Archiv des Autors: Laufenberg

Urteilskraft

Bisher basierte U. auf höherer Bildung und viel Lebenserfahrung. Neuerdings jedoch generiert man U. aus der imponierend großen Zahl von Followern, Friends und Likes, die man hat. Das ist die endlich gelungene geistige Verjüngung unserer Gesellschaft (vgl. Abendland, Massenmensch, Persönlichkeit, Urteilsvermögen).

Veröffentlicht unter Lästerlexikon, S-Z, U | Kommentare deaktiviert für Urteilskraft

Nationalcharakter

Ein Stichwort, das in meinen großen Lexika von Meyers und Brockhaus fehlt. Und bei Wikipedia wird es nur mit ängstlichen Einschränkungen gebracht, weil ethnische Diffamierungen und die Verbreitung von bloßen Klischees sowie die Selbstüberschätzung der Schreiber als Fehlerquellen nicht auszuschließen sind. Dennoch und trotz der schon weit fortgeschrittenen Globalisierung und bei aller Liebe zur Gleichmacherei wage ich zu behaupten: Es gibt auch im ersten Quartal des 21. Jahrhunderts im N. noch deutliche Unterschiede. Denn klimatische Bedingungen und politische Ereignisse sowie kulturelle und wirtschaftliche Erfolge der einzelnen Völker haben dazu geführt, dass hier und da und dort ein jeweils etwas anderer Menschentypus vorherrschend wurde. Und den zu betrachten, ist ein Spaß für sich (vgl. Deutscher, Kuriositätenkabinett, Verallgemeinerung).

Veröffentlicht unter J-R, Lästerlexikon, N | Kommentare deaktiviert für Nationalcharakter

806. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

 

 

Wem ich meine Stimme bei der Europawahl gebe? – Das weiß ich nicht. Denn als deutscher Schriftsteller fühle ich mich von den EU-Sprachregelungen und dem Auftreten sämtlicher EU-Politiker auf eine unverschämte Weise herabgesetzt. Nach wie vor wird Deutsch, also die Muttersprache der weitaus größten Bevölkerungsgruppe der EU, diskriminiert. Nur ein Beispiel: Der Pressesaal der EU-Kommission ist bloß auf Englisch und Französisch beschriftet. Deshalb sage ich auf die Frage, wem ich meine Stimme gebe, nicht shit oder merde, ich grüße mit Götz von Berlichingen.

 

Wenn ich meinen Computer ausschalten will, muss ich das Zeichen für Start anklicken. Dieser Widersinn sagt doch schon alles über das Sprachunvermögen und die Gedankenlosigkeit der Programmentwickler. Dabei sind das die Leute, die mittlerweile unser gesamtes Leben organisieren.

 

Jetzt erst ist ans Licht gekommen, dass der amerikanische Chemiekonzern Monsanto in Europa heimlich die Wissenschaftler und Journalisten überwacht, die sein Produkt Glyphosat kritisch bewerten. Da kann man nur hoffen, dass unter den Bayer-Managern jemand ist, der ein bisschen Juristisches gelernt hat und dem noch rechtzeitig einfällt, dass man in modernen Rechtssystemen einen Kauf (also auch den Kauf von Monsanto) rückabwickeln kann, wenn einem ein schwerer Mangel der Kaufsache (in dem Fall der bei Monsanto übliche Umgang mit der Wahrheit) verschwiegen worden ist.

 

Die Frankfurter Allgemeine moniert, dass Literaturverlage wie Piper und S. Fischer sowie Kiepenheuer & Witsch als Spitzentitel in ihren neuen Programmen die Romanversuche von bekannten Schauspielern anbieten. Die Zeitung stellt die Frage: Habt ihr denn nichts anderes? So berechtigt diese Kritik an den Verlagen ist, muss sie doch eigentlich an das Publikum weitergereicht werden: Liebe Buchkäufer und Leser, findet ihr nichts wichtiger bei der Auswahl eures Lesestoffs als einen Autorennamen, der euch vom Fernsehen her geläufig ist? Euch reizen ausgerechnet die Namen von Schauspielern, also von Leuten, die nur nachplappern, was richtige Autoren ins Drehbuch geschrieben haben.

 

Ich frage mich, warum wir für manche Dinge kein deutsches Wort haben. So für das Stück Gesicht zwischen Oberlippe und Nase. Und noch erstaunlicher: Es fehlt – neben dem medizinischen Fachbegriff – ein deutsches Wort für das, was wie ein schmaler, flacher Graben von der Nasenscheidewand senkrecht zu der Oberlippe hinab führt. Vielleicht zu peinlich zum Benennen. Weil das überhaupt kein Graben ist, vielmehr die Vertiefung zwischen den beiden etwas erhöhten schiefen Ebenen, die über der Oberlippe stehen und zuverlässig dafür sorgen, dass jeder Nasenausfluss zur Seite geleitet wird statt in den Mund zu laufen.

 

Ich habe vor, das alte Foto von mir, das in dem Wikipedia-Artikel über mich zu sehen ist, durch ein schöneres Porträt zu ersetzen. Das Problem ist nur, dass man bei Änderungen beweisen muss, dass sie nötig sind. Und wie soll ich beweisen, dass ich schöner geworden bin?

 

Bei den Todesanzeigen in der Zeitung fallen mir – neben der Verwandtschaft – immer wieder die umfangreichen Ansammlungen von Namen auf, die den Verstorbenen besonders ehren wollen. Und mir kommt der Verdacht: Manch einer hält seinen Namen für so wichtig, dass er nicht warten kann, bis er selbst der fettgedruckte Tote in der Zeitung ist.

 

Nach einer Studie des Bundesbildungsministeriums haben in Deutschland gut sechs Millionen Erwachsene erhebliche Lese- und Schreibschwierigkeiten. Für mehr als die Hälfte von ihnen ist Deutsch die Muttersprache. Dieses Ergebnis erscheint mir geschönt zu sein. Ein Blick in die sozialen Medien zeigt, dass kaum einer sich fehlerfrei auf Deutsch ausdrücken kann. Nischt einmal isch.

 

Das habe ich so noch nie erlebt. Mein neues Buch „Die Triangel“, kaum erschienen und von mir auf der Leipziger Buchmesse mit einer Lesung vorgestellt, war nicht mehr zu bekommen. Weil es so viele Vorbestellungen gab, die der Verlag zuerst bedienen musste. Daneben gab es auch Schwierigkeiten in der Produktion. Ich habe wochenlang auf das Paket mit den mir zustehenden Belegexemplaren warten müssen, weil dann auch noch der Buchhandel vorrangig beliefert werden musste. Doch jetzt ist „Die Triangel“ überall erhältlich. Dieses Buch über einen Wissenschaftler, einen Künstler und eine gefühlsbetonte Frau zwischen ihnen, eine Ménage à trois, kommt offenbar gut an. Wer das ungewöhnliche Trio bei seinen Erlebnissen in Israel, New York und Berlin begleiten will, sollte jetzt rasch zugreifen. Damit er nicht warten muss, bis die nächste Auflage des Buches, das in Israel gedruckt und gebunden wird, beim Verlag in München angekommen ist.  

 

Veröffentlicht unter Aktuell | Kommentare deaktiviert für 806. Ausgabe

Sinne

Man sagt, wir Menschen hätten nur fünf S., nämlich den Gehörsinn, den Sehsinn, den Geruchssinn, den Geschmackssinn sowie den Tastsinn. Wenn vom sechsten Sinn die Rede ist, bezeichnet man damit eine Fähigkeit, die über die Möglichkeiten der fünf S. hinausgeht. Gemeint ist in dem Fall bloß ein Ahnen, ein diffuses Sich-Vorstellen-Können, ein Voraussehen oder den richtigen Riecher Haben. Andere S. sind weitgehend Schwachsinn oder zumindest Unsinn, so der Gemeinsinn, der Familiensinn, der Gerechtigkeitssinn und der Bürgersinn. Wir sind so voller S., dass es schon ein Wahnsinn ist. Dabei fehlt uns ein wichtiger Sinn, nämlich der Lagesinn, was wir mit viel Blödsinn wettzumachen versuchen (vgl. Sinn). 

Veröffentlicht unter Lästerlexikon, S, S-Z | Kommentare deaktiviert für Sinne

Engländer

Der E. ist ein verstellbarer Schraubenschlüssel. Den sollte man als Warnung vor sich sehen, wenn es um die E. geht, also um die Bewohner Englands. Denn die verstehen es seit jeher, ihre Interessen so kraftvoll, verstellt und unwiderstehlich in immer neuen Windungen durchzusetzen, dass den politischen und kommerziellen Gegnern Hören und Sehen vergeht und sie nur noch Bahnhof verstehen, und zwar, als wäre das selbstverständlich, auf Englisch (vgl. Amerikaner, Deutscher, Schwede, Schweizer, Verallgemeinerung).  

Veröffentlicht unter A-I, E, Lästerlexikon | Kommentare deaktiviert für Engländer

Renommee

Weil Leute mit höherer Bildung durchweg keine Lust haben, sich mit weniger Gebildeten auf Diskussionen einzulassen, haben auch Halb-, Viertel- und Achtelgebildete die Chance, auf ihrer jeweiligen Ebene sogar mit ihrer geringen geistigen Ausstattung aufzutrumpfen (vgl. Bescheidenheit, Bildung).

Veröffentlicht unter J-R, Lästerlexikon, R | Kommentare deaktiviert für Renommee

Demokratieschwund

Nicht nur die Wahl Trumps zum US-Präsidenten und das Brexit-Debakel zeigen: Es reicht nicht mehr, demokratische Institutionen wie Parlament und Wahlrecht zu garantieren, weil man das Wahlvolk nicht schützen kann vor absichtlicher Irreführung durch Falschmeldungen, die von der Journaille und den sozialen Medien nur zu gern aufgegriffen und weiter verbreitet werden (vgl. Demokratie, Journaille, Wahrheit). 

 

Veröffentlicht unter A-I, D, Lästerlexikon | Kommentare deaktiviert für Demokratieschwund

805. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

Zahlen hinterlassen wir wie Kaninchen Küttel. Unsere Zustimmung wird gezählt mit Likes oder Followers, unsere Zugriffe und Besuche addieren sich als Hits und Visits. Wenn wir fernsehen, machen wir Quote, mit jedem Einkauf verändern wir den Zufriedenheitsquotienten. Und immer noch treiben wir mit der Liebe den Vermehrungsindex hoch. Was wir auch tun oder lassen, wir sind der Prozentsatz von etwas, an das wir dabei nicht gedacht haben. Und dass wir dabei sind, mit der totalen Digitalisierung das letzte Quäntchen Freiheit zu verlieren, daran zu denken haben wir überm permanenten Kütteln keine Zeit.

 

Out ist: Auf Experten hören! Viel zu frustrierend, weil es immer auch Experten mit gegenteiliger Meinung gibt. In ist: Auf die kindlich-klaren Ratschläge von Greta, Kevin und Co. hören! 

 

Die Gedanken sind frei!? Hirnforschern soll es gelungen sein, ein Gerät zu entwickeln, das Gedanken in rechnergenerierte Sätze umwandeln kann. Damit soll in Zukunft Patienten mit Sprachstörungen geholfen werden. Getestet und für gut befunden wurde das Gerät aber an Menschen ohne Sprachprobleme. Das Problem wird sein, dass mit der Fähigkeit zum Gedankenlesen unser Leben total umgekrempelt wird. Nach dem schon heute zu weit gehenden Verlust der freien Meinungsäußerung und der Rundum-Überwachung durch den Smartphonegebrauch ist die Gedankenfreiheit das letzte Reservat des freien Menschen. Eine Freiheit, die den Konzernschefs, Politikern, Militärs und Religionsführern schon lange missfällt.

 

Das ist gut sechzig Jahre her, dass ich als Schüler mit dem Fahrrad und meinem kleinen Sparkapital zur Deutschen Bank gefahren bin und meine ersten Aktien gekauft habe. Das waren Bayer-Aktien. Jetzt, da offensichtlich ist, dass die Bayer-Manager mit dem Ankauf von Monsanto, dem weltweit umstrittenen Glyphosat-Hersteller, den Bayer-Konzern dem amerikanischen Rechtssystem mit seinen Wahnsinnsurteilen ausgeliefert haben, bringe ich es nicht über mich, die Aktien abzustoßen. Denn Aktionär sein ist wie verheiratet sein, das heißt, in guten und in schlechten Zeiten zusammenzustehen.  

 

Bei der Berichterstattung über die turbulente Bayer-Hauptversammlung am 26. April zeigte Spiegel Online den kurzen Archivfilm über einen gemeinsamen Auftritt der beiden Vertragschließenden unmittelbar nach der Monsanto-Übernahme durch Bayer. Der Bayer-Chef Baumann in seinem Abiturientenlook und der Monsanto-Chef Grant, ein richtiger Erwachsener mit überlegenem Grinsen. Beide reden auf Englisch. Das erinnerte mich an die Verträge, die im 19. Jahrhundert gerissene europäische Kaufleute mit Vertretern von Kolonialvölkern abgeschlossen haben und die man heute gern als unsymmetrisch und deshalb nichtig betrachtet.

 

Die Bundesregierung will die weitere Ausbreitung der Masern verhindern, indem sie mittels gesetzlicher Impfpflicht auch die letzten Impfverweigerer zur Vorsorge zwingt. In den Fernsehnachrichten wurde diese Information mit Bildern untermalt, die in einer einzigen Sendung fünfmal zeigte, wie ein Kleinkind mit der Nadel gequält wurde. Eine aufmunternde journalistische Glanzleistung.  

 

Laut „Handelsblatt“ wird Facebook weltweit in 111 Sprachen angeboten. Weitere 31 Sprachen werden in dem Portal stark genutzt. Ein hauseigenes Regelwerk soll Hassbeiträge und Verherrlichung von Gewalt verhindern, ist jedoch noch nicht in alle Sprachen übersetzt. Deshalb gibt es die automatische Filterfunktion bisher erst in 30 Sprachen. Dabei drohen den Facebook-Managern in etlichen großen Ländern hohe Strafen, wenn unerwünschte Inhalte nicht rasch gelöscht werden.

 

Jetzt wird schon empfohlen, auch eine kurze Hotelierausbildung bei der Bestallung von Botschaftern vorauszusetzen. Die Köche in Botschaften sollen nach ihren Fertigkeiten in der Herstellung von fremdländischer Kost ausgesucht werden. Und die Architekten von Botschaftsgebäuden sollen weit mehr Platz für Besuchszimmer einplanen als bisher. Zu diesem Wandel haben die katastrophalen Verhältnisse bei den Botschaftsbesetzungen von 1989 durch Hunderte DDR-Flüchtlinge in Budapest und Prag geführt, dann auch der jahrelange Besuch des WikiLeaks-Gründers Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London und jüngst das Quartiernehmen des Oppositionsführers von Venezuela, Leopoldo López, in der spanischen Botschaft in Caracas. Das Diplomatenleben ändert sich radikal.   

 

Ich stieß in der „FAZ“ auf die große Überschrift: „Nur wer aufschreibt, verändert die Welt.“ Klar, dass ich mich trotz der mir angeborenen Bescheidenheit angesprochen fühlte. Deshalb habe ich mich sofort begierig auf diesen Artikel gestürzt. Doch dann die große Enttäuschung, weil dort mein Name nicht ein einziges Mal erwähnt wurde. Unglaublich, aber wahr. Wie kann der hochgeschätzten Tante „FAZ“ nur solch ein Fehler unterlaufen?

 

Flandern zum Kunst-Erwandern. Der Maler, dessen Bilder jedem schon begegnet sind, von dem man aber kaum was weiß, Pieter Bruegel der Ältere, wird jetzt anlässlich seines 450. Todestages in seiner Landschaft Flandern mit vielen Veranstaltungen gefeiert. Die Romanbiografie dieses Großmeisters der Malerei habe ich nach zwanzigjähriger Recherche im Jahre 2007 unter dem Titel „Die Frauen des Malers“ veröffentlicht. Das turbulente Leben eines Künstlers, wie es sich in seinen Bildern verrät und mit viel Geschick sogar noch unter dem Terror des von Spanien besetzten Landes möglich war. 352 Seiten, 15.50 Euro, das Erfolgsbuch, überall im Buchhandel.

Veröffentlicht unter Aktuell | Kommentare deaktiviert für 805. Ausgabe

Tagebuch

In den Eingeweiden seines Seins fingern, schwarz auf weiß verbluten und das Hecheln still verkrusten lassen. Aber beim Zurückblättern dann gerafften Stundenschlag im Rücken (vgl. Resümee).

Veröffentlicht unter Lästerlexikon, S-Z, T | Kommentare deaktiviert für Tagebuch

Resilienz

R. kommt vom lateinischen resilire/zurückspringen und ist ein Modebegriff für Elastizität in medizinischen, psychologischen, technischen und wirtschaftlichen Drucksituationen. Eine Allerweltserklärung für einen Stehaufmänncheneffekt, die zwar nichts erklärt, aber Eindruck macht, weil immer noch weitgehend unbekannt (vgl. Renommage).

Veröffentlicht unter J-R, Lästerlexikon, R | Kommentare deaktiviert für Resilienz