834. Ausgabe

Passiertes! – Passierte es?

 

War das ein schöner Fronleichnamsabend: In der ZDF-Nachrichtensendung „heute“ bekam ich zu Corona gesagt, die Zahl der Neuinfektionen sei im Durchschnitt der letzten sieben Tage nur leicht auf 380 gestiegen. In der Online-Ausgabe der Welt hatte ich jedoch gerade erst gelesen, dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen aktuell auf 555 gestiegen sei. Da fragte ich mich: Darf man sogar an einem hohen kirchlichen Feiertag, wenn man es nur geschickt genug anstellt, so die Leute belügen?

 

Zu dumm, dass die Engländer und Amerikaner die Vokale nicht richtig aussprechen können. Weil sie das schlichte I zum Ei machen, kann ich zwar schreiben, aber nicht sagen: „Ich wünsche Biden den Sieg im Präsidentschaftswahlkampf.“

 

Da und dort große Demonstrationen gegen Rassismus, also gegen die Herabsetzung von Menschen, weil sie angeblich einer anderen Rasse angehören. Absolut berechtigt, aber auch ein schwieriger Drahtseilakt, weil jede Ablehnung von Irgendetwas dazu tendiert, sich in die Begeisterung für sein Gegenteil hineinzusteigern. So neigt die Ablehnung von Rassismus zur Empathieäußerung für die Geschmähten. So sehr eine solche Äußerung den Adressaten zu gönnen ist, schon als ansatzweise Wiedergutmachung geschehenen Unrechts, es ist das eindeutig auch wieder Rassismus. Dabei haben wir doch nach dem Zweiten Weltkrieg in der Abrechnung mit der verheerenden Nazi-Rassenlehre gelernt, dass es beim Menschen überhaupt keine unterschiedlichen Rassen gibt. Wenn wir nicht endlich den Begriff Rasse generell vermeiden oder ihn zumindest durch ein neutrales Wort (Aussehen oder Eigenart oder Ethnie?) ersetzen, kommen wir nicht aus dem Teufelskreis heraus.

 

In England verlangen die Unternehmen bei Stellenausschreibungen immer öfter auch deutsche Sprachkenntnisse. Inzwischen ist Deutsch vor Französisch und Chinesisch auf der Insel zur am häufigsten erwarteten Fremdsprache aufgestiegen. Eine Erfolgsmeldung. Doch in Deutschland wird Deutsch leider immer mehr zur Fremdsprache.

 

Bitte schön, für alle Anglizismus-Verrückte ein Bonbon: Für den traditionellen Roman über die Entwicklung eines jungen Menschen, der seit Jahrhunderten als Bildungsroman bezeichnet wird, wollen die Anglizisten als Bezeichnung einführen: Coming-of-Age-Roman. Dieser Begriff, nicht gerade handlich, meint im Englischen aber nur soviel wie mündig oder volljährig werden, ist also eine Einschränkung und deshalb meist unpassend. Ein Trost: Im Französischen und im Italienischen benutzt man für den Entwicklungsroman ebenfalls ein Fremdwort, nämlich das deutsche Wort Bildungsroman. 

 

Dass Regierungen ihre Untertanen durch willkürliche Zensur am kurzen Zügel halten, ist schon eine alte Tradition, die im Endeffekt zur Entwicklung und allgemeinen Anerkennung gewisser Freiheitsrechte führte, z. B. Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Wenn jetzt die Regierenden schon selbst über Zensur zu klagen haben, wie zuletzt Präsident Trump über Twitter-Widerborstigkeit, ist das eine Weiterentwicklung, die hoffen lässt.

 

In manchen Ländern steigt das Interesse an der deutschen Sprache so deutlich, wie es in anderen deutlich sinkt. Und ich frage mich vergebens, was das für mich als deutschen Schriftsteller bedeutet. So irritierend ist das Ergebnis der neuen Erhebung des Auswärtigen Amtes, die alle fünf Jahre durchgeführt wird. Danach ist die Zahl der Deutschlerner stark gestiegen in Dänemark, Tschechien, Frankreich und den Niederlanden. Gleichzeitig ist sie stark gefallen in Ungarn, England und Amerika. Immer noch gibt es die meisten Deutschlerner in Polen, aber auch dort ist ein starker Rückgang zu verzeichnen. Als Wachstumsländer für Deutsch zeigen sich China und etliche afrikanische Staaten. Immerhin gibt es gegenwärtig insgesamt 15,4 Millionen Deutschlerner auf der Welt, davon allein 11,2 Millionen in Europa. Doch wir Deutschen ruinieren unsere Sprache mit Gender-Unfug und Anglizismen-Inflation.

 

Nach einer Erhebung der Zeitung „Welt am Sonntag“ lehnen 56 % der Leser die Genderei mit dem unaussprechlichen Binnen-I und Gendersternchen ab. Selbst unter den Frauen überwiegt mit 52 % die Ablehnung. Jetzt muss sich also jedes einzelne Medium entscheiden: Sollen wir den modischen Gender-Quatsch mitmachen, mit dem Emanzen sich aufzuwerten versuchen, oder sollen wir bei korrektem Deutsch bleiben?

 

Der bedeutendste Hofnarr im deutschen Sprachraum, der Zwerg Perkeo, hat vor exakt dreihundert Jahren die ängstliche Speichellecker-Gesellschaft am Hofe des Pfalzgrafen und Kurfürsten bei Rhein, Carl Philipp, im Heidelberger Schloss mit seinen dreisten Scherzen aufgemischt. Darüber habe ich zwei amüsante Bücher veröffentlicht. Beide als Taschenbuch im Handel (siehe hier im Netzine unter Bücher). Als ich Perkeo vor einigen Jahren in einem Park begegnet bin, gab es prompt Streit, und er hat mir einen fiesen Tritt vors Schienbein verpasst. Von meinem Freund Thomas Martin ist dieser Fehltritt aber als Film festgehalten worden (www.youtube.com/watch?v=6sm-bnmNFDo).   

 

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