate von Elementen, die miteinander und gegeneinander arbeiten und deshalb genauso als Leben bezeichnet werden können, wie der Mensch als ein bloßes Konglomerat von Elementen gesehen werden kann, weil er der Steuerung durch das Miteinander und Gegeneinander der in ihm enthaltenen Elemente unterworfen ist? Das hieße dann, dass wir durch den Verzicht auf unser simples westliches Alternativdenken die angeblich so dringliche Frage nach dem Übergang von Unbelebtem zu Belebtem als unsinnig abtun könnten. Dummerweise wären wir damit aber auf die Alternative von westlichem und östlichem Denken hereingefallen.

In Moskau war ich beim Einstieg in die Aeroflot-Maschine nach Frankfurt stolz darauf, dass ich den in kyrillischen Zeichen geschriebenen Namen des Flugzeugs, der am Airbus-Rumpf stand, lesen konnte und dass es sich dabei um einen Schriftsteller handelte, nämlich um den 1968 im Alter von 76 Jahren in seiner Heimatstadt Moskau gestorbenen Konstantin Paustowskij. Auf dem Drei-Stunden-Flug hatte ich dann Zeit genug, mich von der Information beeindrucken zu lassen, dass Aeroflot 157 Maschinen besitzt, kleinere von der russischen Firma Sukhoi sowie größere von zwei verschiedenen Typen Boeing und von vier verschiedenen Typen Airbus. Doch daheim war ich noch am übernächsten Tag halbtaub, weil der Druckausgleich in der Airbus-Kabine defekt war, wogegen auch eifriges Schlucken nichts genützt hatte. Ach, so ist das, verstand ich. Nicht ohne Folgen schreibt man den Namen eines Dichters an ein Flugzeug. Der Mann, der es wie kein zweiter geschafft hat, die Stille beredt werden zu lassen, hat es still werden lassen um seine Fluggäste. Damit wir umso intensiver nach innen lauschen. Das hier als Hinweis auf die Impressionen der Russlandreise, von der ich vor zwei Wochen heimgekehrt bin. Die sind jetzt zusammen mit einigen Fotos im NETZINE zu finden, in der Rubrik Vermischtes unter Reisebilder.

 

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Auf nach Russland! (2017)

 

Jeder, ja, ausnahmslos jeder sieht sich im Mittelpunkt der Welt. Schon deshalb ist die Herumreiserei, der wir uns so gern hingeben, sinnvoll. Sie lässt uns aus dem Mittelpunkt rutschen. Weil wir damit zurechtkommen müssen, dass unsere Nationalität ein bloßer Zufall ist, genau wie unsere Sprache und unsere Religion und unser Beruf, unser Geschlecht, unser Alter und unsere Größe sowie Hautfarbe. Gibt es erstaunlicherweise alles auch ganz anders und doch genauso menschlich. Deshalb gibt es so viele Mittelpunkte der Welt, wie es Menschen gibt.

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753. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Es ist generell verboten, so ließ ich mich belehren, in Deutschland Saatgut einzuführen. Das wusste offenbar nicht einmal unsere Bundeskanzlerin, sonst hätte sie nicht zugelassen, dass Hunderttausende von gesunden, jungen Männern aus fernen Kulturen ohne jede Kontrolle in Deutschland einwanderten.

Zeitungsüberschriften: Junge Frauen umzingelt und dabei begrapscht und beraubt, Radlerin vergewaltigt und dann ertränkt, Frau mit brennbarer Flüssigkeit übergossen und angezündet, Joggerin vergewaltigt und ermordet, Greisin auf Friedhof vergewaltigt, junge Frau U-Bahn-Treppe hinunter getreten, Frau am Auto angebunden und durch die Straßen geschleift. Es wird für mich als Zeitungsleser allmählich schwierig, die Fälle auseinander zu halten. Jedenfalls bin ich froh, in unserem neuen Deutschland keine Frau zu sein.

Der neue Bürgermeister von Rio de Janeiro hat sich einen genialen Trick einfallen lassen, mit dem er den vielen Opfern von Überfällen, die dort alltäglich geschehen, eine Entschädigung zahlen kann: Er will eine Sondersteuer auf die Flugtickes aller Touristen erheben, die in Rio landen. Ein kluger Schachzug, der erfolgversprechend ist. Zwar kommen umso weniger Ticketsteuern ein, je mehr Touristen man mit der neuen staatlichen Räuberei davon abhält, nach Rio zu fliegen, aber umso weniger potentielle Opfer finden die privaten Räuber und Mörder Rios. Also braucht man demnächst auch nicht mehr so viel an Entschädigungen zu zahlen.

Jetzt hat die CDU beschlossen, dass ins Grundgesetz die Feststellung aufgenommen werden soll: „Die Sprache der Bundesrepublik Deutschland ist Deutsch.“ Da fällt mir ein, dass Historiker schon immer aus den Verboten und Geboten früherer Kulturen die Folgerung ziehen: Je kräftiger der Gesetzgeber in einer Sache seinen Willen kundtat, umso mehr darf man das Gewollte als schon nicht mehr vorhanden unterstellen.

Jahrhunderte lang hieß die Uhr schlicht Uhr. Erst als sie von der Digitaluhr aus der Alleinherrschaft gedrängt wurde, bekam sie den Namen Analoguhr, womit sie nur noch etwas Entsprechendes, etwas Ähnliches ist. Das lässt mich ahnen, was wir Menschen sein werden, wenn wir so weitermachen mit der Digitalisierung. Werden wir demnächst nur noch Analog-Menschen sein?

Immer mehr Aussterbende. Akute Gefahr besteht für die Fahrkarte und die Bordkarte, weil man sie selbst im Internet herunterladen und dann ausdrucken kann. Dann sind sie nur noch Fahrschein und Bordschein. So bei den modernen Bürgern, die allerdings so up to date sind, dass sie schon nur noch von Ticket und Boarding Pass sprechen. Was sie trotzdem alt aussehen lässt, weil die Allermodernsten alles nur noch auf dem Smarty haben.

Jetzt spricht man schon von einem SUV-Boom. Der soll verantwortlich sein für die schlechte Luft in unseren Städten. Dabei wird übersehen, dass die meisten SUV-Käufer sich für so einen Boliden entscheiden mussten, weil die Autohersteller die PKW immer flacher bauen, und das bei stets steigender Körpergröße der Menschen, die auch noch durch wachsenden Körperumfang immer mehr Schwierigkeiten beim Ein- und Aussteigen haben. Also sitzen die Verantwortlichen nicht in den SUV, sondern in den Firmenvorständen.

Dein Wagen ist ein Automobil, das heißt: etwas Selbstbewegtes. Mit der totalen Digitalisierung, an der die Autohersteller so eifrig arbeiten, wird das Selbstbewegte demnächst zum Selbststeuernden, weil es dann selbständig die Bewegung und ihre Geschwindigkeit in jeder Richtung machen kann, alles dem von dir eingegebenen Wunschziel entsprechend. Aber erst wenn dein Wagen dir eines Tages auch noch die Zielvorgabe abnimmt und selbst bestimmt, wohin die Reise geht, ist dein Wagen wirklich ein Auto, das heißt ein Selbst – und du solltest dich besser nicht mehr hineinsetzen.

Bei der Präsidentenwahl in den USA wurden viele Nebenentscheidungen getroffen. So die Freigabe von Marihuana/Haschisch in einer Reihe von Bundesstaaten. Was ich schon vor 45 Jahren in meinem Sachbuch über die Drogen, „Rauschgift, der stille Aufstand“, geschrieben habe, nämlich, dass Haschisch/Marihuana nur versehentlich auf die Verbotsliste für Rauschgifte geraten ist, es wird allmählich verstanden. Ein schönes Beispiel dafür, wie lange Einsicht braucht.

 

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752. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Jeden Morgen in der Zeitung soundso viele Tote bei Anschlägen und Kämpfen. Jeden Abend: Ein bis drei Krimis im Fernsehen und danach einer im Bett zum Einschlafen. Gleichzeitig haben Muckibuden gewaltigen Zulauf, und in immer mehr Friseurläden wird das Kindergeld in Kid’s Styling investiert. Die Gesellschaft, der ich angehöre, zeigt: Das Wörtchen modern kann man so und so betonen.

Für die UNESCO gehört das Bairische schon seit Jahren zu den bedrohten Sprachen. Als jetzt der Renommierclub Bayern München in einem europäischen Fußball-Wettbewerb scheiterte, kam prompt die Vermutung auf, das liege an der Schwäche des Bairischen. Es soll ja in dem Verein den einen oder anderen Spieler geben, für den dieser Dialekt Mutterlaut ist.

Martin Luther in aller Munde. Man kann ihn negativ sehen, als einen Spalter, wie er in jeder Glaubensgemeinschaft und in jeder Partei auftritt, oder als Aufwiegler und Feind der Not leidenden Bauern oder als Antisemiten. Wie es Euch gefällt oder nicht gefällt. Aber ein Titel gebührt ihm ohne Zweifel: Er ist neben den Gebrüdern Grimm einer der bedeutendsten Paten der deutschen Sprache. Hier nur ein paar der vielen neuen Begriffe, die er geschaffen hat: Lückenbüßer, Feuereifer, Lästermaul, Morgenland, Langmut, Beruf, Denkzettel, Wissensdurst, Machtwort, Herzenslust, Lügenmaul, Gewissensbisse.

Vor zweihundert Jahren wurde Theodor Storm geboren. Er war elf Semester lang Student mit schmalem Geldbeutel, wurde dann Anwalt mit geringen Einnahmen, war danach anderthalb Jahre lang Gerichtsassessor ohne Bezahlung, anschließend Kreisrichter mit Mini-Gehalt. Als er in seiner Heimatstadt Husum endlich zum ordentlich bezahlten Landvogt gewählt wurde, war er schon ein Endvierziger, und seine Frau Constance starb bei der Geburt des siebten Kindes. Da ist es nicht verwunderlich, dass der Mann sich zeitlebens die Knochen krumm geschrieben hat, um ein wenig Nebeneinnahmen zu haben, und dass er sich dabei mit seinen Unmengen an Gedichten und Novellen unsterblich gemacht hat.

Immer wieder diese Irritation, wenn ich am Rheinufer stehe und mir klarmachen muss, dass da ein Schiff nach Norden hinab fährt, ein anderes nach Süden hinauf. Weil in meinem Kopf die alte große Schultafel festsitzt, mit dem Süden unten und dem Norden oben.

Für die virtuelle Realität (Virtual Reality), d. h. für dieses Brikettbrillen-Erlebnis spricht nach Meinung der Vermarkter die hohe Intensität der Immersion, womit der Grad der Versenkung in das Gesehene gemeint ist. Nichts Neues, meine ich. Schon die Tatsache, dass der Roman mit seinen „bloß“ erfundenen Geschichten das Sachbuch mit seinen handfesten Informationen in der Lesergunst auf dem zweiten Platz verhungern lässt, zeigt doch, wie sehr wir die Intensität der Versenkung lieben. Denn darin ist der Roman mit seiner spannenden und seelenvollen Handlung unschlagbar.

Der Meeresspiegel ist in den letzten zwanzig Jahren viel stärker angestiegen als berechnet und vorausgesagt. Das heißt, dass eine neue Art von Bootsflüchtlingen auf uns zukommt. Menschen auf der Flucht vor dem Wasser. Die Regierung der Malediven soll schon viel Land auf Sri Lanka aufgekauft haben, um eines Tages mit ihrem umfangreichen Personal dorthin umsiedeln zu können.

Watch your time. Mit diesem Titel kommt eine 72-Seiten-Beilage im Großformat auf Hochglanzpapier daher. Im April des Jahres 2017 gleichzeitig von fünf der größten Tageszeitungen in Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien den Lesern auf den Tisch geworfen. Ein Prunkheft, das für Armbanduhren wirbt, mit ganz- und doppelseitigen Anzeigen und sehr wenig Fülltext. Dass nur auf einer Handvoll der opulenten Bilder eine Uhr am Handgelenk zu sehen ist, wo sie auch noch störend wirkt, ist nicht verwunderlich. Wir leben im Zeitalter des Handys, dem der moderne Mensch die exakte Uhrzeit abliest. Doch für mich als Schriftsteller ist der Titel Watch your time eine ultimative Aufforderung zum genaueren Hinsehen. Also lese ich bereitwillig, was mir in den Werbetexten von „charakterstarken Kreationen“ vorgeschwärmt wird, von der Uhr, die „Zeitgeschichte erzählt“, von einer anderen, die „Geheimnisse des Universums entschlüsseln“ soll. Wieder eine andere Uhr ist „für die Ewigkeit“, was mir immerhin angenehmer ist als die Uhr, die „die letzten sechzig Minuten versüßen“ soll. Was für eine schauerliche Nebenfunktion für eine Uhr. Aber dann erfahre ich: Bei der Uhrenproduktion geht es um „poetische Komplikationen“ und um eine „geheimnisvolle Alchemie“. So entstehen bei der „Eroberung der Handgelenke“ sogar „zeitlose Objekte“. Solche Selbstüberwindung imponiert mir. In diese Kategorie von selbstlosen Uhren für die „Epoche der Zukunft“ gehört wohl auch der Zeitmesser, der als „ein wahrhaft einzigartiges Statement, das die Zeit überdauert“ bezeichnet wird. Er konkurriert im Jenseits der Uhrenproduktion mit der Uhr für „die Zeit, zeitlos“. Doch schaue ich mir lieber die Uhr an, die „der ultimative Ausdruck von Kreativität und Schönheit“ sein soll. Oder die Uhr, die als „pastorale Hymne“ auftritt, in Konkurrenz zu einem „magischen Geschöpf“ und einem „poetischen Automaten“. So werde ich ein total verwirrter Augenzeuge der „Geburt einer Legende“, verstehe aber endlich: „So tickt die Branche“ der Uhrenproduzenten, – nämlich nicht ganz richtig.

Mein Buch „Hohe Zeit“, mit dem ich ein Beispiel für radikale Authentizität und Wahrhaftigkeit gebe, hat so eingeschlagen, dass ich wegen der geschilderten erotischen Abenteuer – eine Frau nach der anderen – zugeschüttet werde mit e-Mails, Briefen und Anrufen von Leserinnen und Lesern. Dabei werde ich entweder voller Entrüstung als Wüstling beschimpft und als moderner Casanova in die Ecke gestellt, wo ich mich schämen soll. Oder ich werde himmelhoch gepriesen als der Frauenflüsterer, der Verständnis zeigt für das schwache Geschlecht. Von manchen Lesern werde ich als literarisches Genie gefeiert, das endlich etwas auf den Markt gebracht hat, das man mit Begeisterung liest. Da heißt es: Sie hätten einen renommierten Literaturpreis verdient. Ein anderer schreibt: So ein gerissener Verführer sollte nur genießen und schweigen. Doch eine Zeitung stellt fest, dass der Autor sich auch selbst ganz schön durch den Kakao zieht. Alles wahr und richtig, aber all das kann ich doch nicht in der Rubrik Leser-Reaktionen hier im NETZINE veröffentlichen. Weil das eine so peinlich ist wie das andere. Ich muss wohl abwarten, bis sich irgendwann die Aufregung gelegt hat und nüchtern festgestellt werden kann, dass dieses Buch eigentlich ein tolles Leseerlebnis ist.

Hohe Zeit Cover

 

 

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Revolution

R., das Gegenteil von Evolution oder Reform, ist sowas wie ein Baiser. Für die einen, nämlich die Revoluzzer, der Inbegriff des Genusses, für alle anderen nur eine Luftnummer, also etwas Aufgeschäumtes, das keinen Menschen satt macht, ausgenommen die Führer der Revoluzzer, die nicht von ihren Kampfgenossen umgebracht wurdcn  (vgl. Spruchbeutel, Verführung).

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Freunde

F. sehen einander ins Gesicht, so offen füreinander sind sie. Wobei ihre Rücken, hinter denen sich die natürliche Rivalität verbirgt, in verschiedene Richtungen zeigen. Je mehr sie ein Gefühl für diese unvermeidliche Divergenz haben, umso mehr müssen sie ihr Einigsein betonen. Ein Übertünchen wie in der Werbung, wo die negative Eigenschaft eines Produkts stets als ein besonderer Vorzug dargestellt werden muss (vgl. Ehrlichkeit, Freundschaft, Missgunst, Neid, Rivalität).

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Österreicher

Ö. sind Lebenskünstler, und ganz gerissene. Erst kultivierten sie die Heiratspolitik als Ersatz für die noch anstrengendere Eroberungspolitik. Dann machten sie einem kleinbürgerlichen Problematiker das Leben so schwer, dass er abhaute und sich zum Deutschen machen ließ. Und nachdem der Flüchtling eine Weltkatastrophe veranstaltet hatte, gaben sie sich auch noch als seine Opfer aus. Doch damit nur ja kein Neid auf ihre überlegene Lebensart aufkommt, garnieren sie alles Schöne mit einer speziellen Art der ironischen Distanzierung, was sie Schmäh nennen und schön finden (vgl. Amerikaner, Deutscher, Schweizer, Verallgemeinerung).

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Bernd Schroeder: Warten auf Goebbels

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Morgenstern, Christian

Der Lyriker, Aphoristiker und Übersetzer (1871-1914), der scheinbar das Glück hatte,    Scan0052exakt die Friedensjahre zwischen dem Deutsch-Französischen Krieg und dem Ersten Weltkrieg als seine Lebenszeit zu haben, war das genaue Gegenteil von einem Glückskind und auch alles andere als der lustige Vogel, als den ihn seine Ulk-Gedichte (Galgenlieder, Palmström, Korf und Kunkel) zeigen. Dass sein Nachruhm sich fast ausschließlich auf diese von ihm selbst als „Beiwerkchen“ und „Nebensachen“ bezeichneten Sprach- und Gedankenspiele bezieht, die in der 9-bändigen Gesamtausgabe seiner Werke bloß einen Band füllen, ist eine böse Ironie des Schicksals. Von dem er ohnehin geschlagen war: Körper und Gemüt viel zu zart besaitet, mit neun Jahren die tuberkulosekranke Mutter verloren, bald mit dem ignoranten Vater total zerstritten, immer in Geldnot, harmoniesüchtig, lungenkrank und schließlich nur noch von Sanatorium zu Sanatorium pilgernd – ist er schon mit 42 Jahren gestorben. Sechs Jahre zuvor hatte er seine Frau gefunden, Margareta Gosebruch von Liechtenstern, die ihn jedoch an die Wirr-Philosophie Rudolf Steiners auslieferte, in der M. endlich den Weg ins Glück gefunden zu haben glaubte. – Friede, Freude, Eierkuchen (vgl. Glauben, Steiner).

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Klaus Modick: Bestseller

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Hass

H. kenne ich nicht. Denn je mehr man über die Spezies Mensch nachgedacht und gelernt hat, umso weniger kann man einen Menschen hassen, weil er ist wie man selbst (vgl. Rückkopplung, Verständnis).

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Veganismus

V. ist die pure Überheblichkeit und Selbstüberschätzung, weil Veganer den Menschen als eine über der Tierwelt stehende besondere Gattung herausstellen. In Wahrheit sind wir Menschen bloß Tiere, deren Gehirn sich hypertroph entwickelt hat, wobei die natürliche Instinktsicherheit weitgehend verloren ging. Das führt zu absurd falschem Verhalten gegenüber Tieren wie auch gegenüber Menschen (vgl. Hybris, Pets, Sentimentalität, Vegetarier).

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Prioritäten

Dass Politiker nicht die Wahrheit sagen, kann man ihnen nicht vorwerfen, denn das gehört zum Geschäft. Man muss sich nur immer wieder klarmachen, dass sie bei ihrer eifrigen Wuselei konsequent und klammheimlich die falschen P. setzen: Immer an erster Stelle die eigene Karriere, an zweiter Stelle die Macht der Partei, der sie angehören, und erst an dritter Stelle das Interesse der Menschen, für die sie angeblich arbeiten (vgl. Ehrlichkeit, Ich, Politiker, Selbstlosigkeit).

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Medien, soziale

Unter diesem schiefen Begriff werden moderne Kommunikationsmittel zusammengefasst, die neben den etablierten Medien Presse, Funk und Fernsehen existieren, wie Facebook, Twitter, YouTube, Blogs und andere Foren. Mit ihnen sind erstmals für das Publikum Plattformen geschaffen für die freie Meinungsäußerung in der Öffentlichkeit. In der Praxis führen sie jedoch zu einer Beschränkung der Meinungsfreiheit, sobald man erkannt hat, dass man mit jeder Äußerung sein persönliches Profil verdeutlicht, das die hinter den s. M. stehenden Interessengruppen für ihre Zwecke verwenden, und weil man befürchten muss, entweder unter Hasstiraden begraben oder von den falschen Freunden vereinnahmt zu werden (vgl. Meinungsfreiheit, Persönlichkeit, Rückkopplung).

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Hintergrundmusik

Die H., beim Spielfilm auch Filmmusik genannt, kann ein beglückender Gewinn sein, wie bei den Kinofilmen „Der dritte Mann“ und „Die Brücke am Kwai“. Aber viel zu oft ist sie nur nervtötend. Und bei Fernsehdokumentationen zeugt sie fast immer von dem Bemühen der Tonmeister, alles unter einer Lärmdecke zu ersticken, was an klugen Kommentaren gebracht wird, weil die über ihren geistigen Horizont hinausgehen (vgl. Gesamtkunstwerk, Ignoranz, Musik).

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Komma

Die Regeln der K.-Setzung in der deutschen Sprache sind so kompliziert wie nicht verbindlich. Doch mit dieser Faustregel kann man sich gut in dem von den Germanisten geliebten Sprachurwald zurechtfinden: Den Text den man richtig schreiben will den Tieren der Wildnis laut vorlesen als wolle man sie zum Stillhalten überreden und an den Stellen an denen man eine kurze Pause machen muss um mehr Wirkung zu erzielen oder Luft zu holen ein K. setzen. In dieser Faustregel stehen dann ganz sicher sieben K.s (vgl. Deklamieren, Rechtschreibreform).

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Anerkennung

Zu den menschlichen Grundbedürfnissen zählt neben Essen, Trinken, Sex, Schlaf und ähnlich Unentbehrlichem zweifellos auch Anerkennung, denn ohne sie ist alles nichts. Wer mir jetzt zu widersprechen wagt, bestätigt damit meine These (vgl. Grundbedürfnisse, Ich-Instinkt, Renommiersucht).

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Meinungsäußerung

Dass jeder seine Meinung frei äußern darf, ist ein Recht, das der allgewaltigen Obrigkeit in Jahrhunderten unter schweren Opfern abgetrotzt wurde. Heute ist die Obrigkeit durch die Öffentlichkeit ersetzt. Denn je mehr Menschen in den sozialen Medien, in Leserbriefspalten und anderen Foren ihre Meinung äußern, umso mehr ist die Freiheit der M. eingeschränkt, weil sich auf diesen Plattformen bei jeder Äußerung sofort stimmgewaltige Gruppen bilden, die anderer Meinung sind und ohne jede Toleranz den anders Denkenden mit härtesten Abwertungen belegen. Das führt zum Schweigen der Gescheiten (vgl. Duckmäusertum, Meinungsfreiheit, Toleranz).

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Gegenöffentlichkeit

Der Begriff stammt aus der 68er-Bewegung des 20. Jahrhunderts. Er stand für ein Gemenge von Alternativaktionen, mit denen die Meinungsmonopole der etablierten Presse unterlaufen werden sollten. Zu diesen Aktionen zählten Demonstrationen, Blockaden, Flugblätter, Plakate sowie eigene Radiosender und die Herstellung von Videofilmen. Dazu sind auch Alternativverlage und die Zeitung taz zu zählen. Trotz aller Begeisterung und Energie blieb der Erfolg marginal. Erst durch das Internet bekam die G. seit der Jahrhundertwende eine ganz neue Dynamik, weil sich nun in den sozialen Medien und anderen Foren sowie Blogs für jeden die Möglichkeit auftut, seine Meinung den offiziell und pressemäßig verbreiteten Meinungen entgegenzusetzen, mit starker Resonanz, wenn auch oft schlecht durchdacht und in einem miserablen Deutsch. Und die etablierten Medien sehen mit hochgezogenen Augenbrauen, dass damit die ewige Einbahnstraßenregelung der Meinungsmache aufgehoben wird (vgl. Aktionismus, Blogs, Lügenpresse, Netzine).

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Deutscher Michel

Der d., ursprünglich teutsche M. ist seit der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts die personifizierte deutsche Dummheit. Ein tumber, kräftiger Kerl mit Schlafmütze auf dem Kopf, der immer wieder das belächelte Opfer der diversen Obrigkeiten sowie der lebenstüchtigeren Menschen in den Nachbarländern wird. Von daher ist die überkommene bildliche Darstellung der deutschen Wesensart immer noch hochaktuell (vgl. Anglizismen, Deutscher, Dumm, Flüchtlingskrise, Gutmenschen, Politiker, Verdrängungswettbewerb).

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Postfaktisch

P. Ist die eingedeutschte Form des englischen Begriffs post-truth, den die Oxford Dictionaries zum Internationalen Wort des Jahres 2016 erklärt haben. Er bezeichnet ein politisches Denken und Handeln, bei dem nicht mehr Fakten im Mittelpunkt stehen. Der schnell Mode gewordene Begriff ist so blödsinnig wie das Phänomen, das er umschreibt, also passend. Beispiele dafür boten die verlogene Begründung der USA für den Überfall auf den Irak im Jahre 2003, die von Emotionen gesteuerte Brexit-Entscheidung oder die bundesdeutsche Kampagne: Die Rente ist sicher. Ebenso p. ist die Behauptung der etablierten Medien, die sogenannten sozialen Medien und Foren lieferten nur Vorurteile und Hasstiraden. Sprachwissenschaftler weisen darauf hin, dass p. wörtlich übersetzt heißt: nachtatsächlich, obwohl gemeint ist: neben den Tatsachen. Und dass auch schon die englische Version von p., nämlich post-truth, unsinnig ist, weil sie wörtlich übersetzt heißt: nachwahrheitlich. Aber statt p. einfach zu sagen: unsachlich oder sachfremd oder wahrheitswidrig oder emotionsgetrieben, das ging nicht. Weil viel zu sachlich (vgl. Nonsens, Sprache, Wahrheitsliebe, Wortsetzungsmacht).

 

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Leerlauf

Zwischenzeiten ohne jede Aktivität werden gern als L. diffamiert. Dabei können sie sich als wertvollste Zeiten erweisen, wenn man nur den Gedanken freien Lauf lässt. Danach könnte es sein, dass einem eher die Zeiten der Aktivität als L.-Zeiten erscheinen (vgl. Erinnerung, Idee, Innovativ, Phantasie).

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Michel Houellebecq: Unterwerfung

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