Amour Fou

(Österreich, Deutschland, Luxemburg, 2014, 96 Minuten, Drehbuch und Regie: Jessica Hausner)

Wenn auch der Titel sagt, es gehe um die Illustrierung eines Falles von närrischer Liebe oder Liebestollheit oder wahnsinniger Leidenschaft – was alles als Übersetzung des Begriffs „Amour Fou“ möglich ist – im Mittelpunkt dieses Films steht doch Heinrich von Kleist.

Der Dichter ist im Oktober 1777 in Frankfurt an der Oder geboren und im November 1811 in Berlin durch Suizid gestorben. Der 34-jährige Autor eines umfangreichen und sprachgewaltigen literarischen Werks, zu dem Dramen gehören wie „Käthchen von Heilbronn“, „Prinz Friedrich von Homburg“, „Die Hermannsschlacht“, „Penthesilea“ und „Der zerbrochene Krug“, daneben auch noch die Erzählungen „Die Marquise von O“ und „Michael Kohlhaas“ sowie „Das Erdbeben in Chili“, tritt in diesem Film in seinem letzten Lebensjahr auf wie ein unreifer Junge, der in Gesellschaft meistens nur dumm dasteht und zu dem Gespräch nichts beizutragen weiß außer gelegentlichen Bemerkungen, die den Anwesenden nichts sagen. Und das in dem betont schlicht gehaltenen Rahmen eines Bürgertums, das sich zu kleinkarierter Gemütlichkeit in seine Wohnung zurückgezogen hat.

Als eine Würdigung der Persönlichkeit eines der Großen der deutschen Klassik wäre das misslungen. Das aber steht offensichtlich nicht als Absicht hinter diesem Film. Als krasse Verdeutlichung der Rolle des Dichters als Außenseiter kann man es dagegen durchgehen lassen, dass der Dichter in diesem Streifen dasteht als ein recht albern wirkender Egozentriker mit spätpubertär anmutender Unsicherheit. Die besondere Ichbetontheit, die naturgegeben jeden Künstler auffällig von den ebenfalls naturgegeben egozentrischen Durchschnittsmenschen unterscheidet, soll gezeigt werden. Überdeutlich wird darauf hingewiesen, dass es diesem Sonderling bei der Liebe nur darum geht, geliebt zu werden. Was zwar nichts Neues war, im Falle Kleist aber als Grund oder zumindest Anlass schwergewichtig genug war, sich und die Frau, die ihn liebte, umzubringen. Was zur damaligen Zeit noch hieß, dass Kleist zum Mörder geworden ist, der sich gleich anschließend selbst töten musste, um der fälligen Bestrafung zu entgehen. Ein Folgethema, das der Film jedoch zum Glück ausspart.

Heinrich von Kleist hat ein breit angelegtes Studium frühzeitig abgebrochen, hat etliche Berufe ausprobiert und schnell hingeworfen, sich damit jedoch nur teilweise selbst in die ungünstige Position des Außenseiters gebracht. Er hat sich auch unnötigerweise mit Leuten gestritten, die in Positionen waren, in denen sie ihm weiterhelfen konnten. Damit hat er sich gesicherte Einnahmen und gesellschaftliche Anerkennung verscherzt. Dadurch stand der Mann, der zwar aus altem Adel stammte, aber ohne Besitztümer und Einfluss war, immer wieder als ein Bittsteller da. Er fand trotz mehrfacher Bemühung keine passende Festanstellung beim Staat, die besonders renommierten Theater führten seine Stücke nicht auf, für die Literaturkritiker waren seine Themen unvertraut fremdartig und seine sprachkünstlerische Ausdrucksweise oft sogar abstoßend, und Frauen, die den Dichter im ersten Moment faszinierend fanden, stieß er vor den Kopf, weil er ihnen unverhohlen zeigte, dass Liebe letztlich nur Selbstliebe ist. Heinrich von Kleist als der Doyen aller unbeachtet links liegen gelassenen Meister der deutschen Dichtung.

Tatsächlich fehlte es Kleist an der Eleganz des Agierens auf dem höfischen Parkett, die Goethe ihm vorgemacht hatte, und an dem schauspielerischen Talent als Liebhaber, das sein später Nachfolger Rilke so erfolgreich einsetzen sollte. Zum Dichterfürsten gehört halt viel mehr als nur ein stattliches Sprachkunstwerk. Denn der gewaltige Eisberg, den die Gesellschaft in ihrer platten Ausgeliefertheit an die Alltagssorgen bildet, ist und bleibt immer das gleiche nur schwer zu überwindende Hindernis für den Künstler: Wie diesen Eisblock umschiffen, ohne an ihm Schiffbruch zu erleiden? Und dabei gar nicht davon zu träumen, diesen Klotz in eine andere Richtung zu dirigieren.

Das ewige Problem des wahren Künstlers. Doch der Film „Amour Fou“ greift dieses Thema nicht auf. Er lässt seine Hauptfigur als Melancholiker in eine Todessehnsucht hineinstolpern, die völlig unbegründet ist und deshalb für den Betrachter unverständlich bleibt. Damit wird Kleist schon fast zu einem Verrückten.

Auch bei Henriette Vogel, der jungen Frau und Mutter in gesicherten großbürgerlichen Verhältnissen, die er schließlich dazu überreden kann, in die gemeinsame Selbsttötung einzuwilligen, bleibt das Motiv zur Selbstaufgabe unklar – schwere Erkrankung oder nicht – , was einen vollends ratlos dasitzen lässt. Für die Zuschauer dieses Films geht es nicht mehr um eine verrückte Liebe, sondern um zwei Verrückte, deren  Tun rätselhaft bleibt. Weshalb man ihnen raten möchte, zum Psychotherapeuten zu gehen statt in den Wald am Berliner Kleinen Wannsee, wo Kleist zweimal schießt.

Dass sich die Namen dieses Selbstmörderpärchens trotzdem untilgbar in die deutsche Kulturgeschichte eingeschrieben haben, muss einem dabei wahrhaftig „fou“ vorkommen.

(Walter Laufenberg in: www.netzine.de)

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